Leo Kofler im Urteil Anderer
„Wir haben [Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre im „roten Wien“] auch die Handelsakademiker organisiert. Und aus der Gruppe der Handelsakademiker ging hervor einer der bedeutendsten Geschichtsphilosophen der internationalen sozialistischen Bewegung, nämlich Leo Kofler. Der zum Beispiel das Buch Zur Geschichte der Bürgerlichen Gesellschaft geschrieben hat und das Buch, das ich Euch allen zur Lektüre heute noch empfehle, das Buch Der proletarische Bürger. Es behandelt die Verwahrlosung der Ideologie in der Arbeiterbewegung als Zentralpunkt seiner Überlegungen und Betrachtungen, und ist, ich sage es noch einmal, als Lektüre insbesondere für junge Funktionäre der Gewerkschaft und der politischen Bewegung sehr zu empfehlen.“
Manfred Ackermann 1985
in einer Festrede auf dem 20.Jugendkongress des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) 1985.
„Leo Kofler wagte es, ich war selbst dabei, das war auf der [SED-]Parteihochschule [1948], zu sagen: Zur Dialektik gehört die Kategorie der Totalität. [Kurt] Hager war der Auffassung, Kofler vertrete die Totalitarismustheorie, die Faschismus und Kommunismus gleichsetzt. Nein, sagte Kofler, das ist was anderes, Totalität ist eine Kategorie der Dialektik. Dann hat Hager ihn mit Mühe und Not dazu bekehrt, einsehen zu wollen, dass das ja bei Lukács vorkommt und zwar beim frühen Lukács in Geschichte und Klassenbewusstsein. Nein Kurt, bei Marx steht es! Und da wurde Kofler in Halle so schikaniert, dass ihm gar nichts anderes übrigblieb, als nach dem Westen zu gehen und in Bochum eine Professur anzunehmen. Aber wie hat der Mann dort die Rote Fahne hochgehalten, der Kofler. Aber der hätte hier eine ganz wichtige und fruchtbare Rolle spielen können.“
Wolfgang Harich 1999
Ahnenpass. Versuch einer Autobiographie, Berlin 1999, S.324. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011]
„Kofler gibt damit seinen Lesern zu verstehen, dass eben in der Sowjetunion noch keine vollendete Planwirtschaft, d.h. kein Sozialismus besteht. Er versucht damit, die längst widerlegten Behauptungen des konterrevolutionären Trotzkismus neu aufzuwärmen. Dabei hindert ihn sein ‚Totalitätsprinzip‘ in keiner Weise, die Tatsache zu ignorieren, dass die Sowjetunion die kapitalistischen Länder Europas in der industriellen Entwicklung bereits vor dem Zweiten Weltkriege überholt hatte und dabei war, die Vereinigten Staaten von Amerika einzuholen, wobei sie ihre Industrie auf einer völlig neuen, auf sozialistischer Grundlage errichtete. […] Damit ergibt sich aus der Darstellung des Herrn Professor Dr. Kofler die Alternative: Entweder befindet sich die Sowjetunion tatsächlich im Übergang zum Kommunismus, dann müsste der Sowjetstaat allmählich verschwinden, oder der Sowjetstaat verschwindet nicht, sondern erstarkt immer mehr und mehr, dann ergibt sich der Schluss: wir haben in der Sowjetunion keinen Übergang zum Kommunismus. Herr Professor Dr. Kofler hat sich auf diese Weise völlig auf die Position des Trotzkismus gestellt. Wäre es nicht angebracht gewesen, dass sich Herr Professor Kofler, bevor er an dieses Thema heranging, gründlich bei den führenden marxistischen Theoretikern der Sowjetunion selbst erkundigt hätte, wie die Entwicklung des Sowjetstaates unter den Bedingungen des Übergangs zum Kommunismus vor sich geht? […] Herr Professor Kofler, als Anhänger des Totalitätsprinzips, ignoriert jedoch solche Kleinigkeiten wie die kapitalistische Umkreisung. Ist es nicht klar, dass an der Hallenser Universität unter der Maske wissenschaftlicher Interpretation des Marxismus sowjetfeindliche Konterbande eingeschmuggelt wird? Und ist es nicht an der Zeit, dass die fortschrittlichen Studenten in Halle dazu übergehen, gegen die Träger dieser sowjetfeindlichen Konterbande einen energischen ideologischen Kampf aufzunehmen?“
Fred Oelssner 1950
Fred Oelssner während seiner Rede vor der FDJ-Jugend in Berlin, Januar 1950.
„Mit [Leo Kofler] ist der marxistische Geschichtsphilosoph von uns gegangen, der in der DDR-Geburtsphase in der Stadt der Aufklärung und des Pietismus, in Halle an der Saale, die Hoffnungen auf eine kluge, engagierte Lehre des historischen Materialismus auf sich vereinigte – und schon nach zwei Jahren kapitulieren musste, um sich danach in Köln durchzuschlagen. […]
Peter Ruben 1995
Nachruf im Freitag vom 11.8.1995. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011]
„Die Enttäuschung über Leo Kofler, von dem sich das ‚Fortschrittslager‘ [in der noch jungen DDR] so viel versprochen hatte, erlebte ich hingegen noch mit. Ein profunder und literarisch ausgewiesener Marxkenner, war der staatenlose Antifaschist zugleich ein sehr eigenwilliger Marxinterpret, der als unorthodoxer Linker auf sich aufmerksam machte und Zulauf gewann. Ihn sich als Bundesgenossen zu bewahren, vermochten die ‚Schulmarxisten‘ in den Endvierzigern noch nicht. Mit ihm einen tragbaren modus vivendi zu finden misslang bei mangelnder Flexibilität auf beiden Seiten. Es kam zu langwierigem ideologischen Streit, worauf Kofler seine ‚Tür‘ zum Osten vorerst zuwarf – allerdings im Unterschied zu manch anderem Hallenser, wie dem Sozialdemokraten I.M. Lange, nicht ganz und nicht für alle Zeit.“
Walter Markov 1989
Zwiesprache mit dem Jahrhundert, Köln 1990, S.166.
„Ich muss gleich vorwegnehmen, dass Ihre Darstellungsweise der Dialektik des historischen Materialismus [im Buchmanuskript Geschichte und Dialektik] mir die einzig richtige scheint, und dass Ihr Buch schon darum einen wichtigen Beitrag zur neueren marxistischen Literatur bildet. Wo die älteren Darsteller des historischen Materialismus (Plechanow, Bucharin, Thalheimer usw., um von Kautsky ganz zu schweigen) ihn immer wieder in beschreibender, analytischer oder sogar in Kategorien zerlegter Form versuchten darzustellen, sind Sie an diese Darstellung von der entgegen gesetzten Seite herangegangen, und haben ihn in seiner Gesamtheit, als Gesamtmethode darzustellen versucht. Dadurch ist das Studium Ihres Buches vielleicht etwas schwieriger für einen Durchschnittsleser als die Lektüre der oben genannten Vulgarisierungsarbeiten, aber es ermöglicht eine wirkliche Assimilierung der dialektischen Methode und erfähigt dadurch die Erziehung nicht von Epigonen, Apologeten oder ‚roten Professoren‘, sondern von selbständigen (revolutionären) Denkern, – und das ist das größte Lob, das man überhaupt gegenwärtig einer Arbeit über den historischen Materialismus widmen kann! Ich bin deshalb auch überzeugt, dass die Veröffentlichung Ihrer Arbeit ein wirklicher Beitrag zur Erneuerung, und zum Aufschwung, der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung sein kann.“
Ernest Mandel 1951
Brief an Leo Kofler 20.3.1951. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011]
„[Lukács] veröffentlichte seinen Aufsatz mit dem Titel „Volkstribun oder Bürokrat“ in der Zeitschrift Internationale Literatur. Es ist die schärfste und scharfsinnigste Kritik an der Bürokratisierung, die während der Stalin-Ära in Russland veröffentlicht wurde (und als solche von Leo Kofler (Jules Dévérité) in einem 1952 erschienenen Artikel [gemeint ist Koflers Broschüre Der Fall Lukács] anerkannt wurde: d.h. vor der Ankündigung des Programms der „Entstalinisierung“).“
He publishes his essay entitled “Volkstribun oder Bürokrat” (Tribune of the People or Bureaucrat) in Internationale Literatur. It is the sharpest and most penetrating critique of bureaucratization published in Russia during the Stalin period (and recognized as such by Leo Kofler (Jules Dévérité) in an article published in 1952: i.e. before the announcement of the programme of “destalinization”).
István Mészáros 1972
Lukács’ Concept of Dialectic, London 1972, S.141.
„Das was ich mir in Soziologie angeeignet hatte, habe ich [Ende der 40er Jahre] versucht, denen [angehenden Lehrern] zu vermitteln. Zum Beispiel Marx und Marxismus. [...] Frage: Ja wo hattest Du das her? Hast Du Dir das selber beigebracht? Pirker: Nein, ich bin durch ein Buch sehr stark marxistisch geworden. Aus der Familie wusste ich einiges, aber nicht sehr viel. Das war ein Buch von Leo Kofler. In der Emigration hat der ein Buch herausgegeben, das hieß Die Wissenschaft von der Gesellschaft.“
Theo Pirker 1988
Theo Pirker über „Pirker“, Marburg 1988, S.50. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011]
„wohl das bedeutendste hegelianisch-marxistische Werk des letzten Jahrzehnts, Stanislaw Warynskis Wissenschaft von der Gesellschaft“
Ernst Topitsch 1954
Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, April 1954.
„P.S.: Ein aus Ostdeutschland geflohener Professor, L.[eo] Kofler hat in der Schweiz unter dem Pseudonaym Warynski zwei Bücher veröffentlicht: Beitrag zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft und Wissenschaft von der Gesellschaft. Ich habe die Bücher noch nicht auftreiben können, glaube aber, dass Sie sich vielleicht dafür interessieren werden?“
Roman Rosdolsky 1951
Brief an Karl Korsch am 2. April 1951.
„Vieles ist mir unverständlich geblieben [in Leo Koflers im Handbuch der Soziologie 1956 veröffentlichtem Aufsatz „Die Gesellschaftsauffassung des Historischen Materialismus“], und ich sollte deshalb schweigen. Jedenfalls bedürfte es einer sehr ausführlichen Untersuchung, um meine Einwendungen gegen die ganz ungewöhnliche und angreifbare Auffassung dieses seltsamen Marxisten vorzutragen.“
Leopold von Wiese 1957
Schmollers Handbuch, Heft 3/1957, S.95.
„So hat die Arbeit des Austromarxismus trotz vieler Irrtümer, die er durchlaufen musste, doch den Boden bereitet, auf dem heute – in einer Zeit internationaler geistiger Stagnation in der internationalen Arbeiterbewegung der kapitalistischen Länder –, die Leistungen seiner letzten Repräsentanten möglich wurden: Leo Kofler-Warynski, den der Zufall der Emigration nach Deutschland führte, Eduard März und Joseph Hindels in Österreich. Die sozialistische Jugend sollte auch künftig in den Schriften der Austromarxisten ihre geistigen Waffen suchen.“
Wolfgang Abendroth 1960
Gesammelte Schriften, Band 3, Hannover 2013, S.340.
„Einer der wenigen in der Bundesrepublik lebenden Marxkenner“
Viktor Agartz 1961
„Dem Verfasser dieser Zeilen ist noch gut in Erinnerung, dass sich Kofler in einem Wochenseminar der Heimvolkshochschule Dortmund schon 1962 mit Herbert Marcuse auseinandersetzte, der zu diesem Zeitpunkt noch weithin unbekannt war, aber 1968 zum bedeutendsten Ideologen der rebellischen Studenten wurde. Kofler hat in einer Zeit, als es in der BRD erst geringe Ansätze einer kritischen Gesellschaftstheorie und fast keine allgemeinverständliche marxistische Literatur gab, vor allem jungen Menschen Orientierungshilfen gegeben. So manchen, der Veränderungen nicht ‚erwarten‘ konnte, lehrte er aus seinen Erfahrungen und geschichtlichen Studien, mit der Zeit umzugehen, und bewahrte ihn damit vor Resignation oder ultralinken Spinnereien. Mit seiner vorzüglichen pädagogischen Begabung vermittelte er die wesentlichsten Kategorien der marxistischen Dialektik.“
Hubert Schütz
Aus einem nachgelassenen Manuskript des Münchner Linken.
„Der frühere Austromarxist Leo Kofler (geb. 1907) hat in Die Wissenschaft von der Gesellschaft (unter dem Pseudonym Stanislaw Warynski, 1944) die marxistisch-dialektische Soziologie neu formuliert, für sie in Staat, Gesellschaft und Elite zwischen Humanismus und Nihilismus (1960) neue Aspekte gewonnen und sie in Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft (1.Aufl. 1948, 3.Aufl. 1966) historisch begründet.“
Werner Hofmann 1962/66
Ideengeschichte der sozialen Bewegung, 6. erw. Aufl., Berlin/New York 1979, S.269.
„Dass Sie mit der Frankfurter Richtung auf Kriegsfuß stehen, ist nur eine Ehre für Sie.“
Georg Lukács 1965
Brief an Leo Kofler vom 30.4.1965. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011]
„Kofler setzt in seinen Arbeiten jene Linie des Marxismus fort, die in der Problematik des Menschen und der Geschichte die wahre Domäne der marxistischen Theorie und Kritik sieht. Daher widmet er einen Teil seiner Untersuchungen der Analyse der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft und der Methodologie der historischen Forschung. Den anderen Teil seiner Untersuchungen widmet er der Kritik des stalinistischen Bürokratismus und einigen in Beziehung dazu stehenden Phänomenen. […] In der Auffassung, die Lage der Arbeiterklasse wie auch des Kleinbürgertums sei auch heute noch tragisch, plädiert Kofler für einen revolutionären Humanismus als einzige Lösung der zeitgenössischen Probleme. Damit wiedersetzt er sich scharf sowohl dem stalinistischen Vulgärmarxismus als auch der empirischen und positivistischen Philosophie und Soziologie. Ein dialektisches Denken der Totalität, welches für Kofler das Marxsche darstellt, müsse zugleich auch ein ausgearbeitetes Bild vom Menschen, eine Anthropologie als Wissenschaft von den unveränderlichen Voraussetzungen der menschlichen Veränderbarkeit haben.“
Predrag Vranicki 1961/71
Geschichte des Marxismus, Frankfurt/M. 1974, S.877.
Lieber Leo! Du wirst in wenigen Tagen 60 Jahre; vor einem Jahre ist mir das gleiche Unglück passiert. Ich hoffe, Du hast noch weniger als ich Grund zu befürchten, dass der Eintritt in das siebte Jahrzehnt notwendig mit Vergreisung verknüpft ist. Hochschulen und Arbeiterbewegung haben Dich gleichermaßen schlecht behandelt. Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich die Öffentlichkeit besinnt, Deine Bücher gebührend anzuerkennen. Nebenbei: ist das Georg Lukacs wesentlich bessergegangen? Er hat uns gegenüber nur den Vorteil, älter und daher in möglicher Sprengwirkung ungefährlicher geworden zu sein. Du solltest Dich also nicht darüber ärgern, dass alle Welt versucht, Dich vergessen zu machen, sondern eher amüsieren, wie schön an Deinem Beispiel zu sehen ist, dass die Bürokraten der SPD und der Gewerkschaftsbewegung, der SED und der DDR und die Herren ordinierten Professoren so schön parallel reagieren; auf sehr lange Sicht wird ihnen das allen gleichmäßig wenig nützen und es wird einmal eine Zeit kommen, in der sie Dir gebührende Reverenzen in Form eifriger Zitate erweisen. Nur dauert das halt noch ein bis zwei Jahrzehnte. Von den Grenzen, an die das Wirtschaftswunder des Spätkapitalismus führt und die stalinistische Bürokratie dort stößt, wollte ja vor wenigen Jahren auch noch niemand etwas hören. Ich weiß nur zu gut, dass dieser Trost Dir aktuell angesichts Deiner materiellen Lage verdammt wenig nützt. Und leider verhindert das unvermeidlich auch Deine wissenschaftliche Arbeit und Deinen Einfluss auf die junge Generation der Arbeiterbewegung. Aber der ist trotzdem nicht gering, soweit es sich um die leider zu schmalen wirklich brauchbaren Kader unter den Jungintellektuellen, Studenten und entwickelteren jungen Funktionären der Gewerkschaftsbewegung handelt. So solltest Du, wenn Du zurückblickst, vor allen Dingen zufrieden und befriedigt sein, wenn Du siehst, was Du in den vergangenen Jahrzehnten alles geleistet und publiziert hast. Und für das nächste Jahrzehnt wünschen wir alle Dir, dass Du ebenso lebendig und fruchtbar bleiben wirst, wie Du es bisher warst. Mit herzlichen Grüßen Dein
Wolfgang Abendroth 1967
Brief an Leo Kofler, 21.4.1967. Erstveröffentlichung in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011.
„Zentral für die Vermittlung der marxistischen Klassik in dieser Gegenwart bleibt Georg Lukács, neben dem neuerdings auch wieder Karl Korsch gelesen wird sowie, immer noch zu wenig beachtet, Leo Kofler.“
Bernard Willms 1971
Marxismus-Wissenschaft-Universität. Zwölf Thesen, Düsseldorf 1971, S.59.
„Koflers eminenter historischer Sinn, seine methodologische Genauigkeit und seine differenzierte Auseinandersetzung mit bürgerlichen Theorieansätzen freilich entschädigen: Sie stellen dieses allzu lang verschollene Buch [Die Wissenschaft von der Gesellschaft], wird einmal eine Geschichte der ‚Renaissance des Marxismus‘ geschrieben, an die Seite der Werke des jungen Lukács und Korschs Marxismus und Philosophie.“
Günter Maschke 1971
„Zur Methodologie des Marxismus. Leo Koflers vergessene erste Schrift“, in: Süddeutsche Zeitung, 19./20.6.1971
„Dialektisches Denken ist mehr als Sich-Vergewissern von dem, was auch ohne es ist. Denn es weiß sich stets als Moment dessen, was es begreift. Es kann daher gerade für den dialektischen Materialismus keine einseitige Ableitung des Bewusstseins aus dem ökonomischen Sein geben, dergestalt, dass dieses als schlechthinnige causa sui alles andere determinierte. Vielmehr macht es das Wesen der menschlichen Verhältnisse aus, eben die Verhältnisse von handelnden, mit Bewusstsein begabten und ihre Zwecke verfolgenden Menschen zu sein. Marxismus ist somit der von einer rein kontemplativen Beziehung des Denkens zum Sein weit entfernte Versuch einer historischen Selbsterkenntnis des produktiven Subjekt-Objekts der Gesellschaft. Dies gilt in besonderem Maße für das Denken Leo Koflers, das wie schon Lukács’ Geschichte und Klassenbewusstsein der Wiederbelebung einer marxistischen Dialektik gewidmet ist.“
Ernst Bloch 1977
Ernst Bloch u.a. (Hrsg.): Marxismus und Anthropologie. Festschrift für Leo Kofler, Bochum 1980, S.27. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011]
„Man kann Leo Kofler nicht für irgendeine Gruppe reklamieren. Dazu ist Leo Koflers Weg zu unabhängig und eigenwillig gewesen. […] Und trotzdem könnte keine zureichende Geschichte der sozialistischen Linken […] erscheinen, ohne Koflers Arbeit und seine oft eher verborgenen Einflüsse zu erwähnen. Ohne die unnachgiebige, keine Resignation kennende, marxistischer Theorie auch in repressiver Gesellschaft nicht entsagende Arbeit, während der antikommunistischen 50er und 60er Jahre, ohne die Arbeit der Kofler u.a., der so wenigen, wäre auch der schon wieder geschwächte Aufbruch Ende der 60er Jahre nicht denkbar, nicht durchhaltbar gewesen.“
Klaus Vack 1977
„Leo Kofler zum 70.Geburtstag“, in: links. Sozialistische Zeitung 1977. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011]
„Was ich bei meinen hochverehrten orthodoxen Genossen als komisch empfinde, ist der Legitimationsdruck, unter den sie sich freiwillig und ohne Grund stellen. Ganz gleich, was sie sagen, alles muss mit Marx übereinstimmen. Leo Kofler zum Beispiel, ein Mensch, den ich sehr schätze, ebenso wie seine interessante Analyse, eine Kombination von Soziologie, Kritik der politischen Ökonomie und Psychoanalyse. Er könnte doch einfach seine Thesen darstellen, sagen, dass nach seiner Auffassung die Sache so und so ist. Aber er steht unter dem Legitimationsdruck und muss daher beteuern: Seine Aussage stünde in völliger Übereinstimmung mit Marx. Als ob das der Nachweis der Wahrheit wäre. Da denke ich anders.“
Johannes Agnoli 1984
1968 und die Folgen, Freiburg 1998, S.218.
„In diesem Zusammenhang ist hier auch noch um der historischen Gerechtigkeit willen anzumerken, dass neben der Frankfurter Schule damals (Mitte der 50er Jahre) noch Leo Kofler eine besondere Rolle gespielt hat, der mit seinen Versuchen, an Georg Lukács anzuknüpfen, eine damals sehr wichtige Bereicherung der Theoriediskussion war. Das ist ihm leider nicht sehr gedankt worden. Er hat eine sehr selbstlose Arbeit geleistet.“
Heinz Brakemeier 1985
Siegward Lönnendonker (Hrsg.): Linksintellektueller Aufbruch zwischen „Kulturrevolution“ und „kultureller Zerstörung“. Der SDS in der Nachkriegsgeschichte (1946-1969). Ein Symposium, Opladen/Wiesbaden 1998, S.66.
„Kofler ist sicherlich innerhalb der marxistischen Tradition das, was man als einen sehr eigensinnigen Menschen bezeichnen könnte, aber kein Dogmatiker. Die wirklich eigensinnigen Menschen sind nie Dogmatiker, aber sie halten an dem fest, was für sie einmal wichtig war, und opfern Kategorien nur unter der äußersten Beweislast ihrer Unwahrheit. Sie schließen sich nicht Moden an und geben nie das auf, was geschichtlichen Erfahrungsgehalt repräsentiert. […] Mit Leo Kofler ist eine Form des unverstümmelten, lebendigen Marxismus verknüpft.“
Oskar Negt 1988
Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen. Beiträge zur marxistischen Theorie heute. Leo Kofler zum 80.ten Geburtstag, Berlin 1991, S.22f. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011]
„Leo Kofler gehörte zu jenen geistig selbständigen ‚Schülern’ von Marx, die den Missbrauch seiner kritischen Theorie durch bürokratische Parteieliten früh erkannt und entschieden bekämpft haben. Dennoch war er – nach der Flucht aus dem Herrschaftsbereich der SED – nicht bereit, sich in den Dienst eines populären Antikommunismus zu stellen. Das macht ihm das Leben und das ‚Vorwärtskommen’ in der Bundesrepublik nicht leicht. […] In der politischen Orientierung am ehesten mit Wolfgang Abendroth vergleichbar, hat sich Kofler vor allem als Publizist und Lehrer an Volkshochschulen sowie als Honorarprofessor betätigt, ohne sich einer politischen Partei anzuschließen. Sein zentraler Gedanke war die Herausarbeitung der humanistischen Zielsetzungen von Marx und Engels auf der einen Seite und eine Fortentwicklung der kritischen und realistischen Analyse der bürgerlichen Gesellschaft im Sinne des Marxismus auf der anderen. Dabei zeigte er, dass weder die vereinfachende Reduktion der Marxschen Theorie auf eine deterministische Geschichtsphilosophie, noch die Fixierung auf einen vagen und idealen Utopismus dem Denken von Marx gerecht wird. […] Leo Kofler war – neben Georg Lukács (mit seinen frühen Arbeiten) und Ernst Bloch sowie Herbert Marcuse einer der profiliertesten kritischen Marxisten in Deutschland. In der Atmosphäre des 'kalten Krieges', n dem er nicht teilhaben wollte, fand er kaum die Beachtung, die er verdient hätte. Durch seine Polemik gegen Horkheimer und Adorno isolierte er sich auch den Frankfurtern gegenüber. Seine in vielen Kleinverlagen erschienenen Schriften verdienen noch immer Beachtung. Sie enthalten weit mehr selbstständige und weiterführende Gedanken als Dutzende von Bänden der 'offiziellen Parteimarxisten' aus der ehemaligen DDR. Seine These von der progressiv-humanistischen Elite sucht der Tatsache gerecht zu werden, dass es außerhalb der Parteiorganisationen und sogar in einer gewissen Distanz zur Politik überhaupt Zeitgenossen gibt, die für die idealen Ziele des frühen Marx empfänglich geblieben sind und – trotz allem – nicht resignieren. Durch seinen unerschütterlichen Optimismus hat er dieser Elite Mut vorgelebt.“
Iring Fetscher 1995
Nachruf in der taz vom 3.8.1995.
„Kofler lehrte besonders in den 50er Jahren in den Gruppen der Naturfreunde und ihrer Jugend. Er beeinflusste in hohem Maße die gesellschaftspolitischen Vorstellungen der Naturfreundejugend nach dem Kriege. Der Humanismus, den er überzeugend vertrat, hat mein Denken, meine Orientierungen und Haltungen geprägt. […] Der Verstorbene gehörte zu den Wissenschaftlern, die während des kalten Krieges der Entpolitisierung der Arbeiterbewegung engagiert entgegenwirkten. In Volkshochschulen und Universitäten, in den Gewerkschaften und bei den Naturfreunden und ihrer Jugend lehrte er Geschichte, dialektisches Denken und zeigte eine marxistisch orientierte soziologische Anthropologie auf. Er entwarf ein optimistisches, undogmatisches und lebensvolles Bild vom Menschen. […] Die gelähmte Linke könnte von Leo Kofler lernen. Für die Naturfreundejugend schrieb Leo Kofler zwei Schriften: ‚Das soziale Werden der Gegenwart‘ und ‚Menschlichkeit-Freiheit-Persönlichkeit‘. Sie gehörten zu den ersten Büchern meiner Bibliothek. Mit den Erkenntnissen Leo Koflers wurde mir ein bedeutsames Instrumentarium vermittelt, mit dessen Hilfe ich mich in geistigen und politischen Auseinandersetzungen zurechtfinden konnte. Leo Kofler bleibt auch heute ein Maßstab für mich, als Genosse, Wissenschaftler, Ermutiger und Mensch.“
Willi Feldgen 1995
Grüner Weg 31a. Zeitschrift des Studienarchivs Arbeiterkultur und Ökologie, Heft 3/1995
„Professor Leo Kofler lehrte von 1951 bis zu seiner schweren Erkrankung 1991 an der Volkshochschule Köln: Geschichte, Sozialphilosophie, Soziologie, Ästhetik und Anthropologie. Er hat in diesen Disziplinen die gesellschaftliche Weiterbildung an der VHS entscheidend mitgeprägt, insbesondere als der anerkannte Vertreter der kritischen Gesellschaftswissenschaft. Seine Lehrveranstaltungen und Vorträge stießen immer auf eine sehr große und besondere Resonanz. Zahlreiche Menschen mehrerer Generationen führte er in die Grundlagen, Methoden und Aufgaben der kritischen Gesellschaftstheorie ein – mit umfassender wissenschaftlicher Kompetenz, sachlich fundiert und pädagogisch engagiert. Leo Kofler vertrat in seiner Lehrtätigkeit eine marxistisch-humanistische Position. […] Für ihn hatte die Erwachsenenbildung bzw. Weiterbildung, für die er sich schon in seiner Jugend interessierte und als Lehrender engagierte, eine besondere Bedeutung. Aufklärung als Prinzip und Humanismus als Intention charakterisierten seine bildungspolitische und pädagogische Arbeit. […] Die VHS Köln akzeptierte seine marxistisch-humanistische Position, sie respektierte seine wissenschaftliche und pädagogische Kompetenz und verteidigte seine Lehrtätigkeit gegenüber politisch konservativen Angriffen – über die Zeit des Kalten Krieges hinaus. Im Bereich der gesellschaftlichen Weiterbildung an der VHS hatte die Lehrtätigkeit Leo Koflers einen besonderen, anerkannten Stellenwert – bis zuletzt. Die VHS Köln schätzte Leo Kofler als Persönlichkeit: als bedeutenden Wissenschaftler und großartigen Menschen. Seine Hörer in seinen Vorträgen und insbesondere seine Seminarteilnehmer haben ihn als engagierten Pädagogen kennengelernt: fordernd, sich notwendiges gesellschaftlich-kritisches Wissen anzueignen; anstrengend, in Zusammenhängen zu denken; diskutierend, Vorgetragenes zu reflektieren; animierend, Lernen mit Humor zu verbinden. Er war ein humorvoller Mensch; er konnte wissenschaftliche Aussagen durch sinnvolle Anekdoten aufhellen, verständlicher machen. In seinem feinen Humor spiegelte sich auch etwas von seinem Optimismus wider. Trotz seiner kritischen Einschätzung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation in Bezug auf kulturelle Dekadenz und soziale Entfremdung war er grundsätzlich optimistisch. Seinen Optimismus, bezogen auf zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen, leitete er aus seinen umfassenden historischen Erkenntnissen ab; er erkannte in der Geschichte permanent soziale Bewegungen, die Gesellschaftsformationen fortschrittlich – zu höheren Stufen von sozialer Freiheit – verändert haben. Dieses Wissen war ein entscheidendes Element seiner humanistischen Position und Perspektive.“
Theo Schiffermann 1996
Nachruf des Leiters der Abteilung Gesellschaftliche Weiterbildung der Volkshochschule Köln.
Was bedeutet uns heute die Beschäftigung mit dem Werk von Kofler? Wir ehren eine große, mutige und gradlinige Persönlichkeit, einen großen Denker und Kämpfer! Damit arbeiten wir zugleich gegen jene systematische Verdrängung der Geschichte, die heute vor allem bei den jüngeren Generationen zu wirken scheint. Und wir wehren uns am Ende des Jahrhunderts, indem wir mit Leo Kofler einen bedeutenden Sozialisten und Humanisten ehren, zugleich gegen jene Tendenz, die gesamte Geschichte des Sozialismus und Marxismus im 20. Jahrhundert – im Sinne von Schwarzbüchern – zu kriminalisieren. Wie heute hat es immer wieder Perioden in der Geschichte gegeben, in denen die herrschenden Kräfte übermächtig erschienen, in denen die progressiven Kräfte scheinbar völlig marginalisiert und atomisiert waren. […] Es gibt also nicht nur Grund zum Skeptizismus und Pessimismus; es gibt zahlreiche Ansatzpunkte für praktisches und theoretisches Engagement. Es gibt sogar Ansätze, die zur Hoffnung auf eine Erneuerung der marxistischen Dialektik berechtigen. Wir können dabei viel von Leo Kofler lernen. Seine Biographie vermittelt uns ein Beispiel für Mut, Standhaftigkeit und Gradlinigkeit – die auch wir brauchen, um die Krise der Linken am Ende des 20. Jahrhunderts zu überwinden. Und wir haben theoretisch von ihm zu lernen; denn zur Wiederbelebung eines lebendigen Marxismus, der auf die theoretische und praktische Kritik bestehender, unmenschlicher Herrschaftsverhältnisse zielt, gehört auf jeden Fall auch die Aneignung des Lebenswerkes von Leo Kofler.
Frank Deppe 1999
Leo Kofler und die „heimatlose Linke“ jenseits von Sozialdemokratie und Staatssozialismus. Vortrag auf einer Tagung der Leo Kofler-Gesellschaft e.V.
„Es ist kaum verwunderlich, dass Kofler weder in der DDR, wo er als ‚Trotzkist‘ angegriffen und seiner Geschichtsprofessur in Halle beraubt wurde, noch bei den weitgereisten Stars des westlichen Marxismus ein günstiges Milieu fand. Leo Kofler war und ist der ‚unsichtbare Mann‘ der marxistischen Geschichtsschreibung.“
„It is hardly surprising that Kofler found a favourable milieu neither in the German Democratic Republic, where he was attacked as a ‘Trotskyist’ and stripped of his history professorship at Halle, nor among the well-travelled stars of Western Marxism. Leo Kofler was and remains the ‘invisible man’ of Marxist historical writing.”
Thomas A. Brady Jr. 2014
„Marxist Evaluations of Luther’s Thought” in: The Oxford Handbook of Martin Luther's Theology, Oxford 2014.
