Werner Hansch: „Kofler hatte mich so gepackt“
Im Frühjahr 1973 kam ich auf diese Weise also zu meinem vierten Nebenjob, denn eigentlich war ich ja in erster Linie Student. Von dem, was man sich so unter einem Studentenleben vorstellt, konnte natürlich keine Rede sein. Ich war bestrebt, das Studium nach den vorgesehenen acht Semestern abzuschließen, und strengte mich dementsprechend an. Außerdem war ich mit Eifer dabei, weil mich die Themen und Inhalte interessierten. Die Zeit der Studentenbewegung wirkte noch nach; in den Vorlesungen des Soziologen Urs Jaeggi, der dem Marxismus nahestand, wurde heftig und hitzig diskutiert. Damit ich da mithalten konnte, las ich mich in marxistische Theorie ein. Leider wurde Jaeggi bald an die Freie Universität Berlin berufen. Jaeggis Nachfolger war der berühmte Leo Kofler, ein Marxist, der früher Professor in der DDR gewesen war, sich dann aber mit der SED überworfen und das Land verlassen hatte. Kofler schrieb sagenhafte Bücher und war ein faszinierender Mann. Er betrat den Vorlesungssaal ohne die kleinste Notiz, ohne jede Vorbereitung, und fesselte das Auditorium aus dem Stehgreif. Kofler hatte mich so gepackt, dass ich später meine Diplomarbeit bei ihm schrieb.
Erstveröffentlichung in Werner Hansch: „…Alles andere ist Schnulli-Bulli!“: Mein verrücktes Reporterleben, Göttingen: Verlag Die Werkstatt 2014. Werner Hansch (*1938) ist ein bekannter deutscher Sportreporter.
