Begegnungen mit Leo Kofler

Hier stellen wir Texte zu Leo Kofler ein, die einen eher persönlich-erinnernden Charakter haben. Unter dem Titel Begegnungen mit Leo Kofler haben wir 2011 im Kölner PapyRossa-Verlag ein Lesebuch herausgegeben, das uns als Muster für diese Rubrik dienen soll. Wir veröffentlichen hier Auszüge aus den Beiträgen dieses Lesebuches sowie andere, entweder woanders oder bisher gar nicht veröffentlichte Beiträge. (Für Hinweise auf oder Zusendungen weiterer Begegnungen wären wir dankbar.) Zunächst jedoch der Klappentest des Buches, sodann ein Auszug aus dem Herausgeber-Vorwort.

Klappentext des Lesebuches:

Leo Kofler (1907-1995) war einer der markantesten Gestalten des deutschen Nachkriegsmarxismus und ein wichtiger Vermittler zwischen alter Arbeiterbewegung und Neuer Linker. Jenseits auch des linken Mainstreams widmete er sich der Erneuerung der marxistischen Theorie und ihrer Anwendung auf so unterschiedlichen Gebieten wie der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, der Soziologie und Kritik des sozialstaatlichen Kapitalismus, der Anthropologie und der Ästhetik. Jede Geschichte der deutschen Linken und ihrer Theoriedebatten bleibt unvollständig, wenn sie nicht auch auf Koflers Arbeiten und seine oft eher verborgenen Einflüsse eingeht. Das Lesebuch dokumentiert deswegen zentrale Spuren dieser Wirkungsgeschichte und bietet ein beeindruckendes Panorama biografischer wie intellektueller Begegnungen mit Kofler.

Texte u.a. von Wolfgang Abendroth, Johannes Agnoli, Ernst Bloch, Iring Fetscher, Wolfgang Harich, Alfred Kosing, Bruno Kreisky, Georg Lukács, Ernest Mandel, Jakob Moneta, Oskar Negt, Theo Pirker, Werner Seppmann, Robert Steigerwald, Klaus Vack und Bernard Willms.

Uwe Jakomeit / Christoph Jünke / Andreas Zolper (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln: PapyRossa 2011, 209 Seiten, EUR 14,90 [D] / EUR 15,40 [A] / SFR 21,90, ISBN 978-3-89438-474-6. Der mittlerweile vergriffene Band kann, in verbilligten Restexemplaren, über unsere Gesellschaft bezogen werden.

Auszug aus dem Herausgebervorwort des Lesebuches: „Leo Kofler – Ein Mann der Lehre“

„Trotz seines umfangreichen schriftlichen Werkes war Kofler […] ein Mann der Lehre und ging erst wirklich auf in jener Kunst des mündlichen Vortrags, die er in den Bildungsinstitutionen der österreichischen Sozialdemokratie der 1920er und 1930er Jahre erfahren und erlernt hat, in jenem ‚roten Wien‘, das ihm auch in späteren Jahrzehnten noch ein Stück Heimat geblieben ist. Am nachhaltigsten wirkte er deswegen zeitlebens gerade in der direkten Begegnung, als Lehrer und Freund, als Kollege und Genosse. Und in den mehr als sechzig Jahren seines praktischen Wirkens sind viele tausend Menschen durch seine Schule gegangen, haben das ABC eines undogmatischen Marxismus kennen und schätzen gelernt und sich an einer Ironie erfreut, die man in seinen Schriften zumeist vergeblich sucht. Sie arbeiten heute als Lehrer und Dozenten, als Gewerkschafter oder in den Institutionen des zweiten Bildungsweges, als Journalisten, Künstler oder Politiker, als Juristen oder in der Computerbranche, im Staatsapparat oder in der „freien“ Wirtschaft – selten in hohen Positionen, aber immer mit einer intensiven Erinnerung an jenen Leo Kofler, dem sie intellektuell so viel zu verdanken haben. Sie sind ein Beispiel für jene von Kofler theoretisierte ‚progressive Elite‘, die sich zumeist in offener oder latenter Opposition gegen den herrschenden Gang der Dinge verortet, ohne damit eine identifizierbare, homogene Einheit zu bilden.“

Kurt Seliger: In der Schweizer Emigration

Die anregendsten Debatten aber führte ich mit Leo Kofler. Der aus Polen stammende Marxist Kofler war in Wien Schüler Max Adlers gewesen und hatte sich, wie schon erwähnt, als Referent der Sozialdemokratischen Bildungszentrale einen Namen gemacht. Er war ein kritischer Anhänger der Sowjetunion, der KPÖ gegenüber hatte er jedoch große Vorbehalte. In ihrer Führung gebe es kaum einen theoretischen Kopf, nur mehr oder weniger unbedeutende Praktiker, meinte er.

Koflers Frau war nach England emigriert, und als Alleinstehender musste er im Sommercasino schlafen. Der hochgewachsene, soweit noch zu erkennen war, rothaarige Mann fiel mir bald auf, weil er stets wortreich und überlegen mit anderen Emigranten diskutierte. Was mich sofort beeindruckte, war die Art, wie er zu bestimmten Fragen Stellung nahm: Ihm schien jedes schablonenhafte Denken fremd. Zudem zeichneten sich seine Darlegungen durch große Sachkenntnis aus. Ich hatte das Gefühl, dass er weit tiefer in die Probleme eindrang, als ich das bisher erlebt hatte, und dass er bemüht war, alle Fragen in ihrem Zusammenhang und in ihrem Widerspruch zu erfassen.

Es konnte indessen nicht ausbleiben, dass ich in manchen Gesprächen mit Kofler politisch in Streit geriet. So, als ich die Moskauer Schauprozesse verteidigte. Ich tat dies, obwohl mir bereits der erste Prozess gegen Sinowjew und Kamenew Kopfzerbrechen bereitet hatte. Dieser Prozess hatte im August 1936 stattgefunden. Ich war damals fünfzehn Jahre alt und hatte mir in den Schulferien John Reeds bekannte Reportage über den russischen Oktoberumsturz Zehn Tage, die die Welt erschütterten vorgenommen. Dass dieses Buch damals in der UdSSR bereits verboten war, wusste ich allerdings nicht. Ich las es mit großer Aufmerksamkeit und wunderte mich bloß, dass so wenig von Stalin die Rede war. Umso mehr freilich von Lenin, Trotzki, Sinowjew und Kamenew. Als mein Vater eines Abends nach Hause kam, war ich, als ich die Überschrift in der Zeitung las, die er mitgebracht hatte, wie vor den Kopf geschlagen. Ich las die Schlagzeile: ‚Sinowjew und Kamenew in Moskau zum Tode verurteilt‘. Ich war völlig verwirrt. Eben hatte ich doch bei John Reed von den beiden gelesen, dass sie die engsten Mitarbeiter Lenins gewesen waren, und nun sollten sie Verräter sein? Ein älterer Genosse klärte mich bald auf: Sinowjew und Kamenew wären gegen die Machtergreifung im Jahre 1917 gewesen; sie seien zu Verrätern geworden und hätten mit dem Klassenfeind konspiriert, um die Sowjetmacht zu stürzen. Diese Erklärung nahm ich kritiklos hin. Mich näher über diesen Prozess und seine Vorgeschichte zu informieren, dazu hatte ich keine Gelegenheit.

Nur mit der Überzeugung bewaffnet, die Sowjetunion würde schon nichts Unrechtes getan haben, stand ich nun Kofler gegenüber. Doch der ließ das nicht gelten. Seine Wertschätzung galt vor allem dem im März 1938 hingerichteten Nikolai Bucharin: „Bucharin ein Verräter? Dass ich nicht lache! Weißt du überhaupt, wer Bucharin war? Er war einer der bedeutendsten marxistischen Theoretiker! Du musst einmal seine Ökonomische Theorie des Rentners lesen, diese ausgezeichnete Widerlegung der Anschauungen von Böhm-Bawerk. Ich bin kein Feind der Sowjetunion, aber ich sage dir, Bucharin und alle anderen Hingerichteten waren nicht Verräter, sie sind bloß in den innerparteilichen Auseinandersetzungen unterlegen und so Stalins Opfer geworden. Auch Trotzki war niemals ein Verräter. Er hat gewiss in manchen Fragen geirrt, aber ein Verräter war er nie!“

Nach solchen Ausführungen Koflers wurde mir das Ausmaß meiner Unwissenheit erst so richtig klar. Ich beschloss, mich über all diese Fragen eingehend zu informieren, was ja in der Schweiz ohne weiteres möglich war. Allerdings nahm ich mir nur Werke vor, die die offizielle sowjetische Version darlegten. Ich las alle Prozessberichte, Schriften von Lenin und Stalin und stieß auch auf Max Seydewitz‘ dickleibiges Buch Stalin oder Trotzki?, das mich in meiner Meinung schon allein deswegen bestärkte, weil der Autor Sozialdemokrat war. Freilich, auch er gab nur den Standpunkt der KPdSU wieder. (Max Seydewitz trat 1945 offiziell der KPD, dann der SED bei und wurde in der DDR mit hohen Funktionen betraut. Er ist am 8.Februar 1987 in Dresden im Alter von 94 Jahren gestorben.)

Meine aus dieser Lektüre gewonnenen Kenntnisse beeindruckten Kofler indessen nicht. Geduldig, aber auch mit viel Spott und Sarkasmus, setzte er sich mit mir auseinander, und obwohl ich um vieles jünger war als er, nahm er mich ernst und regte mich immer wieder an, mich nicht nur mit aktuellen politischen Fragen, sondern auch mit der Theorie des Marxismus zu beschäftigen. So begann ich die Freizeit, die mir die auferlegte Beschäftigungslosigkeit bot, zum Studium marxistischer Literatur, der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung und mancher Dokumente der kommunistischen Bewegung zu nutzen. Immer wieder beriet Kofler mich, diskutierte mit mir über dieses oder jenes Buch und weckte in mir nicht zuletzt auch das Bedürfnis, nichts als gegeben hinzunehmen, an allem zu zweifeln, so wie es Karl Marx einst entsprechend seinem Lieblingsmotto postuliert hatte. (Es sollte allerdings noch recht lange dauern, ehe ich mir dieses Motto tatsächlich zu eigen machte.)

 

Auszug aus Kurt Seliger: Basel – Badischer Bahnhof. In der Schweizer Emigration 1938-1945, Wien 1987, S.45ff. [Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011] Kurt Seliger (1921-1999) war bis 1957 Redakteur der Volksstimme, der Zeitschrift der Kommunistischen Partei Österreichs, und arbeitete nach seinem Austritt aus der KPÖ als freier Publizist.

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Hans Matthöfer: „Das Honorar konnte er offenbar gut gebrauchen“

Ich hatte in Amerika genügsam gelebt und etwas Geld gespart. Damit habe ich nach meiner Rückkehr eine sozialistische Zeitschrift herausgebracht, die wir links nannten. Sie wurde zuerst auf Saugpost abgezogen. Später konnten wir sie aufwendiger drucken lassen. links erschien dann mit Wechselseiten und jeweils anderem Impressum für die hessischen Jungsozialisten und für den SDS Frankfurt. Wir sprachen zwar davon, es sei unsere Absicht, die erste sozialistische, „theoretische“ Zeitschrift der Nachkriegszeit herauszubringen. Ehrlich gesagt, wollte ich aber eigentlich nicht mehr als vorgefundene sozialistische Ideen und Argumentationen in möglichst großer Auflage unter die Studenten zu verbreiten. Das führte dazu, dass wir ziemlich bedenkenlos oft ohne Quellenangabe Nachdrucke bereits publizierter, von uns leicht modernisierter und manchmal sprachlich überarbeiteter Artikel, Buchauszüge usw. zum Teil aus alten sozialistischen und sozialdemokratischen Quellen brachten.

Zuerst bekamen wir durch die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) das für den Druck der Zeitschrift erforderliche Papier. In deren Vorstandsverwaltung konnten wir einen „Heidelberger“-Offset-Drucker der GdED-Hausdruckerei für die Produktion der Zeitschrift nutzen. Fritz Schreiber, Leiter des Büros des GdED-Vorsitzenden Hans Jahn, half uns auf diese Weise. Später zahlte er einen Teil der Druckkosten in der UNION-Druckerei aus einem Fonds mit dem Namen „Übersee-Post“, von dem ich heute vermute, dass er vielleicht von der Central Intelligence Agency (CIA) kam, mit der Hans Jahn als Transportspezialist und Kenner der internationalen Transportarbeitergewerkschaften während des Krieges als Emigrant in Nordafrika und Italien eng zusammenarbeitete. Niemals hat aber jemand versucht, auch nur andeutungsweise die Arbeit der Redaktion oder den Inhalt von links zu beeinflussen. […]

Über die Zeitschrift links schreibt noch Willy Albrecht: „Die erste Nummer von links kam am 1. November 1951 heraus. Auch wenn das Impressum den Anschein erwecken konnte, es handele sich um ein regelmäßig erscheinendes Mitteilungsblatt der Frankfurter Gruppe, so vermittelte der Inhalt des Blattes einen sehr viel weiter gesteckten Anspruch. Zwar wurde die Zeitschrift nicht mit einem programmatischen Leitartikel eröffnet, doch die ersten beiden gezeichneten Beiträge konnten einen solchen Leitartikel durchaus ersetzen. An die Spitze des Blattes setzte die Redaktion einen Artikel von Morgan Phillips, dem Generalsekretär der Britischen Labour Party und Präsidenten der Sozialistischen Internationale (SI), mit dem Titel ‚Sozialismus: Der Schlüssel der Zukunft‘. Darin setzte er sich vor allem dafür ein, die sozialistischen Hauptprinzipien – die ‚Gleichheit aller Menschen‘ und das ‚Recht aller Individuen auf Freiheit vor jeder Versklavung durch politische und wirtschaftliche Mächte‘ – auf die internationalen Beziehungen anzuwenden. Der Reichtum der Welt müsse gleichmäßig verteilt werden, die ‚unterentwickelten Gebiete‘ müssten einen höheren Lebensstandard erreichen.“[1] Im zweiten Artikel der Ausgabe machte sich Richard Freyh in einer längeren Besprechung der programmatischen Broschüre der Bevan-Gruppe der Labour-Party, One way only, die Grundsätze dieser Gruppe zu Eigen.

Die nächste Nummer wurde eröffnet mit einem Leitartikel „Theorie und Praxis“ von K. Löwe, ein Pseudonym für Leo Kofler, das ich mir ausdachte. Ich hatte Koflers Buch Die Wissenschaft von der Gesellschaft gelesen und ihn nach seiner Flucht 1950 mit seiner Frau aus der DDR, wo er in Halle an der Saale Professor für mittlere und neue Geschichte und Direktor des Instituts für Historischen Materialismus war, sich aber durch seine Kritik an der Bürokratie bei den herrschenden SED-Kadern unbeliebt machte, in seiner Ein-Zimmer-Wohnung in Köln aufgesucht, weil ich ihn kennenlernen wollte. Das Honorar in Höhe von 20 DM, das ich ihm für den Artikel zahlte, konnte er offenbar gut gebrauchen. Er strahlte geradezu vor Freude bei der Entgegennahme des Geldscheins. Es tat mir in dem Augenblick fast leid, ihm nicht mehr gezahlt zu haben.

 

Erstveröffentlichung in Hans Matthöfer: Aus dem Kohlenpott in den Bundestag. Meine Jahre von 1925 bis 1961, Kronberg im Taunus, März 2006, S.385f. & 390. Hans Matthöfer (1925-2009) war ein deutscher Sozialdemokrat und IG Metall-Gewerkschafter, von 1961 bis 1987 Mitglied des Deutschen Bundestages und in den 1970ern und 1980ern nicht nur SPD-Vorstandsmitglied, sondern auch als Staatssekretär und Bundesminister tätig.

[1] Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) – Vom parteikonformen Studentenverband zum Repräsentanten der Neuen Linken, Bonn 1994, S.140ff.

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Jakob Moneta: „Diese Zusammenarbeit war sehr schön“

Es muss 1951 gewesen sein. Er wurde mir offenbar von irgendwelchen Bekannten zugeführt, die mir erzählten, dass er ein marxistischer Professor sei, der von drüben gekommen ist und auf Wohnungssuche war. Ich kannte weder seinen Namen, noch wusste ich, was er geschrieben hat. In Köln hatten meine Eltern ein Haus auf dem Brüsseler Platz 17. Das hatte ihnen vor dem Krieg gehört, war im Laufe des Krieges irgendwie unter Kuratel gestellt worden und nach dem Krieg bekamen es meine Eltern wieder zurück. Leo hatte keine richtige Bleibe und es war ja damals ungeheuer schwer, eine Wohnung zu bekommen. Wir selber hatten im Haus meiner Eltern, nachdem wir zuerst in Deutz gewohnt hatten, eine Hochparterrewohnung bekommen, die wir uns mit einer anderen Familie teilten. Wir hatten dann die Idee, den Speicher des Hauses ausbauen zu lassen und Leo und seine Frau haben dort, glaub ich, zwei Zimmer, eine kleine Küche und Dusche gehabt. Man konnte dort auch, soweit ich mich erinnere, aufs Dach rausgehen, so dass er sozusagen einen Dachgarten hatte. Wir hätten das gar nicht ausbauen können, aber er bekam als Flüchtling von drüben aus irgendwelchen Fonds Anleihen, mit denen man dies machen konnte. Dort hat er dann jahrelang gelebt. […]

In dieser ersten Zeit waren wir jedenfalls oft zusammen. Wir haben uns oft bei mir unten getroffen, zum Abendessen oder wenn bspw. Ernest Mandel aus Brüssel kam. Dann haben wir viel gemeinsam diskutiert. Er hat Ernest sehr geschätzt, stand den Trotzkisten offen gegenüber, war aber nie Trotzkist. Damals, 1952/53 arbeitete ich an der Schrift zum Stalinismus [Aufstieg und Niedergang des Stalinismus, Köln 1953] und auch Kofler arbeitete an Schriften zur stalinistischen Bürokratie [u.a. Das Wesen und Rolle der stalinistischen Bürokratie, Köln 1952]. Da haben wir natürlich viel gemeinsam diskutiert, unsere unabhängig voneinander erarbeiteten Broschüren gelesen und debattiert. Diese Zusammenarbeit war sehr schön. 1953 bin ich als Sozialreferent nach Paris gegangen, stand aber immer wieder in Verbindung mit ihm, wenn ich nach Köln kam. So wusste ich ungefähr, was er machte. […]

Man hat das Gefühl gehabt, dass das eine sehr harmonische Ehe war. Und er hat sich sehr im Haushalt bemüht, denn seine Frau Ursula hat ja den ganzen Tag im Schuhgeschäft gearbeitet. Das war das eine. Die zweite Sache, die mir aufgefallen ist, war seine Art, sein Gedächtnis zu organisieren. Er konnte ja stenografieren und wo er ging und stand, wenn er irgendeinen Gedanken hatte, dann hat er den sofort stenografisch festgehalten. Ich hab ihn gefragt: „Leo, wieso machst Du das?“ Da sagte er: „In den Gehirnzellen gibt es Millionen, wenn nicht Milliarden Verbindungen und es gibt bestimmte Gedanken, die bekommt man nur einmal, und es ist ungeheuer schwer, sich hinterher daran zu erinnern. Auch wenn ich nachts träume, stehe ich auf und stenografiere das. Das ist die einzige Möglichkeit, solche flüchtigen Gedanken festzuhalten.“ Das war eine seiner Methoden. Er legte sehr großen Wert auf die Methode des Lernens. Ich hab das damals gar nicht so sehr begriffen, denn ich kam ja auch gar nicht aus dem universitären Bereich. Ich war jahrelang Arbeiter, Landarbeiter und Kistennagler gewesen und hab nie eine Universität von innen gesehen. Das hat mir ungeheuer imponiert, nicht zuletzt, weil er das nachher weitergeben konnte. Daher auch immer wieder diese Faszination, die bei einem Vortrag von ihm ausging.

Als ich 1953 nach Paris ging, das werde ich auch nicht vergessen, hat er mir den Rat gegeben, dass ich Tagebuch führen soll, dass das ungeheuer wichtig wäre. Den Rat habe ich aber nicht befolgt, den konnte ich auch nicht befolgen, weil ich zwar an der Botschaft war, aber gleichzeitig in der IV. Internationale. Alles, was ich gemacht hab, hätte natürlich bei einer einfachen polizeilichen Untersuchung sofort zu meiner Verhaftung geführt – ich hab ja Verbindung gehabt mit der algerischen Revolution usw. Auch sonst bin ich kein Tagebuchschreiber. Aber Leo war ungeheuer daran interessiert, fasziniert von der Idee, dass ich in so eine Funktion reinkomme, wo man doch einiges erleben kann. Und ich muss sagen: Heute bedauere ich, dass ich das nicht getan habe, denn ich habe wirklich eine Menge Sachen erlebt, die historisch sehr, sehr wichtig waren…

 

Vollständige Erstveröffentlichung in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011. Jakob Moneta (1914-2011) war einer der Protagonisten der gewerkschaftlichen Nachkriegslinken, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Redakteur der sozialdemokratischen Rheinischen Zeitung in Köln, ging 1953 als Sozialreferent an die bundesdeutsche Botschaft nach Paris, war dann von 1962 bis 1978 Chefredakteur der IG Metall-Zeitschrift Metall und engagierte sich in den 1990er Jahren in der PDS.

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Robert Steigerwald: „Der Kofler ist ein Feind, sagte ich mir“

Da ist er nun also gestorben, der gute alte Genosse und Freund – für mich war beides nicht identisch! – Leo Kofler, und es drängen sich Erinnerungen auf an Begegnungen, die ich mit ihm haben durfte. Dabei war die erste Begegnung gar keine, aber der Vorgang ist erwähnenswert wegen des geistigen Klimas, in dem sich das vollzog, was ich erste Begegnung mit Leo Kofler nennen möchte. Das war an der Parteihochschule der SED im Jahre 1949. Ich studierte dort. Ein Genosse auf meinem Zimmer hatte ein Buch in seinem Regal, das von dem mir damals unbekannten Leo Kofler verfasst worden war und Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft hieß. Das Thema interessierte mich sehr, ich blätterte im Buch, doch ich erfuhr auch, es gebe ideologische Vorbehalte gegen den Autor. Damit war das Buch erledigt: Mit Revisionismus, wenn nicht gar Schlimmerem, befasste sich ein Student der SED-Parteihochschule nicht! Als Kofler dann auch noch 1950 die DDR verließ, also zum „Feind“ geworden war, schien dies eine Bestätigung unseres auf Distanz-Gehens zu ihm.

Und die folgende Begegnung? Sie fand in Frankfurt/M. statt. Ich war damals im Sekretariat der hessischen KPD-Organisation für die ideologische Arbeit zuständig. Und an der Frankfurter Universität trat Kofler mit einer Vorlesungsreihe auf. „Marxistischer oder stalinistischer Sozialismus?“, so ungefähr lautete ihr Generalthema. Keine Frage, da musste ich hin, den „Feind“ stellen. Kofler referierte. Ich war erstaunt, wie er während des Vortrags Bernhard Koenen schilderte, jenen Parteigewaltigen in Halle, mit dem er, Kofler, zusammengerannt war, was den unmittelbaren Anlass zu seiner Republikflucht abgegeben hatte. Es wäre völlig verständlich gewesen, hätte Kofler diesen Mann schlechtgemacht. Das tat er nicht. Ja, er schilderte ihn als engstirnig, heute würde ich sagen dogmatisch, aber zugleich hob er die einfache Lebensart des Genossen, seine Arbeitswut hervor, der, als „König“ in diesem DDR-Bereich, den Dienstwagen nur zu dienstlichen Zwecken, ansonsten die Straßenbahn oder Reichsbahn benutze usw. usf. Kein Wort von Hetze war zu hören.

Macht nichts, sagte ich mir, der Kofler ist ein Feind, du musst ihn jetzt hier, vor all diesen jungen Sozialisten, die ihm mit höchster Sympathie zuhörten, „stellen“. Also trat ich an: „Ich bin ein Stalinist!“, begann ich – ich war es nicht, als ich der KPD beitrat, es bedurfte schon einiger innerer Kämpfe, ehe ich es wurde, aber dann war ich es auch. Es folgte ein längerer Diskussionsbeitrag, den Inhalt habe ich natürlich vergessen. Aber wie reagierte Leo Kofler? Empört, wütend, aggressiv? Nichts dergleichen. Er antwortete, ruhig, mir kam es vor, als befände er sich in der Defensive, vielleicht, weil er so etwas nicht erwartet hatte.

Noch mehr aber war ich erstaunt, als wenig später diese Vorlesungsreihe unter der Überschrift Marxistischer oder ethischer Sozialismus? gedruckt erschien. Darin kam der Stalinismus nicht mehr vor (das Thema wurde in einer anderen Veröffentlichung Koflers abgehandelt). Er richtete sein Hauptfeuer gegen den neukantianischen Revisionismus der Sozialdemokratie. Und an einer Stelle des Buches, in einer Fußnote, befand sich eine mehr pauschale Kritik an den Marxismus-Kritiken des Jesuiten Wetter und des Dominikaners Bochenski.

Monate später, der KPD-Verbotsprozess hatte begonnen, ich nahm daran teil. Angekündigt war, dass die Bundesregierung [Gustav] Wetter oder [Joseph M.] Bochenski in Sachen „Marxistische Theorie“ als Zeugen auftreten lassen wollte. Ich hatte mir beider Bücher beschafft und den Eindruck gewonnen, dass ich nicht imstande gewesen wäre, ihre Marxismus-Kritiken gründlich zu widerlegen – zu primitiv war der Philosophie-Unterricht an der Parteihochschule der SED gewesen. Und da hatte ich einen abenteuerlichen Einfall. Ich schlug unserer politischen Führung (den Genossen Walter Fisch, Fritz Rische, Jupp Ledwohn und Karl Schabrod) vor, nach Köln zu fahren, zu Leo Kofler, um ihn zu fragen, ob er, falls Wetter und Bochenski gegen uns ins Feld geführt würden, dazu bereit sei, ihnen in den Fragen der marxistischen Theorie entgegenzutreten. Es wurde zugestimmt, ich fuhr nach Köln.

Leo wohnte in einer kleinen Mansardenwohnung, er schlug sich mühevoll durchs Leben. Die Päpste der Frankfurter Schule, Horkheimer mehr noch als Adorno, hatten ihre Beziehungen zu den Amerikanern benutzt, Kofler eine Professur zu verweigern (Kofler war ja stets ein „Parteigänger“ der Konzeptionen von Georg Lukács, den die „Frankfurter“ regelrecht hassten). Ich trug ihm – der sich der Frankfurter Begegnung genau erinnerte – unser Anliegen vor, gespannt seine Reaktion erwartend. Die war so: „Ich bin staatenlos. Wenn ich für Euch auftrete, verliere ich meine Aufenthaltserlaubnis. Aber wenn es sein muss, so komme ich!“ Nach allem, was dem Manne widerfahren war, eine fast unglaubliche Reaktion. […] Wir wurden Freunde, haben bei mancher öffentlichen Veranstaltung – ich erinnere mich da etwa an Tübingen, wo wir gemeinsam gegen den Antikommunismus-Experten der FAZ, Otto A. Maetzke, standen – am gleichen Strang gezogen.

Eine letzte Begegnung, die im wörtlichen Sinne auch wieder keine war, will ich noch erwähnen. Ich war damals Chefredakteur der Marxistischen Blätter. Leo wurde achtzig. Wir wollten ihn mit einem Beitrag aus seiner eigenen Feder würdigen. Den schrieb er uns auch, zusammen mit einem Brief. Ich erinnere mich noch sehr genau einer Formulierung: „Wer weiß, wenn ich neunzig werde, wie viele freudige Überraschungen werde ich noch dank Gorbatschow erleben dürfen!“ Es war die Zeit, da nicht nur er, sondern auch ich (und mit uns viele, viele andere) hofften, es könne der von Gorbatschow angesteuerten „Reform von oben“ gelingen, die Sowjetunion, das sozialistische Lager aus der Sackgasse herauszuführen. Einen anderen Weg als den der Reform von oben gab es ja nicht. Nun, die weitere Entwicklung hat unsere Hoffnungen blamiert.

 

„Erinnerungen an Leo Kofler“, in: Marxistische Blätter, Heft 5/1995, S.19ff. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011] Robert Steigerwald (1925-2016) war langjähriger Chefredakteur der Marxistischen Blätter und galt seit den 1970er Jahren als einer der Vordenker des westdeutschen Kommunismus.

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Johannes Agnoli: Verschandeltes Liedgut der Arbeiterbewegung (2000)

Es war zu Weihnachten – soweit ich mich erinnern kann – 1963, als Heinz Brakemeier mich ins Hessische zu einer Tagung der Naturfreundejugend einlud. Dort traf ich und lernte ihn kennen: Leo Kofler. Wir waren nicht in allen Punkten einig, wir verstanden uns aber sehr schnell. Eines Abends, nach einem schönen Chor-Konzert der jungen Naturfreunde hoben wir drei älteren, Heinz, Leo und ich, zum Gesang an: die Internationale. Wir sangen mit Überzeugung zwar, aber falsch, ungeübt und wohl auch etwas angeheitert. Am nächsten Tag wurde uns der Prozess gemacht: wir hätten Liedgut der Arbeiterbewegung verschandelt! Liedgut? Wir dachten naiver Weise, die Internationale wäre ein Kampflied.

 

Grußwort an den Leo Kofler-Kongress 2000 in Bochum. Erstveröffentlichung in: Mitteilungen der Leo Kofler-Gesellschaft e.V., Heft 5, November 2002, S.3. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011] Der deutsch-italienische Politikwissenschaftler Johannes Agnoli (1925-2003) war einer der herausragenden Vordenker der Neuen Linken.

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Werner Seppmann: „Sehr Ihr, das ist Klassengesellschaft!“

Oberflächlich besehen verurteilte ihn das Jahrzehnte dauernde Berufsverbot, sich sozusagen unter Wert zu verkaufen. Die Lehrtätigkeit an den Volkshochschulen und in Gewerkschaftsseminaren als Quelle des Lebensunterhalts war zweifellos mühselig und aufzehrend – und doch auch eine Basis neuer Erfahrungen, ohne die seine theoretische Entwicklung anders verlaufen wäre. Aber gerade dann, wenn es am wenigsten zu erwarten ist, entwickelt die „List der Vernunft“ ihre Wirkung: Mit der Verweigerung einer akademischen Tätigkeit wurde das Gegenteil dessen erreicht, was beabsichtigt war, Kofler konnte mehr Köpfe und Herzen erreichen, als den politischen Manipulatoren recht sein konnte. Es ist nicht übertrieben, wenn Oskar Negt über Kofler sagt, dass er Tausenden von Arbeitern das Wissen um einen unverfälschten Marxismus vermittelt hat. Die Begegnung mit Kofler war für viele – nicht wenige der Anwesenden könnten darüber in exemplarischer Weise berichten – die Chance zur Bewusstseinsbildung und Persönlichkeitsentwicklung.

Es ist ziemlich genau ein Vierteljahrhundert her, dass ich Leo Kofler zum ersten Mal begegnete. „Was ist Geschichte?“ war das Thema, mit dem er ein Seminar an der Gelsenkirchener Volkshochschule einleitete. In einem graphischen Schema entwickelte er auf der Tafel die Grundlagen eines Gesellschaftsverständnisses, dessen Namen ich zwar kannte, ohne es aber mit solchen Reflexionsformen in Verbindung bringen zu können: Der Mensch setzt sich kontinuierlich mit seinen Lebensumständen auseinander, aus konkreten Lebensbedürfnissen entstehen Zielvorstellungen, die er durch sein Handeln zu realisieren versucht. Doch da er in ein soziales Beziehungsgeflecht eingebunden ist, werden seine Pläne durch die Aktivität der Anderen beeinflusst und modifiziert. Nicht selten resultiert aus seinem Handeln deshalb das Gegenteil. Der historische Prozess verselbständigt sich somit gegenüber den Zielvorstellungen seiner Urheber.

Welch ein komplexes Thema! Es wäre wahrlich geeignet gewesen, den damaligen Bäckerlehrling – trotz aller antiautoritären Bewegtheit – einzuschüchtern! Doch mit seiner ungestümen Gestik, seinem Elan, seiner prägnanten und bildhaften Sprache verstand es der Referent, sein Publikum, das aus Schülern, Arbeitern, Lehrlingen und Angestellten bestand (die Studenten sind in großer Zahl erst später in seinen Seminaren aufgetaucht), zu fesseln. Ohne damals alle Einzelheiten verstanden zu haben, war mir doch klar, dass hier auf einer Reflexionsebene, die mir völlig fremd war, von meinen eigenen Problemen gesprochen wurde. Das in den späten 60er Jahren in der Jugend verbreitete Auflehnungsbedürfnis, das sich nach damaligem Sprachgebrauch pauschal gegen das „Establishment“ richtete, bekam sozusagen Boden unter die Füße. Emotionales Unbehagen an den gesellschaftlichen Zuständen und ein ambivalentes Kritikbedürfnis wurden transformiert in gesellschaftstheoretische Systematik.

Die meisten berufstätigen Menschen in Koflers Seminaren waren beeindruckt von der Glaubwürdigkeit und Lebendigkeit seines Vortrags. Eine nachhaltige Aufklärungswirkung erzielte er aber, weil er es verstand, Alltagsbeobachtungen zu plausiblen Erklärungsmodellen zusammenzufügen. Für diese Fähigkeit, an Alltagsbeobachtungen anzuknüpfen, ein aufschlussreiches Beispiel: Wir fuhren Ende der 70er Jahre zu einer gewerkschaftlichen Bildungsveranstaltung nach Dortmund. Vor Beginn nahm der zuständige Bildungsreferent Kofler beiseite und empfahl ihm – um die „didaktische Absicht der Veranstaltung nicht zu gefährden“ –, sich einer unverfänglichen Begrifflichkeit zu bedienen: „Mit den Begriffen Klassengesellschaft und Arbeiterklasse können unsere Kollegen nichts mehr anfangen; sie werden eher abgeschreckt.“ Kofler begann seinen Vortrag mit den Worten: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, euer Gewerkschaftssekretär hat mir empfohlen, nicht zu viel über Klassengesellschaft zu reden, weil euch für solche Dinge das Verständnis fehlt. Ich habe aber in der Zeit vor dem Beginn unserer Veranstaltung eine eigenartige Beobachtung machen können. Die ersten von euch, die den Saal betraten, haben sich unsicher und verhalten umgeschaut und zunächst einmal die hinteren Sitzreihen besetzt, erst allmählich wurden auch die vorderen Plätze belegt. Welch ein Unterschied gegenüber dem Verhalten eines gutsituierten, bürgerlichen Publikums, vor dem ich vor einigen Tagen geredet habe. Diejenigen, die zuerst den Saal betraten, gingen selbstbewusst zu den ersten Reihen und der Saal füllte sich allmählich von vorne nach hinten. Seht ihr, das ist Klassengesellschaft!“ Die Reaktion war zustimmender Beifall.

 

Erstveröffentlichung in: Marxistische Blätter, Heft 3/1992, S.18ff. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011]

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Ursula Wendler: Leo Kofler an der Volkshochschule in Marl

Die wichtigsten Veranstaltungen waren für mich die bei Leo Kofler. Sie waren für meine weitere Politisierung sehr wichtig. Ich erinnere mich vor allem an eine Veranstaltung zur „Einführung in die Lehre vom Menschen (Anthropologie)“. Das war ein Seminar, in dem ich zunächst nicht viel verstanden, sondern mehr geahnt habe. Es ging um das Unveränderliche und Veränderliche am Menschen, um Zivilisation und Kultur und um die Fragen, was heißt Lebenserfüllung und wohin entwickelt sich der Mensch. Noch nie zuvor hatte ich aus dieser Sicht von einer so großen Achtung vor den Menschen gehört. Ich war vornehmlich durch ein katholisches Umfeld geprägt und wurde nun erstmals mit einem anderen Weltbild konfrontiert.

Das war im Herbst 1968, kurz nachdem die Truppen der Sowjetunion bzw. des Warschauer Pakts in die CSSR eingefallen waren. Unsere Hoffnungen auf einen eigenständigen, von Moskau unabhängigen sozialistischen Weg, die wir mit dem Prager Frühling verbunden hatten, waren nach der Okkupation der CSSR stark getrübt. Als wir am 21.August 1968 morgens zu Hause im Radio die Nachricht von den russischen Panzern in Prag hörten und abends die Bilder im Fernsehen sahen, kamen uns die Tränen vor lauter Wut und Enttäuschung.

Zu dieser Veranstaltung fanden sich viele politisch interessierte Schüler und Lehrlinge aus Marl ein – man traf sich bei Kofler. Auch die älteren ehemaligen illegalen KPD-Leute, die in Westerholt nahe bei Marl noch einen Verbund hatten und sich neu in der DKP organisiert hatten, kamen dorthin. Sie verteidigten die Okkupation der CSSR. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie sich Kofler über diese politische Verteidigung erzürnte und vor lauter Aufregung fast kollabierte. Das war sehr eindrucksvoll und für meine Politisierung insofern ausschlaggebend, als eine Moskau-Orientierung der Linken für mich nicht in Frage kam. Eine Verteidigung der Besetzung der CSSR und die gewaltsame Unterdrückung des Prager Frühlings waren für mich nicht akzeptabel.

 

„Über die Volkshochschule, Leo Kofler, politische Aufbruchsstimmungen 1968 und die Bedeutung von Bildung im Lebensweg. Ein Gespräch mit Ursula Wendler-Boeck“ in: Paul Ciupke u.a. (Hrsg.): Erwachsenenbildung und politische Kultur in Nordrhein-Westfalen. Themen – Institutionen – Entwicklungen seit 1945, Essen 2003, S.305-310. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011] Ursula Wendler, Jg. 1952, lebt heute als Projektmanagerin in Dortmund.

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Axel Honneth: „Leo Kofler war die Figur, die mir den Marxismus beigebracht hat“

„Ich bin 1969, es könnte auch 1968 gewesen sein, in die Sozialdemokratie eingetreten. Ich bin aber eigentlich eingetreten in die trotzkistische Unterzelle der Jungsozialisten im Ruhrgebiet. Mir war die Sozialdemokratie eher weiter weg, ich war also Trotzkist, der sich dann im Ruhrgebiet für gerade kommunalpolitische Dinge sehr eingesetzt hat. Sie wissen, das waren die Jahre nach 1968, da konnte man nicht einfach, in meinem Alter, Sozialdemokrat sein, da musste man schon Trotzkist oder ähnliches sein. […] Noch ein Jahr, bevor ich der SPD damals beigetreten bin, also den Jungsozialisten, hatte ich so etwas unterhalten oder unternommen wie, mich mit dem Marxismus auseinanderzusetzen. Das war in der Schule, in der ich war, im Gymnasium, nicht möglich, d.h. es war noch nicht soweit gekommen wie danach in den siebziger Jahren wahrscheinlich eher, dass man nämlich auch im Gymnasialunterricht mit marxistischem Gedankengut vertraut gemacht wurde. Stattdessen musste ich einen Umweg wählen, ich musste nämlich einen Kurs an der Volkshochschule in Essen belegen. Und diesen Kurs an der Volkshochschule, der wurde abgehalten von ‚Prof.‘ – hieß es, ein Titel, der nicht ganz stimmte damals – Leo Kofler. Ich weiß nicht, wem von Ihnen dieser Name noch etwas sagt. Leo Kofler war die Figur, die mir den Marxismus beigebracht hat. Leo Kofler war, wenn ich mich nicht ganz täusche, entweder in einer kleinen jüdischen Gemeinde in der Ukraine geboren. Auf jeden Fall kam er sehr schnell nach Wien und wurde hier ein Schüler Max Adlers […], einer der begabtesten Schüler Max Adlers, des großen Austromarxisten. […] Dieser Mensch Leo Kofler war ein Wiener durch und durch, was immer darin zum Ausdruck kam, dass er am Ende seiner Seminare uns, und das hieß im Wesentlichen die anwesenden jungen Damen und Frauen, einlud, mit ihm tanzen zu gehen in einer Wiener Tanzlokal, das es damals in Essen gab. Eine rührende Geschichte, der ich aber als junger Linker extrem skeptisch gegenüberstand, die ich sogar verachtete. Und ich konnte nie zusammenbringen, wie jemand von der Statur Leo Koflers, also: Schüler Max Adlers, auf solche bürgerlichen Verhaltensweisen zurückgreifen konnte am Ende eines Kurses über Marxismus. Dieser Leo Kofler hat mich damals sehr stark beeindruckt und geprägt. Inzwischen bin ich längst nicht mehr der Marxist, der ich damals war – das sieht man auch in dem Buch. Aber er ist mir tief in Erinnerung geblieben und hat, glaub ich, so etwas geprägt in mir wie eine Orientierung daran, dass der Austromarxismus vielleicht unter allen europäischen Varianten des Sozialismus die interessanteste Gestalt war zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das lag an dem Einfluss Max Adlers, das lag auch an dem Einfluss Otto Bauers. All das wurde mir beigebracht, noch bevor ich überhaupt tiefere Kenntnis der gesamten sozialistischen Strömungen erwerben konnte.“

 

Auszug aus Axel Honneths im April 2016 in Wien gehaltener Bruno Kreisky-Preisverleihungsrede für sein Buch Die Idee des Sozialismus (2015). Erstveröffentlichung auf YouTube. Axel Honneth (*1949) ist ein deutscher Sozialphilosoph und gilt als führender Vertreter der sogenannten Frankfurter Schule.

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Daniel Kreutz: Erinnerungssplitter an Leo Kofler

Es muss so um 1972/73 gewesen sein. Ich – ein etwa 18-jähriger Abiturient in Leverkusen und prospektiver Student der Germanistik und Philosophie in Köln, äußerlich ein zwar korpulenter, aber sehr langhaariger „Hippie“ – brannte für den „revolutionären Marxismus“. So nannten die Trotzkistlnnen der IV. Internationale (Ernest Mandel, Tariq Ali, Pierre Frank u.a.) ihre Weltanschauung in Abgrenzung zu Stalinismus und Sozialdemokratie. Meine damalige (erste „richtige“) Freundin, Tochter eines promovierten Chemikers der Bayer AG in Leverkusen, teilte zu der Zeit diese Leidenschaft. Ich weiß nicht mehr, ob der bürgerlich gekleidete ältere Hutträger mit den merkwürdig angefressenen Fingernägeln plötzlich eines Tages im Haus ihrer Eltern auftauchte, oder ob ihr des Marxismus unverdächtiger Vater vorschlug, uns zu einem „Kofler-Seminar“ an der Kölner Volkshochschule mitzunehmen. Jedenfalls gab es eine persönliche Verbindung zwischen Leo Kofler und dem Vater. Denn bisweilen kam es vor, dass Kofler am Tage eines VHS-Vortrags zunächst im Elternhaus meiner Freundin erschien, um sich später auf dem Beifahrersitz von Vaters Mercedes mit uns Jung-Revoluzzerlnnen auf der Rückbank nach Köln kutschieren zu lassen.

Das Erleben des ersten Vortrags schlug mich in Koflers Bann. Danach wollte ich möglichst keinen mehr versäumen. Im Umgang völlig unprätenziös, strahlte er eine natürliche Autorität aus. Er hatte einen ungeheuer fesselnden Vortragsstil in einer sehr bildhaften, teils exzessiv betonenden Sprache in angehobener Tonlage mit unverkennbarem Wiener Akzent. Er schöpfte frei aus Philosophie, Ästhetik, Ökonomie, Soziologie, Geschichte, Literatur, um das Verständnis eines universalen Marxismus zu vermitteln, dessen Fokus ein tiefer Humanismus ist – das Ringen um die Emanzipation der (einzelnen) Menschen, die doch notwendig nur ihr eigenes (kollektives) Werk sein kann. Ich weiß nicht mehr, welchen Themen die Vorträge, die ich hörte, tatsächlich gewidmet waren. Erinnerungssplitter sprechen von „Marxismus versus Nihilismus“, von „Realismus versus Naturalismus“ in der Kunst und Literatur, von der Alltäglichkeit der bürgerlichen Klassengesellschaft, der dialektischen Einheit von Theorie und Praxis sowie von Subjekt und Objekt, von Polemiken gegen die Frankfurter Schule („das Habermäuschen“). Becketts Warten auf Godot war sein Beispiel für literarischen Nihilismus, denn demnach sei es „hoffnungslos, zu hoffen.“

Beiläufig füllte Kofler stets mit ausholenden Bewegungen die Wandtafel mit Skizzen, Stichworten und Verbindungspfeilen. Teils musste er die Tafel während des Vortrags auswischen, um Platz für Neues zu schaffen. Eines der Tafelbilder, das mir in Erinnerung blieb, zeigte den „historischen Fortschritt“ als eine quer von links unten nach rechts oben verlaufende Spirale, wie eine auseinandergezogene Spiralfeder, deren Windungen sich kreuzen. Kofler veranschaulichte damit, dass der Fortschritt eben nicht geradlinig verlaufe, sondern regelmäßig mit regressiven Perioden verbunden sei, in denen die historische Entwicklung substanziell und gelegentlich katastrophal hinter den bereits erreichten Stand zurückfalle, um dann aber in einem neuerlichen Aufschwung doch eine höhere Qualität zu erreichen. Geschichtspessimismus war Kofler ebenso zuwider wie der Glaube an die „Widerkehr des ewig Gleichen“, den die Alltagsideologie (übrigens auch die meiner Mutter) aus dem Jahrtausende alten Fortbestand eines klassengesellschaftlichen „Oben“ und „Unten“ ableite.

Eingebrannt hat sich mir – natürlich – der wiederkehrende Satz über den schlechtesten Baumeister, der sich von der besten Biene dadurch unterscheide, dass er sein Werk vorher fertig im Kopf haben müsse, während die Biene ihre wunderbaren Bauten geistlos, nur mittels ihres Instinkts, vollbringe. Meist schloss sich daran pointierend an: „Alles macht seinen Durchgang durch den menschlichen Kopf, sogar Essen und Trinken.“ So illustrierte Kotier, dass Bewusstsein (Theorie) fundamentales, notwendiges Moment menschlicher Tätigkeit (Praxis) und insbesondere der Arbeit ist, ihr Richtung und Ziel verleiht. Eher skurril erschien seine alltagssoziologische Beobachtung, dass sich der Gestus von Hunden häufig dem klassenbedingten Gestus ihrer Herrchen angleiche, so dass sich „proletarische“ und „bourgeoise“ Hunde unterscheiden ließen. Gern zitierte ich dagegen Koflers Erläuterung, warum Marx den Begriff des „Bourgeois“ statt des „Bürgers“ verwandt habe: „weil das so schön ausgespuckt klingt“. Oder auch seinen Satz: „Eigentum fängt da an, wo die Notwendigkeit aufhört, seine Arbeitskraft zu verkaufen“.

Das Publikum der Kölner VHS-Vorträge schien recht gemischt zu sein – von „Bildungsbürgern“ (zu denen ich auch den Vater meiner Freundin rechnete) bis zu linksradikalen Studierenden. Im Umgang mit Frauen kultivierte Kofler den Wiener Charmeur. Weibliche Kursteil­nehmer konnten vor einem „Küss die Hand“ oder „Gnä‘ Frau“ nie sicher sein. Ich nahm zu den Vorträgen immer einen alten Koffer voller trotzkistischer Literatur und Zeitungen mit, die ich mit Koflers schweigender Duldung, die kaum im Sinne der VHS-Leitung war, auf einer der Bänke zum „Büchertisch“ auslegte. (Bei aller Wertschätzung Koflers blieb damals mir rätselhaft, wie der marxistische Theoretiker es mit sich selbst vereinbaren konnte, nicht der IV. Internationale anzugehören.)

Es begab sich in jener Zeit auch, dass Kofler mit den drei Leverkusenern zu einem Wochenendseminar nach Vlotho fuhr, bei dem er auftrat. Die Veranstaltung fand im Rahmen des – später offen rechtsextremistischen, damals aber scheinbar eher öko-und New /Age-affinen, scheinbar pluralistisch-kritischen – Collegium Humanum der „Freien Akademie“ statt. Da dort auch andere Köpfe aus der „Neuen Linken“ anwesend waren (u.a. war von Peter Brandt die Rede), scherzte Kofler mit uns über die Gründung einer „Rotzfrak“, einer „Roten Zelle Freie Akademie“. Mit heimlichem Stolz erfüllte mich, als er einen Diskussionsbeitrag von mir coram publico lobte. Bei einem „bunten Abend“ zeigte er ausdauernde und wohl auch recht entwickelte Fähigkeiten in den Standard-Paartänzen, was allerdings bei mir, dem dergleichen Erscheinungsform einer verabscheuungswürdigen bürgerlichen Alltagskultur war, das Gefühl einer kulturellen Kluft eher vertiefte.

Ich war damals ganz „Schüler“ Koflers, schrieb stets eifrig mit und suchte ihm geistig zu folgen. Wer er war, welche Biografie er mit sich trug, interessierte mich nicht, sein Marxismus dafür umso mehr. Trotz der gelegentlichen Nähe ist mir nicht erinnerlich, dass ich je mit ihm diskutiert hätte. Dazu waren wohl Souveränität und Mut bei mir zu klein und der Respekt zu groß. Und, schlimmer noch: Koflers Vorträge genügten mir völlig, so dass ich glaubte, auf seine Bücher, die er hin und wieder zur Vertiefung empfahl, verzichten zu können. Verpasste Chancen – leider.

 

Erstveröffentlichung. Daniel Kreutz, Jg. 1954, lebt und arbeitet in Köln, war in den 1980ern Maschinenschlosser und IGM-Betriebsrat, von 1990 bis 2000 NRW-Landtagsabgeordneter der Grünen und bis 2010 Referent für Sozialpolitik beim SoVD NRW.

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Werner Hansch: „Kofler hatte mich so gepackt“

Im Frühjahr 1973 kam ich auf diese Weise also zu meinem vierten Nebenjob, denn eigentlich war ich ja in erster Linie Student. Von dem, was man sich so unter einem Studentenleben vorstellt, konnte natürlich keine Rede sein. Ich war bestrebt, das Studium nach den vorgesehenen acht Semestern abzuschließen, und strengte mich dementsprechend an. Außerdem war ich mit Eifer dabei, weil mich die Themen und Inhalte interessierten. Die Zeit der Studentenbewegung wirkte noch nach; in den Vorlesungen des Soziologen Urs Jaeggi, der dem Marxismus nahestand, wurde heftig und hitzig diskutiert. Damit ich da mithalten konnte, las ich mich in marxistische Theorie ein. Leider wurde Jaeggi bald an die Freie Universität Berlin berufen. Jaeggis Nachfolger war der berühmte Leo Kofler, ein Marxist, der früher Professor in der DDR gewesen war, sich dann aber mit der SED überworfen und das Land verlassen hatte. Kofler schrieb sagenhafte Bücher und war ein faszinierender Mann. Er betrat den Vorlesungssaal ohne die kleinste Notiz, ohne jede Vorbereitung, und fesselte das Auditorium aus dem Stehgreif. Kofler hatte mich so gepackt, dass ich später meine Diplomarbeit bei ihm schrieb.

 

Erstveröffentlichung in Werner Hansch: „…Alles andere ist Schnulli-Bulli!“: Mein verrücktes Reporterleben, Göttingen: Verlag Die Werkstatt 2014. Werner Hansch (*1938) ist ein bekannter deutscher Sportreporter.

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Bernd Polster: Buscheystraße 52, Bochum-Querenburg 1971 bis 1974

Nachdem ich der Bundeswehr entronnen war, weil ich das „Schlesierlied“ nicht singen wollte, wohnte ich in der ehemaligen Hauptstraße von Querenburg, einem vom Optimismus der Zeit zum Sterben verurteilten Stadtteil. Aber wer war Buschey? Wahrscheinlich ein Pastor, da auch ein evangelisches Altenheim in der Umgebung so heißt.

Als ich von der Zentralen Studienplatzvergabestelle, sprich „ZVS“, zum Psychologiestudium an die Ruhr-Uni nach Bochum versandt wurde, war die nicht einmal zehn Jahre alt und altersgemäß noch nicht fertig. Wir wateten durch Baustellenschlamm. Im Ruhrpott prallten nun Welten aufeinander. Um Mitternacht, wenn keine Straßenbahn mehr fuhr, ging ich auf dem Nachhauseweg an einer kilometerlangen Mauer entlang, hinter der ein Walzwerk funkelte. Die kriselnde Großindustrie ringsum und das dazugehörige Arbeitermilieu waren mir fremd und blieben es. Die Original-Querenburger wählten zu über 80 Prozent sozialdemokratisch. Am Rande dieser Monokultur entstand Europas größte Nachkriegsuniversität, die Ruhr-Universität Bochum, kurz RUB, Ein Campus zum täglichen Verlaufen. Im Vorraum der Mensa, der so groß war wie ein Eishockeystadion, wurden billige Import-LPs auf dem blanken Boden ausgelegt. Hier kaufte ich für verführerische 14 Mark meine ersten Jazzplatten von Oscar Peterson, Sugar „Cane“ Harris, Jean-Luc Ponty und Klaus Doldinger (und den dazugehörigen Dual-Plattenspieler).

Die RUB, über die ich später einen gnädigen GEO-Artikel verfasste, war und ist verschrien für ihre Betonorgie und einen angeblichen akademischen Rekord der Selbstmordrate. Wobei beides stets implizit – auch ein Lieblingswort jener Zeit – in Zusammengang gebracht wird. Eine ehemalige Arztvilla, in der wir uns als „progressive“ Wohngemeinschaft fühlten, war ebenfalls der Abrissbirne geweiht. Auf der anderen Seite der Straße entstand das „Uni-Center“, die höchste der neuen Pyramiden, in der Wissenschaftler gestapelt werden. Damals hatte Bochum keine einzige akzeptable Disco. Aber im Schauspielhaus inszenierte Peter Zadek King Lear und Warten auf Godot. Ich studierte hart und stumpfsinnig, bestand ein halbes Dutzend Prüfungen, auch in Statistik und Zoologie. Pausenlos wurde „diskutiert“, „kritisiert“ und – man höre! – „gestreikt“. Irgendein Pamphlet musste immer gedruckt und verteilt werden. Ich legte ein ehrenamtliches Jahr in der linksradikalen Fachschaft ein, der Studentenvertretung des psychologischen Seminars. Natürlich war ich verantwortlich für die Broschüren. Darin haben wir die „bürgerliche Wissenschaft“ gnadenlos „entlarvt“. Auch ein Ratgeber für Erstsemester war mein Werk, eine Abschreckungsmaßnahme, nach deren Genuss eigentlich keiner mehr Lust aufs Studium verspüren konnte.

Nach meinen Pflichtveranstaltungen, von denen ich keine versäumte, hörte ich die Vorlesungen des Philosophen Leo Kofler: ein sezierender Geist und kommunistischer Grandseigneur von unterhaltsamer Spontaneität und an Marx- und Engels-Lektüre geschliffener Rhetorik. Seine Brillanz stammte aus einer anderen Zeit. Für uns, einem kleinen, informellen Kreis, war er das Wasserloch in der Betonwüste. Obwohl ich erst viel später zu verstehen begann, was er wohl damit meinte, verdrehte er mit seiner Dialektik endgültig mein Weltbild, machte mich unfähig, meine Gedanken jemals wieder in Schubladen zu packen. Nach dem Grundstudium kehrte ich dem RUB-Zement und vielen Gleichgesinnten den Rücken.

 

Erstveröffentlichung auf www.bernd-polster.de. Bernd Polster (*1959) ist ein deutscher Publizist und Künstler.

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Hans Ulrich Gresch: Repressives Menschenbild

Gut vierzig Jahre ist wohl schon her. Ich war ein junger, glühender, leidenschaftlicher Marxist. Ich glaubte fest daran, dass meine Mitmenschen, die Arbeiter, die kleinen Angestellten, die Schüler und Studenten aus den unteren Schichten der Gesellschaft nur durch mangelndes Wissen daran gehindert würden, gegen die herrschenden Verhältnisse zu revoltieren. Es galt also, sie aufzuklären, ihren Geist in marxistischer Gedankenwelt zu baden, dann würde er sie, so gereinigt, schon anleiten – da sie ja sonst nichts zu verlieren hatten – ihre Ketten abzustreifen. Schließlich hatte es, so wähnte ich, ja auch bei mir funktioniert. Kaum hatte ich einige der Schriften von Marx und Engels sowie der Säulenheiligen des Marxismus studiert, öffneten sich mir die Augen und ich sah, was eigentlich nicht zu übersehen war, dass nämlich 99 Prozent der Weltbevölkerung schuften und teilweise unter erbärmlichen Lebensbedingungen ihr Dasein fristen müssen, damit das restliche eine Prozent für sich und nur für sich die bestmöglichen Voraussetzungen für ein gutes und erfülltes Leben schaffen kann.

Leider musste ich feststellen, dass, was bei mir scheinbar so gut geklappt hatte (die wahren Gründe dafür sollte ich erst viel später erfahren: nichts ist, was es zu sein scheint), bei vielen, vielen anderen recht eigentlich nicht fruchten wollte. Selbst wenn an den Fakten, die ich geduldig vortrug, auch aus Sicht meiner Gesprächspartner nichts auszusetzen war, weigerten sich viele, die naheliegenden, die mitunter einzig logischen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.

Genossen, die ich zu diesem Phänomen befragte, machten die bürgerliche Ideologie dafür verantwortlich, den ideologischen Klassenkampf von oben. Das von der herrschenden Klasse kontrollierte Fernsehen und die reaktionären Zeitungen und Zeitschriften verdummten die Massen, hieß es. Um dem entgegenzuwirken, müsse man unermüdlich Flugblätter verteilen. Mit dieser Erklärung war ich eine Weile zufrieden, allerdings konnte sie mich nicht wirklich befriedigen. Sogar die bürgerlichen Medien, so sagte ich mir, berichten doch oft genug über zum Himmel stinkende Verhältnisse in der Klassengesellschaft, und dennoch kommen die Leute nicht auf die naheliegende Idee, dass daran etwas geändert werden muss und kann, wenn alle solidarisch sind.

Eines Tages schleppten mich Bekannte, die Soziologie in Bochum studierten, zu einem Vortrag an der Dortmunder Volkshochschule. Dort werde einer ihrer Dozenten sprechen. Er sei ein Sozialphilosoph und Anthropologe, Leo Kofler sein Name, und einer der bedeutendsten nicht-dogmatischen Marxisten des 20. Jahrhunderts. Da ich damals orthodoxer Marxist war, erwartete ich einen Menschen, der mich und meinesgleichen vom rechten, also vom linken Weg abbringen wollte; aber ich kam mit, in der Absicht, seine Thesen hinterher, in der Stammkneipe, beim Bier effektvoll zu widerlegen. Doch es kam anders. Der Mann, Leo Kofler hatte die Antwort auf meine dringendste Frage, nämlich, warum sich die Werktätigen nicht zu den richtigen Schlüssen aus den offenkundigen Tatsachen befleißigen mochten.

Leo Kofler war ein faszinierender Mann, der mich sofort in seinen Bann schlug. Man musste ihm nur einmal ins Gesicht schauen, um zu erkennen, dass man einen unbeugsamen Intellektuellen vor sich hatte. Schon damals, als ich noch dazu neigte, die hässliche Wirklichkeit mit dem schönen Ideal zu verwechseln, spürte ich, dass er sich nicht aus der DDR absetzen musste, weil er ein Verräter war, sondern weil seine Gegner zu dämlich waren.

Koflers Thema an diesem Abend war das „repressive Menschenbild“. Der Mann verstand es und war gewillt, komplexe Sachverhalte in einfachen Worten auch Menschen ohne langjähriges Soziologie- oder Philosophiestudium verständlich zu machen. Das ist eine bei Marxisten sehr, sehr seltene Tugend. Die bürgerliche Ideologie sei eine starke Macht, sagte er. Wenn man die Dinge oberflächlich, ohne vertiefendes Nachdenken betrachte, stimmte sie sogar mit den Lebensverhältnissen in der kapitalistischen Welt überein. Allein, man dürfe nicht länger kritisch darüber reflektieren, sonst fiele es einem wie Schuppen von den Augen und die Ideologie würde als Propaganda entlarvt. Die Ideologie präsentiere also eine pro-kapitalistische Sichtweise, die plausibel klinge, solange man sie nicht systematisch mit den Tatsachen konfrontiere. Um Koflers Gedanken bildhaft auszudrücken, könnte man die Ideologie-Rezeption der Menschen in Kapitalismus mit dem Konsum leckerer, aber gesundheitsschädlicher Speisen und Getränke vergleichen. Man genießt sie, weil sie ein Bedürfnis befriedigen, denkt aber nicht über die Folgen nach.

Die bürgerliche Ideologie, sagte Kofler, könnte ihre volle Wirkung also nicht entfalten, wenn sich die Menschen tatsächlich mit ihnen auseinandersetzen würden. Dass sie dies nicht tun, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist die Konsequenz des repressiven Menschenbildes. Dieses Menschenbild ist gleichsam eine verzerrende Brille, durch die Menschen im Kapitalismus ihre Welt wahrnehmen. Bei diesem Menschenbild handelt es sich um Grundannahmen, an die sich die Menschen klammern, weil sie sich unbewusst davor fürchten, diese Einstellungen loszulassen. Um diesen Gedanken verständlich zu machen, machte uns der sozialistische Wissenschaftler mit den Grundlagen seiner an Marx orientierten Anthropologie vertraut.

Der frühe Mensch habe, so sagte er, ursprünglich in einer klassenlosen Gesellschaft gelebt – und zwar notgedrungen. Da die Menschen in dieser Zeit von der Hand in den Mund lebten und auch kein Geld hatten, fehlten ihnen auch die Voraussetzungen für die Spaltung in eine herrschende und eine beherrschte Klasse sowie für den Aufbau eines Staatsapparats, der dafür sorgen konnte, dass diese Trennung aufrecht erhalten blieb. In dieser frühen klassenlosen Gesellschaft konnten sich also die natürlichen Anlagen der menschlichen Gattung ungehindert entfalten, nämlich als dialektische Einheit des Dionysischen und des Apollinischen. Dieses Begriffspaar wurde zuvor von den Philosophen Schelling und Nietzsche verwendet; Kofler stellte es jedoch in den Bezugsrahmen einer marxistischen Anthropologie. Das Apollinische bezeichnet das Reich der Vernunft, der kühlen Berechnung, des planvollen Vorgehens, der akribischen Analyse. Das Dionysische jedoch bezieht sich auf die Welt des Kreativen, der Sinnlichkeit und des Erotischen von der Sympathie bis hin zur Sexualität. Die dialektische Einheit des Dionysischen und Apollinischen lässt sich, so Kofler, am deutlichsten im Spiel beobachten. Das Spiel folgt einerseits mehr oder weniger strengen Regeln, gewährt aber andererseits Spielraum und die „Arbeit“ des Spielers setzt sich unmittelbar in Lebensgenuss um.

In der Klassengesellschaft änderte sich dies nun. Aus der spielerischen Arbeit und dem arbeitenden Spiel wurde der Ernst des Lebens, die Fron. Die dialektische Einheit des Apollinischen und des Dionysischen wurde verzerrt. Das Erotische wurde demgemäß unterdrückt und reglementiert. Es büßte einen erheblichen Teil seines spielerischen Charakters ein und wurde – u.a. infolge repressiver christlicher Lehren – angstbesetzt. Mit dem Bedeutungsverlust des Christlichen, der mit dem Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft und es Kapitalismus einherging, war natürlich auch eine Lockerung der erotischen Restriktionen verbunden. Diese hätte eine Sehnsucht nach der dialektischen Einheit des Apollinischen und des Dionysischen hervorrufen können. Denn tief im Unbewussten der Menschen ist, so Kofler, eine Urerinnerung an diese Zeit lebendig.

Wir sehen heute in der Tat eine Lockerung der Sitten bis hin zur Allgegenwart der Pornographie. Dennoch haben wir dabei nicht den Eindruck, dass hier die ursprüngliche dialektische Einheit des Dionysischen und des Apollinischen obwaltet. Der Grund dafür, dass sich selbst in den Exzessen der Pornographie ein „asketischer Eros“ manifestiert, liegt darin, dass sich mit dem Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft ein repressives Menschenbild entfaltete. Dieses Menschenbild ist ein Muster von Einstellungen, die darauf hinauslaufen,

  • dass die Menschen von Natur aus ungleich seien,
  • dass die Elite fleißig und kreativ, die Massen träge und faul seien,
  • dass deswegen die Privilegien der Elite gerechtfertigt seien und
  • die Unterdrückung der Massen notwendig sei und
  • dass die klassenlose Gesellschaft aus diesem Grund einen unerfüllbaren Traum darstelle.

Die Menschen, die dieses tradierte Menschenbild verinnerlicht hätten, würden bürgerliche Ideologien, die ihnen in der Presse, im Fernsehen, in den Schulen, an den Universitäten präsentiert werden, stets durch diese Brille wahrnehmen und seien daher nicht in der Lage, das, was ihnen eingetrichert würde, kritisch zu hinterfragen.

Kofler nahm einem Schluck aus dem Wasserglas, das auf seinem Pult stand, und schritt mit auf dem Rücken gefalteten Händen ein paar Schritte auf und ab. „Das Erotische ist“, meinte er schließlich, „der Sinn des Lebens. Und das sage ich vor allem Ihnen, meine Damen!“ Diese Szene spielte vor Jahrzehnten, aber sie ist in meiner Erinnerung immer noch sehr lebendig. Ich bin heute kein Marxist mehr und erst recht kein orthodoxer, wenngleich die Ideen Koflers nach wie vor einen Einfluss auf mein Denken ausüben, den ich nicht unterschätzen will.

Wer meine Tagebuch-Einträge verfolgt, wird wissen, dass ich die so genannten „psychischen Krankheiten“ für bewusste, meist unbewusste Inszenierungen halte. Inszeniert werden – problematische – Lösungen äußerer, meist jedoch innerer Konflikte, die ihre Wurzeln in sozialen oder ökonomischen Schieflagen haben. Die so genannten psychischen Krankheiten sind – vor allem in kapitalistischen Staaten – ein Massenphänomen. Nun mag man sich fragen, warum so viele Menschen problematische Konfliktlösungen inszenieren, anstatt sich zusammenzuschließen, um unerträgliche gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern. Koflers Theorie vom „repressiven Menschenbild“ trägt sicher erheblich zur Antwort auf diese Frage bei.

 

Erstveröffentlichung als Online-Tagebuch des Nürnberger Sozialpsychologen Dr. Hans Ulrich Gresch vom Samstag, 28. Juli 2012 auf „pflasterritzen.blogspot.de“ (mittlerweile vom Netz genommen).

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Frank Schulz-Nieswandt: Meine Begegnung mit Leo Kofler

Im Wintersemester 1978 startete ich mein Studium der Sozialwissenschaften in Bochum. Und ich war romantisch: Ich wollte Professor werden. Das anfangs bodenlose Selbstbewusstsein schöpfte ich aus der Aufsuchung der Lehre bei dem unorthodoxen, dennoch in seinem geschichtsteleologischen Lehrgebäude dogmatischen, von Georg Lukács geprägten humanistischen Marxisten Leo Kofler. Heute vermag ich diese höchst idiosynkratische Dogmatik aus Koflers bewegter biographischer Entwicklung mit Nachsicht zu verstehen: Kofler floh wie Ernst Bloch aus der DDR. Seine Ausstrahlung war ein von vielen Menschen kollektiv geteiltes Erlebnis. Seine Vorlesungen waren übervoll; viele Studierende standen, manche saßen zu seinen Füßen am Podium. Eine tolle, dionysische Stimmung: grenzüberschreitend und lichtend. Und meine Bindung war damals sehr ausgeprägt. Im weiteren Verlauf verlief meine intellektuelle Entwicklung jedoch in einem Zyklus von Bindung und Lösung. Irgendwann kam der Punkt, da reifte ich über Koflers nicht-ökonomistischen Marxismus hinaus und fand die Wendung zum freiheitlichen Sozialismus des Neu-Kantianers Gerhard Weisser. Meine akademische Laufbahn bewegte sich nunmehr in sozialreformerische Bahnen. Was blieb? Seine Anthropologie des Apollinischen und Dionysischen hatte uns begeistert; erst in den letzten zehn Jahren habe ich mich diesem kulturgrammatischen wie psychodynamischen Kräftefeld wieder zugewandt, aber in anderer Tiefe in der Durchdringung der Ambivalenzen des Themenfeldes. So gesehen kehre ich zumindest thematisch wieder zurück zu Kofler. Die Geschichte ist also eine Dynamik von Bindung, Blickerweiterung, Blickverengung, Lichtung und Verflüssigung, Wiederkehr im Modus der Veränderung und der Offenheit. So gelang es, die Entwicklungsimpulse dieses beindruckenden, damals schon alten Mannes mitzunehmen, aber meinen eigenen Weg zu gehen. Noch heute verdanke ich ihm die Idee der anthropologischen Fundierung und Verklammerung der verschiedenen Sozialwissenschaften.

Was ist also des Pudels Kern? Wissenschaftliche Karriere ist immer auch eine personale Wachstumsgeschichte, die gelingen kann, an der man jedoch auch scheitern kann. Sterne der Lichtung benötigt man dazu; aber die Abnabelung ist wichtig, also eine Entmythologisierung der Sterne. Reifung hängt auch in der Wissenschaft an der Verflüssigung neurotischer Fixierungen. Man kann in seiner Entwicklung nicht von Anbeginn auf den Bergspitzen höchster Differenzierung sich selbst finden. Und daher gedenkt man seinen akademischen Orientierungshelfern, wenn man selber älter wird.

 

Erstveröffentlichung in: Kölner Universitätsmagazin Nr.5, Februar 2016. Frank Schulz-Nieswandt (*1958) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler und war Professor für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung sowie Direktor des Seminars für Genossenschaftswesen an der Universität Köln.

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Dieter Matten: Mein Kofler

Im Wintersemester 1980 begann mein Studium an der Ruhr Universität Bochum und mein erster Weg führte mich auf Anraten meines Lehrers Dietrich Garstka in das Gebäude GC, das Haus, in dem Leo Kofler der König aller fortschrittlich denkenden Studenten war. In ein Seminar von Kofler traute ich mich noch nicht, obwohl mein älterer Freund Reinhard Sonnenschmidt mich drängte. Doch bei einer Vorlesung konnte nichts geschehen, da wurde man nicht angesprochen, brauchte selbst nichts zu sagen. Mann, was war das voll hier, die Hörer saßen auf den Stufen bis vor das Rednerpult. Jetzt sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Menschen vor mir, von dem ich tatsächlich ein Buch gelesen hatte. Er war viel größer als ich es erwartet hatte, wirkte trotz seines Alters imposant und sportlich. Bernd Bruns tänzelte mit der Tasche hinter ihm her, freundlich lächelnd unter seinem Oberlippenbart. Umständlich wurde ein Kassettenrecorder aufgestellt, um den Vortrag mitzuschneiden, und ich hörte zum ersten Mal die Stimme Leo Koflers. Sie klang etwas hoch und drohte dauernd zu kippen. Das leichte Näseln schien auf eine Polypenerkrankung oder ein Problem an der Nasenscheidewand hinzudeuten. Beim ersten Hören war ich nicht beeindruckt, ich hatte erwartet, Kofler spricht wie Elmar Gunsch oder mindestens wie die Synchronstimme von Clint Eastwood. Aber schon nach wenigen Sätzen war ich gefangen, das war ein Mann, der jenen Geist ausstrahlte, den ich aus den Büchern mit ihm verband. Ein lebendiger, ja leidenschaftlicher Vortrag, die Begriffe stringent einen aus dem anderen abgeleitet. Kein Wort zuviel, ein Universum tat sich im Fortschreiten des Sprechens auf. Und immer genau dann, wenn es sehr schwierig wurde und eine Zäsur zum Nachdenken nötig war, machte er eine gedankliche Pause, indem er eine Anekdote erzählte und seinen Witz bewies. Ja, so hatte ich mir das gewünscht! Das war großartig! Nach wenigen Wochen war ich süchtig nach den Vorlesungen, ich brauchte sie, auch als Ausgleich für das langweilige Pflichtprogramm des sehr auf Seminarscheine orientierten Studiums.

 

Erstveröffentlichung in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011. Dieter Matten, Jg. 1961, studierte von 1980 bis 1989 bei Leo Kofler in Bochum und lebt heute als EDV-Berater und freier Autor in Belgien.

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