Leo Kofler - Leben & Werk
Willkommen auf den Seiten der Leo Kofler-Gesellschaft. Die Leo Kofler-Gesellschaft ist ein eingetragener, gemeinnütziger Verein, der 1996 gegründet wurde und der wissenschatlichen Aufarbeitung und Pflege von Leben und Werk Leo Koflers dienen soll.
Auf diesen Seiten (und auf Facebook) informieren wir Sie über Kofler und die Aktivitäten der Leo Kofler-Gesellschaft e.V.
News
Neue Adresse der Leo-Kofler-Gesellschaft e.V.
Die Leo-Kofler-Gesellschaft e.V. ist umgezogen. Sie erreichen uns in der Zukunft postalisch nicht mehr unter unserer alten Wittener Adresse, sondern fortan unter:
Leo-Kofler-Gesellschaft e.V.,
c/o Andreas Zolper,
Lange Malterse 55,
44795 Bochum.
Leo Kofler: Theorie und Praxis [1951]
Die Theoriefeindlichkeit ist eine der Niedergangs-Erscheinungen unserer Zeit. Die Achtung vor dem Wissen und dem abstrakten Denken hat stets die Aufstiegsepochen der Menschheit gekennzeichnet. Denn der Fortschritt bedarf in seiner Kritik des Alten und für seine Begründung des Neuen jener empirischen Tiefsicht, die in der Fähigkeit besteht, Schein und Wesen der Erscheinungen zu unterscheiden, oder, was dasselbe ist, wissenschaftlich (theoretisch) zu denken. Wo diese Fähigkeit entartet oder zur „privaten“ Angelegenheit eines engen Kreises „Gelehrter“ geworden ist, wird der Oberflächenschein zur Sphäre der gedanklichen Bewegung. Die Täuschung betrügt hier die Wahrheit. Es gibt aber kein sichereres Zeichen für das Steckenbleiben im vulgären Vorstellungsvermögen der „Gebildeten“ als deren mokantes Naserümpfen über die Theorie und die offen proklamierte Absetzung der Theorie als Führerin in der gedanklichen und, wie wir noch sehen werden, auch praktischen Beherrschung der Welt.
Theorie ist geordnete Erfahrung. Aber die von ihr im Ziele der gedanklichen Arbeit beabsichtigte Ordnung ist eine völlig andere als etwa die eines Kochbuchs, das gleichfalls die Erfahrung eines bestimmten Geschehensabschnittes ordnet. Das Kochbuch ist kein theoretisches Werk. Es kommt vielmehr der Theorie darauf an, mittels richtiger Inbezugsetzung der im naiven Denken voneinander getrennten Erscheinungen zueinander wie auch zu der ihnen zugehörigen Totalität und mittels der abstrahierenden Verallgemeinerung des so gewonnenen Tatsachenmaterials die Wahrheit hinter dem Schein zu entdecken. Es ist klar, dass eine solche Form der Erkenntnis der unmittelbaren „praktischen“ Erfahrung weit überlegen ist und diese sich schon gefallen lassen muss, von jener belehrt zu werden.
Dabei ist andererseits gewiss nicht zu übersehen, dass für die praktische Betätigung selbst die Aneignung der Theorie keineswegs ausreicht, sondern hier eine besondere Begabungsrichtung maßgeblich bleibt. Aber der Praktiker, der die Theorie grundsätzlich verabscheut, bleibt völlig richtungslos und vermag nur da Erfolge zu erzielen, wo er einer ebenso völlig richtungslosen, d.h. an keiner Theorie orientierten Gegenseite gegenübersteht. Will man zum anderen ein geschichtliches Beispiel für die Unzulänglichkeit der rein theoretischen Begabung für die Bewältigung praktischer Probleme anführen, so genügt der Hinweis auf die Professoren des Frankfurter Parlaments von 1848, die völlig versagt haben.
Wo die Praxis von der Theorie nichts wissen will, sich zu ihr skeptisch oder gar feindlich verhält, spricht man mit Recht von „Praktizismus“. Seine unvermeidliche Begleiterscheinung und sein sicherstes Erkennungszeichen ist die Entartung der Praxis zu einer leeren und erfolglosen, weil nur von der Kenntnis der Oberfläche der Gesellschaft und des Menschen geleiteten Spielerei mit politischen, organisatorischen, propagandistischen u.a. „Aufgaben“. Umgekehrt wird allerdings auch die theoretische Arbeit zur ebenso leeren Gedankenspielerei, wo sie die Nabelschnur zur Praxis völlig abreißt und sich damit von der Wirklichkeit entfernt.
Es ist interessant zu sehen, wie der Praktizist geneigt ist, gerade das als gesichert und selbstverständlich hinzunehmen, das als unerschütterliches Fundament seines Denkens zu setzen, was in Wahrheit am wenigsten dem Wesen der Erscheinungen nahe kommt, vielmehr nur deren Oberfläche erfasst, nämlich die sogenannte „Tatsache“. Der naive Glaube an die Macht der „Tatsache“ ist dem Verhalten des Wilden vergleichbar, der die Belebtheit der ihn umgebenden Naturgegenstände als selbstverständlich voraussetzt und sie („Fetisch“) zur Grundlage seines alltäglichen Tuns macht. Man kann daher treffend von dem Denken unserer theoriefeindlichen Praktiker als von „Tatsachenfetischismus“ sprechen.
Stellen wir die Frage: Was ist eine Tatsache? Die Antwort, die wir zu geben haben, setzt eine längere Untersuchung voraus und kann daher in diesem Rahmen nur andeutungsweise gegeben werden (– mehr als anzuregen beabsichtigt dieser kurze Artikel ohnedies nicht).
Zunächst muss unterschieden werden zwischen datenmäßigen Tatsachen (z.B. Kant ist 1804 gestorben) und Tatsachen, die bereits mehr oder weniger einen lebendigen Zusammenhang der Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens ausdrücken – (wir haben es in unserem Zusammenhang nur mit diesem zu tun). Die gewöhnliche, datenmäßige Tatsache vermittelt keinen Begriff, wenn wir sie nicht von Anfang an in eine Beziehung zu anderen Erscheinungen bringen (z.B. Kant war ein großer rationalistischer Philosoph). Diese Beziehung stellt aber eine jener „Tatsachen“ höherer Ordnung dar, die sich bei näherer Untersuchung als höchst unklare, ja scheinhafte Gebilde herausstellen. Sie sind nichts anderes als über das Wesen der Erscheinungen zunächst hinwegtäuschende gedankliche Gebilde. Der Grund für diese – nun, sagen wir – Tatsache liegt in dreifachem.
Erstens in der isolierenden Funktionsweise unseres Bewusstseins. Unser Bewusstsein tendiert gerade da, wo es sich praktisch und nicht theoretisch verhält – und das ist bei dem „Erlebnis“, d.h. beim ersten Aufnehmen der Tatsache, immer der Fall – zur gedanklichen Zerreißung der Wirklichkeit, zu deren Zerteilung in unabhängig voneinander vorgestellte Fakten. Da die Welt aber einen inneren Zusammenhang bildet, erfassen wir in den isolierten Tatsachen die einzelnen Seiten der Wirklichkeit nicht richtig, sondern entsprechend der Vernachlässigung der Totalität unrichtig. Zweitens: Da der Zusammenhang der Welt sich im Prozess, in der Bewegung am deutlichsten manifestiert, unser Bewusstsein aber wiederum aus seiner zerteilenden Funktionalität heraus vom Prozess abstrahiert, erfasst es auch von dieser Seite her die Momente dieses Prozesses, die uns als „Tatsachen“ erscheinen, verzerrt. Drittens kommt die ideologische Verzerrung und Verklärung hinzu, die sich vielfach der beiden obigen Verhaltensweisen des Bewusstseins auf dem Wege ihres Zustandekommens bedient. Die Tatsache wird hier je nach dem historischen, gesellschaftlichen, klassenmäßigen usw. Standort des ideologischen Bewusstseins und seines Trägers geformt und mit entsprechendem Vorstellungsinhalt erfüllt.
Was die alte theoretische Arbeit unbewusst erstrebt hat, das ist für die moderne Wissenschaft zur bewussten Aufgabe geworden: die Auflösung des starren und die Realität scheinhaft verzerrenden „Tatsachen“-Scheins. Erst durch sie wird das Streben nach Erzielung eines objektiven und richtigen Tatsachenmaterials möglich. Die moderne Erkenntnistheorie beweist, dass die „Tatsachen“ nicht einfach existieren und wie Schmetterlinge eingesammelt werden können, sondern dass sie erst vom Denken auf dem Wege theoretischer Anstrengung „erzeugt“ werden müssen.
Das Unterliegen unter den vulgären Tatsachenschein ist das gemeinsame Merkmal aller Praktizisten. Es kann niemand gezwungen werden, ein Freund der Theorie zu sein. Ist er es aber nicht, dann soll er nicht auf die Hochschule, sondern in die Werkstatt und bestenfalls zur schlechten Journalistik. Speziell der Sozialist, der seine Umwelt verstehen und überdies noch in einer sinnvollen Weise verändern möchte, wird nicht umhin können, sich gründliche theoretische Kenntnisse anzueignen. Die praktische Erfahrung lehrt, dass mangelnde theoretische Schulung zu einer erheblichen Schwächung der Schlagkraft und der Erfolgschancen der sozialistischen Bewegung geführt hat. Die heute weit verbreitete Aversion gegen die Theorie ist ein Unglück für den Sozialismus.
Wir haben bereits angedeutet, dass die Theorie nur dann ihren Zweck erfüllt, wenn sie sich in den Dienst der Praxis oder, was dasselbe ist, des Veränderns der Welt stellt. Theorie und Praxis bilden im Bereiche des realen historischen, sozialen und politischen Geschehens eine Einheit. Den sichtbaren vermittelnden Faktor zwischen beiden bildet die Organisation. Wie ohne die Theorie die Praxis blind wird und ohne die Praxis die Theorie leer ist, so werden beide ohne die Organisation wirkungslos. Das bedeutet, dass ungeachtet der unvermeidlichen und entsprechend der Verschiedenheit in der individuellen Begabung auch verständlichen Arbeitsteilung zwischen dem Praktiker und dem Theoretiker innerhalb der oben aufgezeigten Beziehung zwischen Theorie und Praxis, beide Teile organische Elemente der einheitlichen Organisation sind und hier ihre Aufgabe zu erfüllen haben. Die Organisation schafft den Boden dafür und erzieht sowohl den Praktiker wie den Theoretiker zu dem, was die Hauptaufgabe jeder fortschrittlichen Bewegung und der sozialistischen erst recht ist, zum Handeln!
Erstveröffentlichung unter dem Pseudonym K. Löwe in der Zeitschrift Ziel und Weg, Heft 2, 15. November 1951.
Leo Kofler: Der marxistische Begriff der Freiheit [1951]
Man mache sich nichts vor: Es gibt keine gesellschaftliche Freiheit ohne Freiheit für das Individuum, das nach Autonomie, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit strebt, und das, solange es menschliche Geschichte gibt, unter Freiheit die möglichste Freiheit von allen Schranken und Bindungen verstanden hat, versteht und verstehen wird. Im Vergleich zu den vorangegangen Gesellschaftsepochen stellt die bürgerliche Gesellschaft innerhalb der Klassengeschichte die letzte und höchste Form der Freiheit dar. Aber es ist ein Irrtum der bürgerlichen Ideologie, diese Form der Freiheit mit der absoluten Freiheit gleichzusetzen. Denn die bürgerliche Freiheit, die dem Individuum in weitgehendem Maße freie Bewegung gewährt, stellt gleichzeitig eine Form dar, die eine solche Freiheit nur vortäuscht, indem sie unter dem Schein der Freiheit die Weiterexistenz starker freiheitsbeschränkender Bindungen, d.h. wesentliche Elemente der Unfreiheit, nicht bloß zulässt, sondern geradezu voraussetzt. Der Widerspruchscharakter der bürgerlichen Freiheit ist Ausdruck des Widerspruchscharakters der bürgerlichen Klassengesellschaft überhaupt. Er liegt begründet in der Tatsache, dass einerseits in der bürgerlichen Gesellschaft das Individuum – jedes Individuum – als völlig autonomer und gleichberechtigter Warenbesitzer und damit als völlig autonomer und gleichberechtigter Vertragspartner auftritt, andererseits aber der einseitige, d.h. ganze Klassen ausschließende Besitz an den Produktionsmitteln gleichzeitig diese Autonomie und Gleichberechtigung der Individuen aufhebt. Der durch diese Tatsache ausgedrückte Widerspruch ist der Widerspruch zwischen dem bloß rechtlichen (formalen) und dem auf dem Besitz beruhenden faktischen (sozialen) Zustand in der bürgerlichen Gesellschaft.
Die Aufhebung des Widerspruchs zwischen der formalen Freiheit und der sozialen Unfreiheit bedeutet die Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt. Sie ist innerhalb dieser Gesellschaft nicht möglich.
Wenn wir zu Beginn eine wesentliche Bestimmung der Freiheit darin erkannten, dass sie dem Individuum die möglichste Unabhängigkeit und Selbstbestimmung gewährt, so ist zweifellos der Sozialismus, der die notwendige Folge der Aufhebung des obigen Widerspruchs sein muss, die historische Inkarnation der Freiheit. Auf dieser Höhe der historischen Entwicklung, die nur von Reaktionären und Unwissenden in ihrer historischen Möglichkeit geleugnet werden kann, ist die Freiheit des Individuums sowohl nach der rechtlichen Seite hin (etwa im Gegensatz zur feudalständischen, in juristischer Form auftretender Bindung) wie auch nach der ökonomischen Seite (im Gegensatz zu jeder Bindung) voll herstellt.
Aber es wäre, besonders für die Sozialisten selbst, verhängnisvoll zu glauben, dass mit dieser Bestimmung der Freiheit als der Freiheit des Individuums von Bindungen, durch die es sich anderen Individuen oder objektiven Mächten ökonomisch oder rechtlich unterworfen sieht, auch die letzte Bestimmung des Freiheitsbegriffes gewönnen wäre.
So sehr es wahr und verständlich ist, dass in aller Klassengesellschaft die Sehnsucht nach dem Abschütteln solcher Bindungen die Menschen beherrscht, d.h. dass das einfache Nichtvorhandensein dieser Bindungen, also etwa bloß Negatives, mit Freiheit schlechthin gleichgesetzt wird, so berechtigt ist es auch, einem solchen bloß negativen Freiheitsbegriff mit Misstrauen zu begegnen. Ein solches Misstrauen hat nichts zu tun mit jener reaktionären Verleumdung des Menschen, wonach die der vollen Freiheit teilhaftig gewordenen Individuen sich nur noch der Faulenzerei, Freßsucht und Fleischeslust hingeben und der Entartung anheimfallen werden. Unser Misstrauen gegen den bloß negativen Freiheitsbegriff resultiert vielmehr gerade aus der Überzeugung von der unendlichen Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeit der menschlichen Persönlichkeit. Diese Überzeugung teilen wir grundsätzlich mit den großen bürgerlichen Humanisten der bürgerlichen Aufstiegszeit, die aus den Erkenntnissen des wissenschaftlichen Sozialismus erfließenden wesentlichen Unterschiede in der Auffassung abgerechnet.
Zu den beiden negativen, weil auf die bloße Überwindung von historisch entstandenen gesellschaftlichen Bindungen und Schranken gerichteten Bestimmungen der persönlichen oder formalen und ökonomischen oder sozialen Freiheit kommt die dritte positive Bestimmung hinzu: In ihr begreift sich die Tatsache, dass der Mensch nur dann voll und ganz in den Genuss den Freiheit gelangt und im eigentlichen Sinn des Wortes freies Wesen wird, wenn er auf jener Höhe der gesellschaftlichen Entwicklung angekommen ist, auf der die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit zu Totalität und Harmonie praktisch geworden ist.
Es bleibt noch in diesem Zusammenhang die Frage zu beantworten, in welchem Verhältnis die beiden negativen Bestimmungen der Freiheit zu ihrer positiven Bestimmung stehen. Die Antwort lautet: In dem Verhältnis der Voraussetzungen zur Verwirklichung der Freiheit. Dabei sind diese Voraussetzungen gleichzeitig nur im Hinblick auf das endgültige Ziel der sozialistischen Freiheit bloße Voraussetzungen, im historischen Prozess selbst wiederum zu verwirklichende Ziele und daher ihrerseits Stufen der Verwirklichung der Freiheit.
Diese dialektische Bezüglichkeit und Widersprüchlichkeit im historisch-konkreten Begriff der Freiheit nicht erkannt oder nicht genügend beachtet zu haben ist der gemeinsame Mangel zahlreicher sonst völlig verschiedener Ansichten über die Freiheit, angefangen von den bürgerlichen Humanisten des 18. Jahrhunderts bis hinauf zu den Vulgarisatoren des Marxismus, die die Freiheit aus dem Fehlen der Unfreiheit erklären.
Erstveröffentlichung unter dem Pseudonym K. Löwe in der Zeitschrift Ziel und Weg, Nr.3, 1. Dezember 1951.
Nachrufe
Christoph Jünke: Nachruf auf Uwe Jakomeit (9.9.1957-7.11.2022)
Lieber Uwe,
35 Jahre sind im menschlichen Leben keine kurze Zeit – und uns verbindet eine immerhin 35-jährige Freundschaft. Wenn ich mich zu erinnern versuche an diese 35 Jahre, so erinnere ich mich an Dich als einen ruhigen, aber bestimmten Mann, an Deine wachen Augen und Dein immer interessiertes Lächeln. Ich erinnere mich an Deine alte Hinterhof-Butze in der Wittener Südstr. – urig klein und vollgestellt mit Büchern und mit Schallplatten. Und ich erinnere mich an Deinen alten VW-Bulli, mit dem wir in den späten 1980ern durch die Republik gepilgert sind – mal in irgendein provinzielles Hinterland, weil wir dort irgendein politisch-philosophisches Leseseminar abhielten, und mal bis nach Berlin, wo wir als linke Kleingruppe zur Berliner Volksuni fuhren, um in größerem Rahmen zu diskutieren und zu politisieren; mal nach Marburg, weil wir dort politisch-intellektuelle Größen aufsuchten, und mal zur Frankfurter Buchmesse, um Kontakt mit großen Verlagen aufzunehmen. Politisiert und diskutiert haben wir damals viel und zum Teil heftig, ob bei den Bochumer „Roten Studis“, als wir eine langjährige, selbst organisierte und bundesweit beachtete Vorlesungsreihe an der Ruhr-Uni veranstalteten, oder im Bochumer AStA, wo wir im Übergang zu den 1990ern dem Weltgeist eine organisatorische Form zu geben versuchten.
Nicht das Persönlich-Private war es also, das unsere Freundschaft geprägt hat (dieser Aspekt kam erst recht spät und zaghaft), sondern das Politische, das Gesellschaftliche, das gemeinsame Ziel. Und zusammengehalten wurde dieses gleichsam rote Band durch jenen Dritten, der uns verbunden hat, durch den Sozialphilosophen und Gesellschaftstheoretiker Leo Kofler. Leo Kofler war ein überaus origineller und uns alle anregender marxistischer Theoretiker, der an der Bochumer Universität Soziologie, Ästhetik und Geschichte lehrte; ein sozialistischer Humanist, der ebenso die Kommunisten ob ihres tief sitzenden stalinistischen Bürokratismus kritisierte wie er die Sozialdemokraten für ihre weitreichende Anpassung an die spätbürgerlichen Verhältnisse angriff. Kofler dagegen war ein Denker, der daran festhielt, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist – und er stieß damit auf offene Ohren bei uns jungen Wilden.
Bereits in den 1950er Jahren war Kofler ein Vordenker jener „Neuen Linken“, die dann in den „roten siebziger Jahren“ auch uns alle nachhaltig prägte. Und er gab dieser Neuen Linken – nur wenige Wochen übrigens, nachdem Du im Jahre 1957 geboren wurdest – einen eigenartigen Namen. Er nannte sie – und damit auch uns – die „progressive humanistische Elite“ und sah in ihr eine historisch neuartige und eigenständige Schicht des gesellschaftspolitischen Übergangs, eine neue Form des Nonkonformismus. „Der renitente Hochschullehrer, der kritische Volkshochschuldozent, der Mitarbeiter an den wenigen oppositionellen [publizistischen] Organen, die es noch gibt, der Beamte, der nicht in allem mitspurt, der Betriebsrat, der nicht zu allem ja sagt, der Zuhörer, der gelegentlich aufsässig diskutiert, der politisch Interessierte, der Veranstaltungen mit bekannten Oppositionellen organisiert, der Schüler, der die Meinung seines Vaters ausplaudert und den Lehrer in Verlegenheit bringt, der Priester, der die Bibel progressiv auslegt usw.“ – so beschreibt Kofler jene in sich heterogene, widersprüchliche und unbeständige progressive Avantgarde, die sich dem Establishment verweigert und den Nonkonformismus im sogenannten Kleinen betreibt, und die dabei immer wieder hin und her schwankt zwischen Humanismus und Nihilismus, zwischen Pessimismus und Optimismus.
Der gelegentlich aufsässig diskutierende Zuhörer; der Bildungs- und Aufklärungsveranstaltungen organisierende homo politicus; der engagierte und zur Renitenz ermutigende Sprachlehrer und Erwachsenenbildner – das warst Du, lieber Uwe! Und in gewissem Sinne auch ein die Bibel progressiv auslegender Priester. Es war dieser linksalternative Nonkonformismus, der uns als „Rote Studis“ verband, der Dich in den 1990ern die ersten „roten ruhr-unis“ organisieren ließ und uns dann, nach Koflers Tod 1995, die Leo Kofler-Gesellschaft hat gründen lassen, die Dir so viel zu verdanken hat.
Wenn ich mich also frage, welche Begriffe ich mit Dir verbinde, dann sind es vor allem solche Wörter wie Individualität und Eigensinn. Eine humanistische Wärme und Freundlichkeit verbinde ich mit Dir, die gepaart war auch mit Verschlossenheit und gelegentlich halsstarriger Renitenz. Eros und Askese, diese Schlüsselwörter des Koflerschen Denkens, sind auch Schlüsselworte Deiner Persönlichkeit gewesen, sein Hang zur emanzipativen Utopie auch Deiner, seine unbestechliche Sehnsucht nach humanistischer Freiheit auch Deine. Koflers kritischer Blick auf den bürgerlich-kapitalistischen Alltag, auf Prozesse der Entfremdung und Verdinglichung, war auch Dein Blick, bzw. unser. Und dass wir selbst dabei nicht frei waren von ideologischen Verbohrtheiten, das würdest Du, wenn Du noch unter uns weilen könntest, mit jener ironischen Gebrochenheit freimütig zugeben, die Kofler als typisch für die „progressive Elite“ erachtete.
„Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge“, so Bert Brecht in einem seiner berühmten Gedichte. Leo Kofler hat dieses Gedicht explizit für sich reklamiert. Und auch Du warst ein leidenschaftlicher Verehrer Bertolt Brechts (neben Rio Reiser natürlich). Das letzte Mal, dass wir gemeinsam zusammensaßen und diskutierten und politisierten – Du warst von Deiner Dich körperlich auffressenden Krankheit schon stark gezeichnet und überwiegend still an diesem Abend –, hast Du plötzlich die Stimme erhoben und viele, viele Minuten lang ein wirklich langes Brecht-Gedicht auswendig rezitiert. Du wolltest uns deutlich machen, dass Du mit Deinem Kopf noch da warst und nicht aufzugeben gedachtest. Und als ich Dich das letzte Mal im Krankenhaus besuchte – Du warst Deiner ganzen Kraft und Sprache bereits beraubt –, da erinnerte ich Dich an Brecht und sprach von der verrückt gewordenen Welt um uns herum. Du hast mich festgehalten und gelächelt – mit jenem ironisch gebrochenen Lächeln, das uns all die Jahre verbunden hat, und das mir in Erinnerung bleiben wird.
Christoph Jünke: Von der Einsamkeit fundamentaler Kritik. Ein Nachruf auf Werner Seppmann (1950-2021)
Die Problem- und Entwicklungsgeschichte des 1950 in Gelsenkirchen geborenen und aufgewachsenen Werner Seppmann begann mit einem Volksschullehrer, der ihn, während seiner Pubertät, für Politik und Geschichte zu begeistern wusste. Und sie wurde gefestigt und geformt durch die Revolte von 1967/68, die das „rote Jahrzehnt“ einleiten und den jungen Bäckerlehrling in die Volkshochschule treiben sollte. Dort traf er, Ende der sechziger Jahre, auf den Soziologen und Philosophen Leo Kofler, einen linken Intellektuellen, der seine Zuhörerschaft in die Geschichte und Theorien menschlicher Emanzipation, aber auch in die Technik wissenschaftlichen Denkens einführte. „Mit seiner ungestümen Gestik, seinem Elan, seiner prägnanten und bildhaften Sprache“, so Seppmann später, „verstand es Kofler, sein Publikum, das aus Schülern, Arbeitern, Lehrlingen und Angestellten bestand (die Studenten sind in großer Zahl erst später in seinen Seminaren aufgetaucht), zu fesseln.“
Seinem Publikum erzählte Kofler von den Widersprüchen des neokapitalistischen Sozialstaates, schaute unter die Oberfläche der Wirtschaftswunderzeit und traute sich, jene Klassengesellschaft beim Namen zu nennen, die der junge Lehrling Seppmann am eigenen Leibe erfahren hatte. Gerade Koflers Alltagsbeobachtungen zu einer Sozialpsychologie der manipulierenden Integration in die herrschenden Verhältnisse beeindruckten das rote Ruhrpott-Gewächs – und die Tatsache, dass Kofler dabei nicht, wie so viele andere, von einem vermeintlich universellen Verblendungszusammenhang redete. Auch wenn es nur Minderheiten sein mochten, die Möglichkeit eines nonkonformistischen Ausbruchs aus dem herrschenden Falschen ist allzeit gegeben. Werner Seppmann wollte zu diesen neuen Linken gehören, wollte die ihm hier gegebene Chance zur Bewusstseinsbildung und Persönlichkeitsentwicklung wahrnehmen. Er absolvierte den zweiten Bildungsweg, begann 1974 an der Ruhr Universität Bochum, bei Kofler, zu studieren, und mischte sich ein in den Kampf der politischen Strömungen.
Wann genau und warum er mit seinem Engagement zur Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) ging, weiß ich nicht – andere „Koflerianer“ wählten andere Gruppen und Milieus. Doch dem Koflerschen Werk blieb Werner treu – nicht in allem, aber in vielem. 1980 war er Mitherausgeber der ersten Festschrift für seinen Lehrer (Marxismus und Anthropologie), den dort veröffentlichten Aufsatz zur Kritik des Objektivismus arbeitete er während der achtziger Jahre zu einer Doktorarbeit aus. Mit dieser 1993 veröffentlichten Programmschrift zur Kritik des Strukturmarxismus, die er 2011 in erweiterter Form und unter dem Titel Subjekt und System abermals vorlegte, griff er den antihumanistischen Althusserianismus scharf an und verscherzte es sich konsequent mit nicht wenigen Alt- und Jungmarxisten. Da war er auch schon ein Mitherausgeber der Marxistischen Blätter und verstand sich weiterhin als Kommunist – als kritischer Kommunist, denn das stalinistische Korsett als ein System geistiger Bevormundung und praktizistischer Prinzipienlosigkeit war ihm ein Gräuel, den es allzeit zu bekämpfen gelte.
Vom akademischen Wissenschaftsbetrieb verschmäht, in Opposition zu den meisten Strömungen des zeitgenössischen Marxismus und mit einer schon in jungen Jahren antrainierten schroffen Ruppigkeit, vermochte er sein politisches Milieu nur selten zu überwinden. Versucht hat er es jedoch immer wieder, im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts sogar mit einem gewissen Erfolg. An führender Stelle mischte er sich in die ideologischen und organisatorischen Kämpfe des eigenen Milieus ein, indem er persönliche und institutionelle Brücken zu anderen Strömungen eines undogmatischen, aber traditionsbewussten Sozialismusverständnisses aufbaute.
Mit zunehmender Produktivität vertiefte er dabei sein methodologisches Verständnis, schrieb eine Programmschrift wider das postmoderne Denken und, im letzten Jahr erst, eine weitere umfangreiche Kritik Althussers, die einmal mehr seine Stärken wie Schwächen spiegelt: ein feuilletonistisch mäandernder, gelegentlich etwas langatmiger Stil, der scharfe Analysen und Beobachtungen mit gelegentlichen Kurzschlüssen verbindet; und eine Ideologiekritik, die zwischen Genesis und Geltung, zwischen Politik und Wissenschaft nicht immer sauber trennt – in der Regel treffsicher im Großen und Ganzen, aber nicht unproblematisch im Konkreten und Detail.
So produzierte er in den letzten 25 Jahren zahlreiche Broschüren und Bücher zur Analyse des zeitgenössischen Kapitalismus, zur Klassenanalyse und den Perspektiven eines linken, emanzipativen Widerstandes, sowie zur Kritik des Computers oder der Sexualität. Immer wieder widmete er sich Fragen auch einer marxistisch verstandenen Ästhetik. Und nie müde wurde er, seine Analysen und Thesen auch als vortragender Wanderprediger unter die Menschen zu bringen: „Die Kommunisten müssen Hilfe zur Selbstorganisation sozialer Bewegungen leisten und versuchen, der Spontaneität eine Richtung und ein weltanschauliches Fundament zu geben. Die Frage drängt sich natürlich auf, ob man personell und auch aufgrund der konzeptionellen intellektuellen Verfasstheit gegenwärtig das Notwendige und Wünschenswerte leisten kann. Wenn das nicht der Fall ist, ist das aber noch lange kein Grund, aus dieser Not noch eine Tugend zu machen und zu sagen, wir wollen überhaupt keine Orientierungspunkte mehr setzen.“
Dass er mit seinen Versuchen, den kritischen Kommunismus gerade auch unter den Kommunisten selbst zu propagieren, vor einem Jahrzehnt Schiffbruch erlitt (2009 trat er aus der DKP aus), hat tragische und ironische Züge zugleich. Die „schwere Einsamkeit so fundamentaler Kritik selbst unter Linken“, mit der einst ein psychoanalytischer Autor Leo Koflers Leben und Werk charakterisierte, könnte als Motto auch über Werner Seppmanns Leben und Werk stehen. Am 12. Mai ist er, mit gerade mal 71 Lebensjahren, im Kreise seiner Familie in Gelsenkirchen gestorben.
Christoph Jünke: Trauerrede für Aloys Reuter, gehalten am 22. Juni 2018 in Essen
Liebe Marion, liebe Familienangehörige, liebe Trauergemeinschaft!
Aloys Reuter, der Ehemann und Vater, der Großvater und Freund, der Kollege und Genosse, ist nach einem erfüllten Leben für uns alle unerwartet von uns gegangen.
Seit dem tragischen Tod seines ältesten Sohnes Michael vor einem halben Jahr war Aloys nicht mehr der alte. Er vergrub sich in sich selbst, und seine körperlichen und geistigen Kräfte nahmen immer schneller ab. Dass er am Ende so gestorben ist, wie er es sich erhofft hatte – zuhause und ohne entwürdigenden Krankenhausaufenthalt – das sollte uns tröstlich stimmen. Doch das sagt der Kopf, das Herz dagegen ist traurig, denn ganz gleich, wie alt jemand wird, und ganz gleich unter welchen Umständen er verstirbt, bei den Menschen, die ihn geliebt und geschätzt haben, hinterlässt dieser Mensch eine spürbare Lücke. Und ganz gleich, wie alt die Eltern sind, wenn sie gehen, so ist es doch immer ein Verlust. Wir nehmen deswegen heute Abschied und gedenken eines aufrechten Mannes, eines leisen, aber herzensguten und eindringlichen Menschen, eines lesenden Arbeiters und engagierten Zeitgenossen, für den die Kritik keine Leidenschaft des Kopfes, sondern der Kopf der Leidenschaft gewesen ist.
Auch wenn es heißt, dass der Mensch von Geburt an frei und gleich sei, so haben wir alle lernen müssen, dass der dem Menschen anthropologisch aufgegebene aufrechte Gang nichts desto trotz erlernt und in Auseinandersetzung mit anderen immer wieder erneuert werden muss. Dies galt auch für den im Juli 1934 in Essen geborenen Aloys Reuter. Auch er hatte es nicht leicht, seinen aufrechten Gang zu erlernen.
Geboren in eine vom katholischen Christentum geprägte, ebenso kinderreiche wie konservative Bergarbeiterfamilie hier in Essen, hatte der junge Aloys gewichtige historische und familiäre Widerstände zu bewältigen. Als ein Kind des Nazi-Faschismus und des Zweiten Weltkrieges überlebte er diese dunkle, herausfordernde Zeit in der halbwegs sicheren Kinderlandverschickung. Und auch die große Zeit des Mangels und der Ungewissheit nach 1945 war auszuhalten, solange damals die Hoffnung auf eine bessere, humanere Welt blühte. Schon früh geriet er allerdings mit seinem allzu strengen und konservativen Vater aneinander – ein schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis, das wohl bis zu dessen Tod schwierig geblieben ist.
1949 ging dann Aloys – mit 15 Jahren noch ein Kind nach heutigen Maßstäben – den von der Familie vorgezeichneten Weg und wurde ein Essener Bergmann unter Tage. Er ging damals nicht nur mit weißem Hemd und Manschetten zur Arbeit, er liebte auch damals schon die klassische Musik, die Leichtathletik und die Bücher. In den fünfziger Jahren erlebte die politisch und ökonomisch darniederliegende Bundesrepublik ihr sogenanntes Wirtschaftswunder. Der junge Aloys wusste diese neuen Möglichkeiten zu nutzen. Er verließ den damals gerade in die Krise kommenden Bergbau und ging zur Post, während er gleichzeitig seine eigene Familie gründete. Als Familienvater hatte er bald fünf Kinder zu versorgen (Michael, Detlef, Sigrun, Rüdiger und Knut) – eigentlich sind es sechs gewesen, wenn man seinen eigenen, jüngsten Bruder Bernd mitzählt, um den sich Aloys zeitlebens besonders gekümmert hat. Und als Arbeiter bei der Post begann er eine Beamtenlaufbahn, die ihn Stück für Stück bis zum höheren Dienst brachte.
Aloys Werdegang in den fünfziger und sechziger Jahren scheint also die bundesdeutsche Erfolgs-Geschichte vom sozialen Aufstieg auch der alten Arbeiterschaft zu spiegeln. Doch war da immer auch diese andere Seite an ihm. Schon als junger Mann war er einer jener lesenden Arbeiter, von denen Bert Brecht – einer von Aloys bevorzugten Dichtern und Denkern – geschrieben hat:
„Wer baute das siebentorige Theben? / In den Büchern stehen die Namen von Königen. / Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? / Und das mehrmals zerstörte Babylon, / Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute? / Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war, die Maurer? / Alle zehn Jahre ein großer Mann. / Wer bezahlte die Spesen? / So viele Berichte, / so viele Fragen.“
Auch Aloys hörte schon früh viele Fragen in sich. Und er las, um diesen Fragen und Welträtseln auf die Spur zu kommen.
Mit dem Eintritt in die Deutsche Post trat er wie selbstverständlich auch in die Gewerkschaft ein, denn er wusste, dass sich soziale Erfolgsgeschichten wie seine nicht von selbst ereignen, dass sie immer wieder neu erkämpft werden müssen, und dass man sich auf ihnen nicht ausruhen sollte, wenn man mehr will als nur das sogenannte kleine Glück des Alltags. Der Eintritt in die Postlaufbahn war für ihn also nicht nur ein sozialer Aufstieg im materiellen Kampf für seine junge Familie. Er war auch begleitet von einer lebenslangen Fort- und Weiterbildung, die einerseits zur Schärfung seines kritischen gesellschaftlichen Bewusstseins beigetragen haben dürfte, andererseits aber auch zur Folge hatte, dass er eigentlich immer unterwegs gewesen ist. Und irgendwann in jener Zeit, ob schon Ende der fünfziger oder erst Anfang der sechziger Jahre, nahm ihn einer seiner Kollegen mit in die Volkshochschule, wo er auf einen Dozenten traf, der sein Leben entscheidend mitprägen sollte: Leo Kofler.
„Ohne Leo Kofler wäre Aloys ein anderer geworden“, so hat es sein Sohn Knut ausgedrückt. Und wenn die Erinnerungen stimmen, soll es sogar Kofler gewesen sein, der dafür verantwortlich war, dass sich auch Aloys Kleiderfarbe schlagartig änderte – von weiß zu bunt. Wer also war dieser Leo Kofler, der einen solchen Einfluss auch auf Aloys Leben ausübte.
Kofler gehörte zu den wenigen linken Intellektuellen, die in der konservativen Adenauer-Zeit an ihren alten Überzeugungen festhielten, ohne die neuen Tendenzen seiner Zeit zu ignorieren. Er war ein undogmatischer, marxistisch gesinnter Gesellschaftstheoretiker, der seine Zuhörerschaft vor allem in Volkshochschulen und Gewerkschaftskreisen in die Geschichte und Theorien menschlicher Emanzipation, aber auch in die Technik wissenschaftlichen Denkens einführte. Er war ein faszinierender Redner und Volkspädagoge, der unter die Oberfläche der Wirtschaftswunderzeit schaute und seinen Zuhörern die neuen Widersprüche des aufkommenden Sozialstaates aufzeigte. Er war ein sozialistischer Humanist, der ebenso die Kommunisten ob ihres tief sitzenden Stalinismus kritisierte wie er die Sozialdemokraten für ihre weitreichende Anpassung an die spätbürgerlichen Verhältnisse kritisierte. Er war ein Denker, der daran festhielt, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.
Kofler traute sich, jene Klassengesellschaft beim Namen zu nennen, die Aloys am eigenen Leibe erfahren hatte. Und er machte sich zum Vordenker jener Neuen Linken, die im Übergang zu den 60er Jahren aufkamen und die Revolte von „1968“ entscheidend mitprägen sollten. Am Rande oder sogar jenseits der großen Organisationen, so Kofler schon Ende der 1950er Jahre, entwickle sich eine neue historische Schicht von progressiven humanistischen Individuen, die kaum wirklich zusammenkommen und sich in vielem voneinander unterscheiden. Doch es eint sie die Kritik auch der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse, die Kritik des herrschenden Antihumanismus und Nihilismus – wie man damals sagte.
„Der renitente Hochschullehrer, der kritische Volkshochschuldozent, der Mitarbeiter an den wenigen oppositionellen [publizistischen] Organen, die es noch gibt, der Beamte, der nicht in allem mitspurt, der Betriebsrat, der nicht zu allem ja sagt, der Zuhörer, der gelegentlich aufsässig diskutiert, der politisch Interessierte, der Veranstaltungen mit bekannten Oppositionellen organisiert, der Schüler, der die Meinung seines Vaters ausplaudert und den Lehrer in Verlegenheit bringt, der Priester, der die Bibel progressiv auslegt usw.“ – so beschreibt Kofler jene progressive Avantgarde, die nicht nur heterogen ist, sondern auch widerspruchsvoll und unbeständig, die hin und her schwankt zwischen einem himmelstürmenden Optimismus und einem zu Tode betrübten Pessimismus.
Dieser neue Nonkonformismus war es, den Kofler im Übergang zu den sechziger Jahren theoretisierte. Und dieser Nonkonformismus war auch das, was Aloys Reuter auszeichnete. Aloys ist ein Beispiel für diese progressive, humanistische Elite, von der Kofler damals sprach und an die sich Kofler damals wandte. Wenn es also auch ein lebensgeschichtlicher Zufall gewesen ist, dass er damals auf Kofler stieß, so war es durchaus kein Zufall, dass dieser Mann eine so nachhaltige und dauerhafte Wirkung auf ihn ausübte. Lange Jahre ging Aloys in die Volkshochschulkurse von Kofler und noch in hohem Alter beteiligte er sich an der Gründung unserer Leo-Kofler-Gesellschaft. Noch vier Wochen vor seinem eigenen Tod war Aloys bei einem Besuch des Kofler-Grabes in Köln mit dabei. Und Aloys war immer dabei – und hat uns alle beeindruckt mit seiner unaufdringlichen Bescheidenheit, aber auch mit seinem verlässlichen Engagement und seiner inhaltlichen Bestimmtheit.
Progressive Humanisten wie Aloys sind, auch dies lässt sich bei Kofler nachlesen, nicht über einen Kamm zu scheren. Man findet sie nicht nur an einem Ort und selten als Gruppe. Es sind zumeist Einzelkämpfer, die dort kämpfen, wo sie stehen. Das galt auch für Aloys. Er engagierte sich dort, wo er war
- als Ausbilder bei der Post, wo er später, nach dem überraschenden Tode der ersten Frau auch seine zweite Frau Marion kennen und lieben lernen sollte;
- über lange Jahre und Jahrzehnte engagierte er sich auch in der Postgewerkschaft, wo er es immerhin zum Ortsvorsteher brachte;
- lange Jahre war er auch Mitglied in der SPD, die er in den 1990er Jahren, wie so viele, enttäuscht verließ;
- seit Ende der 1990er Jahre dann finden wir ihn in der Dortmunder Rosa-Luxemburg-Stiftung, wo er einmal mehr politische Bildungsarbeit organisierte und entsprechend viel herumkam;
- seit Ende der 1990er Jahre finden wir ihn aber auch als Gasthörer in der Bochumer Universität.
Hier und anderswo konnte er nach Herzenslust politisieren und theoretisieren – über Marx und Hegel, über Lukács und Nietzsche, und über all die anderen. Bis zum Schluss galt Aloys‘ große Liebe der Welt der Bücher. Sie sollten ihm, da war er herrlich altmodisch, die großen Rätsel unserer Welt lösen helfen.
Nicht untypisch ist aber auch, dass all dieses Lohn-Arbeiten, all dieses gesellschaftspolitische Engagement und all dieses Bücher-Lesen die individuelle Zeit und Kraft für anderes – nicht selten gerade für den bürgerlichen Alltag und die eigene Familie – aufzehrt. Manches mag hier auf der Strecke geblieben sein auch bei Aloys. Doch sollten wir nicht vergessen, dass selbst gute Menschen wie Aloys nicht vollkommen sind – nicht vollkommen sein können in gesellschaftlichen Verhältnissen, die nicht die ihren sind.
Aloys war, zumindest nach außen, mehr ein Kopf-Mensch als ein Bauch-Mensch. So etwas hinterlässt auch unbefriedigte Bedürfnisse. Ein kritischer Kopf kann gelegentlich nervend und allzu selbstbezogen sein, doch seine kritische Haltung war, wie gesagt, keine Leidenschaft des Kopfes, sondern vielmehr der Kopf einer Leidenschaft – die Leidenschaft eines überaus hilfsbereiten und herzensguten Menschen. Eines Menschen, der für alle da sein wollte, der sich für andere engagierte und gelegentlich auch aufopferte. Er war, um einen so altmodischen wie aktuellen Begriff zu benutzen, ein solidarischer Mensch. Und so habe auch ich Aloys Reuter kennen und schätzen gelernt:
- als einen sozialen und solidarischen Menschen, der sich verbunden fühlte mit all jenen, die in ökonomischer Abhängigkeit, politischer Unmündigkeit oder kultureller Entfremdung auch weiterhin verharren müssen;
- als einen ebenso bescheidenen wie aufmerksamen Menschen;
- als einen wissbegierigen und streitbaren Menschen;
- als einen aufrechten Humanisten mit einem ebenso offenen wie wachsamen Auge für das, was sich in der Welt tut.
Nun müssen wir ohne Aloys – den Ehemann, Vater und Großvater, den Freund, Kollegen und Genossen – weiterleben. Doch wir werden uns seiner auf diesem vor uns liegenden Weg immer wieder erinnern, jede und jeder auf seine oder ihre Weise, aber alle in der Hoffnung, dass wir damit sein Wohlwollen ernten würden. Lieber Aloys, wir begleiten Dich in tiefer Dankbarkeit zu Deiner letzten, wohlverdienten Ruhe: Friede Deiner Asche und Freiheit und Solidarität uns allen.
Theo Schiffermann: Nachruf auf Hubert Schütz (2007)
Hubert Schütz ist nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Er war Mitglied der Leo-Kofler-Gesellschaft seit deren Gründung, lebte und arbeitete in München. Er unterstützte mit großem Interesse die Arbeit der Gesellschaft durch persönliche Anregungen und eigenständige Dokumentationen über die Lehrtätigkeit von Leo Kofler an der Sozialakademie Dortmund in den 1960er Jahren. Dort hatte er als Studierender mit einem Stipendium des DGB Leo Kofler kennen und schätzen gelernt: dessen Persönlichkeit als ein engagierter Pädagoge und als ein unorthodoxer marxistischer Wissenschaftler. Hubert Schütz verfolgte weiterhin bis zu seinem Lebensende mit besonderer Aufmerksamkeit die Publikationen von und über Leo Kofler, las sie und setzte sich als aktiver Gewerkschafter konstruktiv-kritisch mit der Position Leo Koflers auseinander: Er respektierte die humanistische Perspektive bei Leo Kofler, sie war für sein Bild vom sozialen Menschen bestimmend. Er war beeindruckt von dessen gesellschaftlicher Analyse der bürgerlichen Gesellschaft, die ihn motivierte, sich konkret mit den sozialen Entfremdungserscheinungen zu befassen. Er war kritisch gegenüber Koflers umfassender Kritik an den Organisationen der bundesdeutschen Arbeiterbewegung: Hier vermisste er eine differenzierende Sicht.
Noch kurz vor seinem Tod plante und organisierte Hubert Schütz eine öffentliche Veranstaltung zu Leo Kofler – gemeinsam mit Christoph Jünke – in München im Mai dieses Jahres. Er leitete diese Veranstaltung und moderierte die anschließende Diskussion. Diese von ihm angeregte Tagung stieß auf eine beachtliche und positive Resonanz. Es war die letzte öffentliche Aktivität in seinem Leben.
Hubert Schütz stammte aus einer Handwerkerfamilie in Kempten. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er eine Ausbildung als Sachbearbeiter bei der örtlichen AOK und trat schon als Auszubildender der Gewerkschaft bei. In der ÖTV wurde man auf ihn als intelligenten, zuverlässigen und stets einsatzbereiten Mitarbeiter und Kollegen aufmerksam. Er wurde als hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär übernommen. Sein beruflicher Werdegang mit vielseitigen, verantwortlichen Aufgabenstellungen führte ihn in den letzten Berufsjahren in die Bezirksleitung Bayern der ÖTV. Hubert Schütz durchlief nicht nur mit großem Interesse und Einsatz den gewerkschaftlichen Bildungsweg. Er erwarb sich auch als Autodidakt umfangreiches Wissen in marxistischer Ökonomie und Sozialphilosophie, über Kunst, Naturwissenschaften und Naturphilosophie sowie über die Geschichte der Arbeiterbewegung. Er verstand die „Gewerkschaften als den wichtigsten – derzeit fast einzig verbliebenen – Teil der Arbeiterbewegung“ (so in seinen autobiografischen Notizen). Die gegenwärtige Situation der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie, deren kritisches Mitglied Hubert Schütz auch war, sei „beklemmend“, doch war er der Auffassung, „bei Betrachtung der historischen Entwicklung mit ihrem Auf und Ab“ ließe sich hoffen: „Mich hat immer die ‚reale Utopie‘ überzeugt (Walter Dirks, Ernst Bloch) und die Dialektik als Bewegungsform der Natur, Gesellschaft und des Denkens stimmt mich immer wieder optimistisch. […] Die Klassenstruktur von Gesellschaften, die ‚Autonomie‘ der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft von heute zeigt, dass die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit nur neue Formen angenommen hat, aber täglich neu ausgefochten werden muss […] Wenn gegenwärtig eine alternative Wirtschaftsordnung nicht durchsetzbar erscheint und die kapitalistische Produktionsweise nicht in Frage gestellt wird, so ist das für mich kein Grund, die Notwendigkeit einer anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung aufzuzeigen.“ In diesen Aussagen von Hubert Schütz spiegeln sich die gesellschaftspolitischen Vorstellungen und Anregungen zum Handeln wider wie auch in seiner Lebens- und Arbeitsmaxime: „Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum, wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang zu einer neuen Wirklichkeit.“
Leo Kofler war für Hubert Schütz von besonderer Bedeutung. Der hatte ihn zum wissenschaftlichen Sozialismus geführt – nicht nur theoretisch, abstrakt, sondern als Werkzeug für gesellschaftliche Analyse und als Anleitung zum sozialpolitischen Handeln. Bei aller Achtung vor Leo Kofler blieb Hubert Schütz nie unkritisch ihm gegenüber. Er war eine eigenständige Persönlichkeit, ein sachlicher Kritiker auch seiner Gewerkschaft. Er nahm die Notwendigkeiten gewerkschaftlicher Kleinarbeit ernst, verlor aber nie die große Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderungen aus dem Blick. Hubert Schütz war in der Gewerkschaft ÖTV und im DGB Bayern sehr anerkannt: Man schätzte seinen Arbeitseinsatz, seine fachlichen und sozialen Qualitäten, respektierte seine sozialistische Position. Er hatte einen guten Namen in der Gewerkschaft und war ein gefragter Ratgeber für gewerkschaftliche, sozialpolitische und gesellschaftliche Fragen – auch nachdem er seine berufliche Tätigkeit beendet hatte.
Hubert Schütz blieb auch als Rentner aktiv: Er bildete sich in seinen wissenschaftlichen Interessengebieten weiter und engagierte sich z.B. in der Geschichtswerkstatt Kolbermoor. Hier erstellte er eine biografische Arbeit über Ewald Thunig, einen Revolutionär von 1918/19, Widerstandskämpfer gegen die Nazis, den er noch persönlich kennen gelernt und als Vorbild für seine gewerkschaftliche Aktivität geschätzt hatte. Er arbeitete im Archiv der Münchener Arbeiterbewegung mit und bei den Münchner Freidenkern. Hier gründete er eine Arbeitsgruppe Esoterik, die sich mit der kritischen Aufklärung über neue Ersatzreligionen beschäftige. Aktiv verbunden war er mit der Gruppe, die die Zeitschrift Arbeiterstimme in Nürnberg herausgibt. Hubert Schütz blieb auch interessiert und tätig, als er in den letzten Jahren schwer erkrankte und das fast bis zu seinem letzten Lebenstag. Hubert Schütz starb am 21. Juli 2007 in seinem 69. Lebensjahr. Durch seinen Tod hat auch die Leo-Kofler-Gesellschaft ein wertvolles Mitglied verloren.
Theo Schiffermann: Nachruf auf Christian Müller
Durch den Tod von Christian Müller hat die Leo-Kofler-Gesellschaft ein wertvolles Mitglied verloren. Christian Müller trat der Gesellschaft mit ihrer Gründung bei und wurde 1999 als Beisitzer in den Vorstand gewählt. Diese Funktion nahm er sehr kompetent und mit großem Engagement wahr: äußerst interessiert an der Entwicklung der Gesellschaft und theoretisch kundig. So ist es ihm unter anderem zu verdanken, dass im November 2000 an der Karl-Rahner-Akademie in Köln eine öffentliche Veranstaltung zu Leo Kofler stattfand, die er intensiv vorbereitet hatte und die auf eine beachtliche Resonanz stieß.
Christian Müller war ein umfassend gebildeter und kritischer Sozialist, politisch als Linker in der SPD Köln und in der Kölner Gewerkschaftsbewegung tätig, setzte er sich auch in anderen linksorientierten Gruppen und Kreisen für seine sozialistischen Vorstellungen ein: kenntnisreich in der sozialphilosophischen Literatur, diskussionsstark und unbeugsam in Fragen der Grundauffassungen eines sozialistischen Humanismus im Sinne Leo Koflers. Er lernte Leo Kofler Mitte der 1960er Jahre an der Volkshochschule Köln kennen, besuchte seine Seminare und stand mit ihm in einem freundschaftlichen und kritischen Gedankenaustausch bis zu dessen schwerer Erkrankung 1991. Auch danach hielt er Kontakt zu Leo Kofler, besuchte ihn und unterstützte seine Frau bei der schwierigen Krankenpflege im Krankenhaus und zuletzt zu Hause bis zu dessen Tod. Für Christian Müller war das eine solidarische Verpflichtung, basierend auf seiner menschlichen Verantwortung. Er schätzte Leo Kofler als Persönlichkeit sehr, obwohl er zu dessen Werk eine kritisch-konstruktive Distanz hielt, resultierend aus seinen vielseitigen philosophischen und kunsttheoretischen Kenntnissen.
Christian Müller kam aus einer Arbeiterfamilie, erlernte den Facharbeiterberuf des Schriftsetzers und war aktiv tätig in der Gewerkschaft Druck und Papier. Er bildete sich als Autodidakt politisch und wissenschaftlich weiter, wurde Bildungsreferent beim DGB Köln, legte die Sonderbegabtenprüfung zum Hochschulstudium erfolgreich ab und studierte das Grundschullehramt, das er mit dem Staatsexamen abschloss. Das erziehungswissenschaftliche Studium setzte er fort und beendete es als Diplom-Pädagoge mit einer Arbeit über die Untersuchung von Karl Marx über den Holzdiebstahl. Christian Müller studierte intensiv, finanzierte sein Studium weitgehend selbst, bemühte sich, schnell wieder eine Erwerbstätigkeit aufnehmen zu können, um seine Familie zu unterstützen. Nach dem Studium war er mehrmals arbeitslos, nahm kurzfristige Tätigkeiten auf – so leitete er für ein Jahr die Kölner Heimvolkshochschule für junge Arbeitnehmer –, bis er zuerst im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und dann hauptberuflich die Leitung der Zivildienste an zwei Krankenhäusern der Stadt Köln übernehmen konnte, die er 18 Jahre lang bis zu seinem Einstieg in die Rente ausübte. Er führte diese Position und Funktion nicht nur administrativ aus, sondern er gestaltete den Zivildiensteinsatz inhaltlich, führte neue Organisationsformen und Aktivitäten ein und legte die Grundlagen für eine gesellschaftspolitische Weiterbildung für die Zivildienstleistenden, die Modellcharakter in Köln erlangte. Auch im Rahmen dieser Tätigkeit brachte Christian Müller seine politischen und sozialphilosophischen Kenntnisse und Erfahrungen ein.
Ständig bildete er sich autodidaktisch weiter: auf verschiedenen philosophischen Gebieten, in den Bereichen der Kunst und der Geschichte. Sein vielseitiges Interesse war unerschöpflich. Bis kurz vor seinem Tod am 12. April 2001 aufgrund einer schweren Erkrankung las er philosophische und kunstgeschichtliche Werke, besuchte noch unter schwierigen Umständen Bildungsveranstaltungen und war bis zuletzt ein aufgeschlossener Gesprächspartner, von dessen jeweils neuen Erkenntnissen man immer wieder lernen konnte. Bis zuletzt verfolgte er mit besonderem Interesse die Entwicklung in der Leo-Kofler-Gesellschaft, machte sich Gedanken über die geplante Neuausgabe der Werke von Leo Kofler und bedauerte sehr, nicht mehr an den Vorstandssitzungen der Gesellschaft teilnehmen zu können. Christian Müller starb im Alter von fast 69 Jahren.
Trauerrede des Bochumer Historiker Prof Dr. Günter Brakelmann (von 1996 bis 2003 Vorsitzender der Leo Kofler-Gesellschaft e.V.) auf der Trauerfeier für Leo Kofler am 31. August 1995 in Köln
Liebe Frau Kofler, liebe Familie Kofler, liebe Trauergemeinschaft!
Leo Kofler hat uns verlassen. Wir wollen ihn gemeinsam zur letzten Ruhe begleiten. Wir wollen uns in diesen Minuten an ihn, den Menschen Leo Kofler erinnern. Unsere Erinnerung ist die Weise, ihn uns zu vergegenwärtigen. Er ist gestorben, aber für uns ist er nicht tot. Und seine Zukunft ist unendlich, solange gegenwärtige und kommende Menschen an ihn denken, seine Werke lesen und mit ihm Zwiesprache halten. Seine Zeit wird bleiben, solange Menschen ihn als geistigen Vater im eigenen Selbstverständnis bewahren. Es gibt Gründe, dass Leo Kofler durch seine unverwechselbaren Werke weiterlebt. Das hilft uns, unsere Trauer in Zuversicht zu verwandeln. Sein Leben hat er vollendet, unser Leben mit ihm liegt neu vor uns.
Der Mensch Leo Kofler ist ohne seine Stadt Wien nicht zu verstehen. Hier ist die Heimat des späteren Ehrenbürgers seiner Stadt geblieben. Wien war für ihn die Stadt der Kunst und Kultur wie die Stadt der Österreichischen Arbeiterbewegung. Der junge Kofler gewinnt hier die Fundamente und Ziele für sein ganzes Leben. Er erlebt am eigenen Leibe, was proletarische Existenz ist. Er erlebt, was Arbeiterbewegung als politische und kulturelle Emanzipationsbewegung bedeuten kann. Und er erlebt, welche Bedeutung marxistische Theorie für die Interpretation des Gegebenen und für die Bestimmung des Kommenden haben kann. Er wird Denker, Soziologe und Philosoph im Kontext der Arbeiterbewegung der zwanziger und dreißiger Jahre. Ohne formales Studium eignet er sich die sozialistisch-humanistische Tradition in marxistischer Begründung an.
Was er als junger und reifender Mann geworden war, ist er durch alle wechselvollen Zeitläufte hindurch bis zum Tode geblieben: ein unbeugsamer Anwalt für die konkrete Emanzipation der ökonomisch Abhängigen, der politisch Unmündigen und der kulturell Entfremdeten. Ein revolutionärer Humanismus ist der cantus firmus seines Lebens gewesen.
Faszinierend zu nennen ist seine Treue zum Ursprung und zum Ziel seiner Grundentscheidungen, während Verrat um ihn herum an der Tagesordnung waren. Auch Koflers Kritik am Stalinismus, die ihn zu einem der ersten Dissidenten in der DDR machte, hat ihn nicht wie viele andere zum Bruch mit der sozialistischen Tradition gebracht, sondern in ihm den Impuls verstärkt, durch Rückgriff auf den Ursprung einen erneuerten Marxismus für die Zukunft zu entwickeln. Ein Außenseiter wird zum Sachwalter eines kreativ und dynamisch verstandenen Marxismus, der sich nicht zur weltanschaulichen Legitimationswissenschaft degenerieren und nicht zur ideologischen Herrschaftsabsicherung missbrauchen ließ.
Man fragt sich: wie hat ein Mensch das lebenslang durchhalten können, fast immer zwischen allen wohletablierten Stühlen zu sitzen. Was hat ihn befähigt, sich in versuchlichen Situationen nicht korrumpieren zu lassen, sondern in erstaunlicher Standfestigkeit sich selbst und der von ihm vertretenen Sache treu zu bleiben? Während um ihn herum Altmarxisten bürgerliche und akademische Karriere machten, sich den Siegern als Trabanten empfahlen. Vielleicht hat dies doch etwas zu tun mit seiner Herkunft aus jüdischer Tradition, die auch dann noch die Tiefenschichten des Charakters prägt, wenn man bewusstseinsmäßig die religiöse Tradition hinter sich gelassen hat. Diese Treue zu sich selbst, diese Standhaftigkeit, dieser Mut zur Konsequenz, diese Bereitschaft zum Klaren und Eindeutigen, diese prophetische Kritik und diese prophetische Zuversicht – bei diesem allem dürfte ein tieferliegendes Erbe seiner Mütter und Väter anwesend sein. Aber auch ein anderes Erbteil hatte der Unbeugsame bei sich: Sensibilität, Weichheit und Güte. Und sein Humor und seine Selbstironie zeigen, dass er sich von sich selbst distanzieren konnte.
Aus diesem Erbe und aus diesem selbstentfalteten Menschentum kommen nicht die Dogmatiker und Fanatiker, sondern selbstbewusste, aber nicht sich selbst überhöhende Menschen. Leo Kofler war körperlich und seelisch stark, in seiner Lebensführung bescheiden – ein Bett und ein Schreibtisch reichten ihm. Aber er war unbescheiden in seinen Ansprüchen, was Bildungswilligkeit und Arbeitsethos angehen. Ein gebildeter Marxist kennt die Klassik in Literatur und Philosophie, betreibt Studien über Ästhetik und vieles andere mehr. Er kennt die Spitzenleistungen der bürgerlichen Epoche. Nicht an ihnen vorbei, sondern durch sie hindurch über sie hinaus betreibt er sein originäres Geschäft, die „Frage nach dem Verhältnis von Mensch und der von ihm gemachten, also menschlichen Welt“. In dem eigenen Versuch der Grundlegung einer marxistischen Anthropologie und eines revolutionären Humanismus ist der Dialog mit anderen selbstverständlich. Der Dogmatiker ist dialoglos, da er die objektive Wahrheit verwaltet. Kofler hat sich intensiv mit zeitgenössischen Denkern aus allen Lagern auseinandergesetzt, freundschaftlich-kritisch, auch hart und manchmal vielleicht zu hart. Es ging ihm in seinen Kontroversen nicht um das sattsam bekannte Glasperlenspiel mit Kollegen, sondern bei aller theoretischen Arbeit um ihre Behaftung auf die Solidarität und Parteinahme für die vielfach und vielseitig Entfremdeten. Kofler hatte ein Gespür dafür, wie man sich auch mit „linker Theorie“ aus der Mitverantwortung für die konkrete Überwindung des existentiellen und seelischen Elends verabschieden kann.
Einige sprechen vom Koflerschen Optimismus. Man sollte vielleicht besser Zuversicht und Hoffnung sagen. Dass sich trotz aller gegenteiligen Erfahrungen in der Deformation und Destruktion des Humanen das Menschengerechte geschichtlich durchsetzen wird, war ihm Gewissheit. Kofler selbst in Anlehnung an Georg Lukács: „Es gehört zum tragischen Charakter aller Geschichte, dass diejenigen, die seit urdenklichen Zeiten sich eingesetzt haben für den Fortschritt in der Geschichte, niemals die Verwirklichung ihrer Ziele und Träume selbst erlebt haben. Wenn man das weiß, ist man bereits im Besitze eines nicht zu brechenden Trostes und einer nicht zu schwächenden Ermutigung“.
Das ist geistiges Holz aus der hebräischen Bibel: Moses sieht das gelobte Land, betritt es aber nicht. Leo Koflers Gewissheit: es siegt am Ende nicht der organisierte Unsinn, weil es immer wieder Menschen geben wird, die sich im Namen des Humanismus gegen die Selbstzerstörung erheben. Er selbst hat diesen Aufstand zeit seines Lebens praktiziert. Und er hat vielen Menschen, besonders denen mit unüblichen Lebens- und Bildungswegen, durch sein Vorbild und durch seine Argumente Perspektiven gewiesen. Er hat sie eingeladen und fähig gemacht, ihren Weg des Kampfes gegen Entfremdung und Nihilismus zu finden. Er war nicht das Haupt einer Sekte, sondern der Vater, der seine Töchter und Söhne in die Freiheit der eigenen Entscheidungen und Wege entließ. Er war ein großer Pädagoge, der vielen Menschen unter seinen Hörern und Lesern zur Geburt ihres eigenen Selbstverständnisses verholfen hat. Der bleibende Dank dieser Menschen ist ihm gewiss.
Dank zu sagen für dieses Leben, für diesen Mann, für diesen Denker verbindet uns alle in dieser Stunde. Und wir sagen Dank seiner Frau, die 44 Jahre mit ihm verbunden war. Was das im Einzelnen bedeutet, kann niemand von uns erfassen und beschreiben. Wie wir uns vor Leo Kofler verneigen, so verneigen wir uns in Respekt und Dankbarkeit vor Ursula Kofler. Sie hat ihm die zweite Hälfte seines Lebens ermöglicht und getragen. Sie hat ihn in der Zeit seiner letzten Krankenjahre begleitet. Und sie hat sein Sterben und seinen Tod miterlebt. Wer von Leo Kofler spricht, wird von Ursula Kofler nicht schweigen können.
Lassen Sie uns, die wir hier versammelt sind, den Ehemann, den Vater und Großvater, den Kollegen, Freund und Genossen, den Denker und Lehrer zur letzten Ruhe geleiten. Und die Erinnerung an ihn möge uns daran gemahnen, dass es noch einzulösen gilt, wofür er gearbeitet und worauf er gehofft hat.
Uwe Jakomeit: Die Rückkehr des Vertriebenen. Leo Kofler auf Vortragsreise in der Noch-DDR (1990)
Die steinernen Löwen, die das Hauptportal der Martin-Luther-Universität in Halle bewachen, begrüßt er beim Hineingehen wie alte Bekannte. „Von den beiden habe ich damals immer gewusst, dass sie meine Freunde waren“, sagt er schmunzelnd und überlässt es den Umstehenden, in Gedanken zu ergänzen, dass es bei den damaligen Kollegen und Studenten wohl nicht so leicht zu erkennen war, wer ihm wohlgesonnen war und wer zu denen gehörte, die ihn bespitzelten und an seiner Verweisung von der Universität mitwirkten.
Das ist jetzt über vierzig Jahre her. Von 1947 bis 1950 hatte der mittlerweile in Köln ansässige Soziologe Leo Kofler an der Hallenser Alma mater einen Lehrstuhl für Geschichtsphilosophie, bis er durch seinen eigenwilligen Umgang mit dem Marxschen Werk in Konflikt mit der Kulturbürokratie der SED geriet, seine Vorlesungen verboten wurden und er gezwungen war, das Land bei Nacht und Nebel zu verlassen.
Kofler war nun auf Einladung der Universitäten in Halle und Leipzig und der Akademie der Wissenschaften in Berlin zum ersten Mal seit seinem unfreiwilligen Weggang wieder in der DDR. Nach der Rehabilitierung von Ernst Bloch, Robert Havemann, Walter Janka und anderen ist damit auch Leo Kofler, der als einer der ersten mit seiner radikalen Kritik an dogmatischer Starre und bürokratischer Enge angeeckt und in Ungnade gefallen war, in der Erinnerung der DDR-Gesellschaft wiederaufgetaucht. Die späte Aufarbeitung seines Falles ist immerhin noch so rechtzeitig angegangen worden, dass der 83-jährige sie bei bester Gesundheit und ungebrochener Lust am „Anecken“ erleben konnte, denn unbequem ist seine Berufung auf Marx jetzt fast schon wieder genauso wie damals, wenn auch aus anderen Gründen.
Eine wehmütige Feierlichkeit war dadurch ebenso ausgeschlossen wie eine triumphierende Abrechnung mit den alten Gegenspielern. Koflers Referat vor ca. 200 Zuhörern und die anschließende Diskussion waren unverkennbar auf die Gegenwart bezogen, auch wenn mit dem Thema „Sozialdarwinismus, Religion und Humanphilosophie“ eher theoretische Grundfragen angesprochen waren.[1] Wer allerdings einmal miterlebt hat, wie Kofler seine Vorträge mit Beispielen aus Romanen und Gedichten oder persönlichen Anekdoten anreichert, wie er mit sonorer Stimme unvermutet ein altes Arbeiterlied vorträgt, um einen sinnlichen Eindruck von der sozialistischen Bewegung im Wien der 1920er Jahre zu geben, wie er ins verdutzt-amüsierte Publikum lacht und gleich darauf heftige Attacken gegen die Verkommenheit der entfremdeten Gesellschaft reitet, der kann sich gut vorstellen, dass diese Art der Marx-Interpretation der Parteibürokratie nicht behagte. Die allseitige Entwicklung der Persönlichkeit, die „Re-Erotisierung des Menschen“ – wie Kofler formuliert – ist für ihn nicht bloße Phrase. Und die Verkennung dieser zentralen Thematik des Marxismus ist seiner Meinung nach ein Hauptversäumnis der SED gewesen, neben der ökonomischen Vernachlässigung der Leichtindustrie und eines sozialistisch organisierten Marktes.
Professor Gerlach vom Institut für Philosophie, der sich für die Einladung der Universität an Kofler eingesetzt hatte, war die alte Personalakte durchgegangen und berichtete beim Abendessen von dem aufgeregten Briefwechsel zwischen Ministerium und Fakultät, den der „Fall Kofler“ damals auslöste. Immer wieder wird darin moniert, Kofler halte sich nicht an die vorgeschriebenen Lehrinhalte. In der Presse tauchte schließlich neben dem Vorwurf des Idealismus das gefährliche (und unbegründete) Verdikt des „Trotzkismus“ auf; es kam zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit dem späteren Parteisekretär Kurt Hager. Kofler erinnert sich, wie er auf die Vorwürfe reagierte: „Hager hielt mir vor, ich sei ein Träumer, der die Partei auf Abwege bringe. Darauf war ich vorbereitet und zog als Antwort ein Buch aus der Tasche, das ich schon an der entsprechenden Stelle aufgeschlagen hatte. Ich zitierte eine Stelle, in der das Träumen als notwendige und vorwärtsweisende Kraft beschrieben wird. Nachdem ich vorgelesen hatte, nannte ich ohne weiteren Kommentar den Namen des Autors: Lenin! Es gab einen Riesenapplaus, die Versammlung war zu Ende.“
Zu Ende war damit vorläufig auch die Karriere des Universitätsprofessors Leo Kofler. In der Bundesrepublik konnte er zwar seine folgenden Bücher veröffentlichen und Kurse an Volkshochschulen halten. Aber erst 1972, in einem Alter, das für andere Zeitgenossen die Pensionierung vorsieht, wurde ihm – auf Druck der Bochumer Studenten – eine Lehrstuhlvertretung an der Ruhr-Universität übertragen, an der er bis zum heutigen Tag als Honorarprofessor Vorlesungen hält.
Kofler erzählt von diesen Ereignissen ohne Bitterkeit, allerdings mit einer Leidenschaft, die die Heftigkeit der damaligen Auseinandersetzungen spürbar werden lässt. Auch diese Leidenschaftlichkeit entspringt seinem Verständnis von Gesellschaftstheorie. Nicht zufällig schließt er deshalb den Vortrag in Halle mit einem seiner Lieblingszitate: „Die Kritik ist keine Leidenschaft des Kopfes, sie ist der Kopf der Leidenschaft.“ Wenn man Kofler diesen Satz aussprechen hört und dabei noch einmal die Repräsentanten der vergangenen Staats- und Parteimacht wie Ulbricht, Honecker, Hager Revue passieren lässt, könnte man fast vermuten, Karl Marx sei in der DDR ein unbekannter Autor gewesen.
Ursula Kofler: Gelebter Humanismus. Zu den Buchtiteln meines Mannes anlässlich seines 80. Geburtstages 1987
Der gemeinsame Lebensweg war Dialektik und Geschichte. War es eine Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft oder vollzog sich hier Das soziale Werden der Gegenwart? Waren wir am Ende der Philosophie, dann half mir noch Haut den Lukàcs nach Art des Proletarischen Bürgers, wobei Aggression und Gewissen im Kampf miteinander lagen, so dass man sich fragen musste, Beherrscht uns die Technik? oder herrscht Die Leidenschaft des Kopfes? Auf jeden Fall war es keine Abstrakte Kunst. So lernten wir Die Wissenschaft von der Gesellschaft kennen und den Sozialistischen Realismus. So füllten wir die wissenschaftlichen Werke meines Mannes mit Leben an. Alles in allem war es gelebter Revolutionärer Humanismus.
Jürgen Schnitzmeier: „Mir fehlen die übervollen Säle der APO-Zeit“
Bochum. Bedächtig und in Gedanken versunken schlurft Leo Kofler jeden Mittwoch, pünktlich um 10 Uhr, durch die langen Betonflure der Bochumer Ruhr-Universität. Den Mantel hat er sorgfältig über den Arm gelegt, seine Hand hält den Hut. Die andere trägt die Aktentasche, voll mit Büchern, die er auch diesmal wieder nicht brauchen wird, weil er bereits alles im Kopf hat, was er den Studentinnen und Studenten heute über des Neue Denken in der Sowjetunion und den „Gorbatschowismus“ erläutern will. Krawatte und Hemd stammen dem Schnitt nach noch aus den siebziger Jahren. Aus jener bewegenden Zeit der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition, als die Hörsäle zu klein waren, wenn Kofler seine dialektische Anthropologie über den „proletarisierten Bürger“ oder den „asketischen Eros“ entwickelte.
Heute [1987] ist der Hörsaal noch zur Hälfte gefüllt – immer noch ein überdurchschnittlicher Schnitt. Der 80jährige Kofler, einer der ältesten und profiliertesten marxistischen Theoretiker des alten Schlages, der Lenin und Stalin nicht nur aus Büchern kennt, sondern noch selbst erlebt hat, ist dennoch ein wenig wehmütig: „Mir fehlen die übervollen Säle, die mich in der APO-Zeit gedanklich inspiriert und animiert haben.“
Seit einigen Monaten jedoch ist Kofler wie in einem zweiten Frühling wieder aufgewacht. Der Grund: Sein alter Traum hat sich erfüllt: „Ich wollte immer so alt werden, dass ich den Umbruch in der Sowjetunion noch erlebe“, beginnt Kofler seine Vorlesung und gerät ins Schwärmen. Über das Neue Denken im Ursprungsland der Revolution, über Michail Gorbatschow und den von ihm praktizierten Gorbatschowismus. „Ein Glücksfall für den Sozialismus“, eine charismatische Führerpersönlichkeit im Sinne von Max Weber, so Kofler. Gorbatschow werde die bürokratische und verkrustete Ideologie „entdogmatisieren“, die „dialektische Demokratie“ verwirklichen und die sowjetische Wirtschaft revolutionieren, prophezeit der aufrechte alte Marxist den meist 60 Jahre jüngeren Studenten. […]
Die Studentinnen und Studenten klatschen am Ende der Vorlesung, nur in der gesamten bundesdeutschen Wissenschaftler-Zunft kümmert sich kaum einer um Koflers Analysen und Interpretationen. Seitdem der heute in einem alten Kölner Reihen-Mietshaus zurückgezogen lebende Theoretiker 1947 zusammen mit Ernst Bloch und vielen anderen linken Wissenschaftlern versuchte, mit der Neugründung der DDR einen deutschen Weg zum Sozialismus aufzubauen, dabei scheiterte und in die Bundesrepublik flüchtete, wird er in Politik und Wissenschaft geächtet: Orthodox-marxistische Theoretiker kreiden ihm seine Kritik am Stalinismus und am „bürokratischen Wiederaufbau der DDR“ an, bürgerlichen Soziologen ist er zu links, weil er nicht von der dialektischen Geschichtsauffassung und von einer sozialistischen Grundüberzeugung abschwor, der Frankfurter Schule um Theodor Adorno und Jürgen Habermas, weil Kofler mit Recht von sich behauptet, in der Bundesrepublik die marxistische Gegenposition zur kritischen Theorie zu vertreten.
Aber auch wissenschaftliche Ächtung kann den 80jährigen humanistischen Sozialphilosophen und Anthropologen Kofler nicht in seinem historischen Optimismus, seiner Lebensfreude und Vitalität brechen. Kofler ist ein aufrechter, unbequemer, konsequent-kritischer marxistischer Einzelgänger und Autodidakt. Persönlich erlebter und gelebter Marxismus ist es, aus dem Kofler seinen Optimismus und seine Vitalität schöpft. […]
Erst durch studentische Initiativen der APO und im Zuge des Reformeifers der sozialdemokratischen Hochschul- und Bildungspolitik erhielt Kofler 1973 eine Lehrstuhlvertretung an der Ruhr-Universität in Bochum. Dort lehrt er heute noch als Honorarprofessor. Mit achtzig Jahren, jeden Mittwoch. Wie lange noch? „Ich will noch erleben, dass Gorbatschow mit seinem Kurs Erfolg hat.“
Dietrich Garstka/Werner Seppmann Aus der Lebensgeschichte Leo Koflers (1980)
Leo Kofler bezeichnet sich als einen marxistischen Einzelgänger. Diese Merkwürdigkeit ist natürlich auch bedingt in Leo Kofler selbst. Er ist Autodidakt: im Bewusstsein des durch sich selbst Gewordenen ist Wissenschaft – für ihn immer die bedrängte marxistische – die Unmittelbarkeit des Selbsterlebnisses. Seine Vitalität lässt ihn auch in der theoretischen Auseinandersetzung zuweilen so aggressiv werden, dass es seinem Kontrahenten leicht wird, der Unbequemlichkeit seines Denkens mit dem Hinweis auf formale Unzulänglichkeit auszuweichen. Aber gerade diese Vitalität ist in Kofler persönlich gelebter Marxismus, der sich so artikulieren kann, weil die jeweilige ‚Macht der Verhältnisse‘ ihn auf seine Individualität zurückwirft.
Der Faschismus droht ihn psychisch zu vernichten, die Emigration zu isolieren, der Stalinismus verbietet ihm, am sozialistischen Aufbau in der dafür einzigen realen Möglichkeit mitzuarbeiten – Kofler ist der erste der großen Marxisten, die gezwungen werden, in der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Bürokratischer Sozialismus, Antikommunismus und Monopolanspruch für kritische Theorie (in Frankfurt) ignorieren ihn mit Totschweigen. Er muss erfahren, wie umfassend unbequem er ist: für die einen ist er der voluntaristische Idealist (er ist Schüler von Max Adler), für die anderen der dogmatische Vulgärmarxist (er ist Schüler von Georg Lukács). Kofler schwört nicht ab: er übt keine Selbstkritik, als ihn die Stalinisten dazu auffordern; er wird nicht zum Renegaten, als ihn die materielle Not in der Bundesrepublik Deutschland bedrängt. Er ist inzwischen Einzelgänger auch darin, dass er festgehalten hat am Optimismus der revolutionären Generation, während er beobachten musste, wie sich revolutionäres Bewusstsein immer mehr mit bürgerlichem Pessimismus verbindet. Zu diesem revolutionären Optimismus gehört die umfassende Thematik seiner Theorie: soziologische Methodologie, Geschichte, Ideologie, Ästhetik und Anthropologie. Immer geht es ihm um die Radikalität des Menschlichen, in der die Wurzel für den Menschen der ‚Mensch selbst‘ ist: „Seine düstere Radikalität will ausgehalten sein. Die Einsamkeit so fundamentaler Kritik mag selbst manchen engagierten ‚Linken‘ zu schwer sein“.[1]
Leo Kofler wird am 26. April 1907 in Chocimierz, einem kleinen Dorf in der [heutigen] polnischen Ukraine, geboren, wo er auf dem väterlichen Gut seine Kindheit verbringt. Infolge des ersten Weltkrieges flüchtet die Familie und lässt sich 1915 in Wien nieder, wo der Vater als Versicherungsangestellter tätig wird. Durch ihn, er beschäftigt sich mit Lassalle und ist Mitglied der SPÖ, gelangt Kofler zu einer allgemeinen politischen Haltung, die jedoch mehr Atmosphäre als argumentative Überzeugung ist. Die jüdische Religion erlebt Kofler durch seinen Vater, er ist assimilierter Jude,[2] als nicht mehr geglaubte; dessen Skeptizismus bereitet den Atheismus Koflers vor. In Wien besucht er bis zum 19. Lebensjahr die Handelsakademie, danach ist er als Angestellter tätig. Ab 1929 ist er, bis auf einige Gelegenheitsarbeiten, arbeitslos.
Erst mit 19 Jahren, durch Zufall, wie er heute sagt, gerät er in den Einfluss der sozialistischen Bewegung. Er wird Mitglied der gewerkschaftlichen sozialistischen Angestelltenjugend, bald darauf der SPÖ. In ihr erlebt Kofler Sozialismus als Reformismus und Revisionismus, der revolutionäre Politik ersetzt durch die These vom allmählichen Hineinwachsen in den Sozialismus. In der Klassenauseinandersetzung verliert die Sozialdemokratie ihre politische Kraft gegenüber der erstarkenden reaktionären und faschistischen Bewegung, die sich zur entscheidenden politischen Kraft formieren kann. Der letzte verzweifelte Widerstand der sozialistischen Massen im Februar 1934 geht, von der Parteiführung im Stich gelassen, in der Offensive der faschistischen Heimwehr und des Bundesheeres unter. Im gleichen Monat wird die SPÖ verboten und aufgelöst.
Koflers erstes entscheidendes Erlebnis in der sozialistischen Bewegung wird seine Begegnung mit Manfred Ackermann, an den er sich als einen glänzenden Redner und Erzieher erinnert. Er wird tief von ihm beeinflusst. Otto Leichter schildert die Gruppe um Ackermann, zu der auch Kofler gehört, im Zusammenhang mit den Februarereignissen 1934: „Schon in den ersten Tagen nach dem Ausbruch der Kämpfe war bekannt geworden, dass es Manfred Ackermann, dem Leiter der Jugendabteilung des Zentralvereins der kaufmännischen Angestellten, gelungen war, eine wegen ihrer Begeisterung, Organisationstreue und Geschultheit bekannte jugendliche Elitetruppe zusammenzuhalten. Mit der Leidenschaft, die Ackermann als einen der besten Redner der jüngeren Generation auszeichnete, war er von allem Anfang an entschlossen, nichts aufzugeben und am Aufbau der Untergrundorganisation mitzuhelfen.[3] Durch Ackermann wird Kofler zum intensiven Studium sozialwissenschaftlicher Literatur angeregt. Zugleich aber übt er sich in der Malerei. Neben seiner Berufstätigkeit ist er Gasthörer an der Universität und an der Kunstakademie. Das bloß Ökonomische seiner Berufstätigkeit stößt ihn ab. Beeinflusst durch seinen Vater, bestätigt durch die Beobachtung seiner jüdischen Umgebung wächst die Abneigung gegen das Wucherische. Mit 22 Jahren wird Kofler Referent der Wiener Arbeiter-Bildungs-Zentrale.
An der Universität lernt Kofler seinen entscheidenden Lehrer kennen: Max Adler. Max Adler, der politisch dem linken Flügel der SPÖ angehört, gelangt durch die Revolution von 1918, mit Hilfe von [Hans] Kelsen, seinem Freund und theoretischen Gegner zugleich, an die katholisch kontrollierte Universität. Für Kofler wird die erkenntnistheoretische Begründung des Marxismus durch Adler gegen den damals herrschenden dogmatischen Mechanismus wesentlich. Sie besteht darin, dass Adler von der Prämisse der bewusstseinsmäßigen Vermittlung des gesellschaftlichen Seins ausgeht. Der Verweis auf das Bewusstsein und damit im Zusammenhang auf das Teleologische als dem eigentlichen Wesensmerkmal des Marxismus wird für Kofler zum entscheidenden theoretischen Einfluss. Allerdings hat Kofler schon bald, trotz seiner begeisterten Schülerschaft, einen wesentlichen Vorbehalt. Adlers Reduktion der Dialektik auf bloße Bewusstseinsdialektik im Anschluss an Kant empfindet er als entscheidenden Mangel der erkenntnistheoretischen Grundlegung. Wiederum hält Kofler diesen Kantianismus für nicht entscheidend. Für ihn hat der Kantianismus Adlers keinen wesentlichen Einfluss auf die marxistische Gesamtkonzeption gehabt. Vielmehr meint er, dass erst durch diese Reduktion eine eigentliche marxistische Diskussion der Ideologie-Problematik möglich wurde, dass damit der Marxismus vom Ökonomismus befreit werden konnte.[4] Was Kofler in seinem theoretischen Verhältnis zu Adler für wesentlich hält, ist der Grundsatz, der ihn selbst immer geleitet hat: der marxistische Theoretiker hat seinen Ansatz beim Menschen als der Wurzel des Menschen zu suchen. Die erkenntnistheoretische Trennung des gesellschaftlichen Seins vom natürlichen Sein wird zur entscheidenden Prämisse im Denken Koflers; gesellschaftliche Totalität, ihre Geschichte, Ideologie und Anthropologie können so zu seinen wesentlichen Themen werden.
1938, im Jahr des faschistischen Einmarsches, flieht Kofler mit einem Freund in die Schweiz. Der erste Fluchtversuch scheitert, weil ein mitgenommener jüdischer Bekannter identifiziert wird. Kofler und sein Freund werden daraufhin in Innsbruck inhaftiert; die noch nicht von den Faschisten kontrollierten Gefängnisbeamten verschaffen ihnen die Möglichkeit zu ihrer Befreiung. Eine Weiterreise über Frankreich nach Spanien verhindern die Schweizer Behörden. Von 1938 bis 1947 lebt Kofler als Emigrant in der Schweiz. Er ist in Lagern untergebracht und arbeitet innerhalb des Arbeitsdienstes u.a. in der Schumacherei und im Straßenbau.
Für Koflers theoretische Entwicklung wird die, zunächst auch nur theoretische, Begegnung mit Georg Lukács bestimmend. Kofler lernt ihn 1940 durch seine Aufsätze in der in Moskau erscheinenden Zeitschrift Internationale Literatur kennen. Ich erinnere mich, dass ich wie im Taumel geradezu diese Aufsätze las. Es öffnete sich mir eine völlig neue Welt, ein neuer Stil, eine neue Aussagekraft; und dass ich damals nur die Vorstellung hatte: was immer man selbst versuchen möge, das wird niemals das erreichen, was Lukács anbietet. Ich hatte so etwas wie ein ungeheures Gefühl der Unsicherheit und der Zurückgeworfenheit, weil mir diese neue und äußerst eindrucksvolle Welt begegnete. Zweimal ist Kofler Lukács persönlich begegnet: 1946 in Basel und 1966 in Budapest. Das Ergebnis dieser Begegnung ist festgehalten in dem Buch Gespräche mit Georg Lukács.[5]
Kofler kann sich Lukács zuwenden, sofern er Adlers Bewusstseins-Dialektik als Mangel erkannt hat. Kofler weiß sich mit Lukács insofern näher verwandt, als er zeigt, wie man in verschiedenen Gebieten diese Dialektik konkret fruchtbar machen kann. Allerdings besteht für Kofler in den wesentlichen Bereichen zwischen Adler und Lukács kein Gegensatz, sofern Ansätze bei Adler, die man voreilig als idealistisch ausgegeben hat, durch den Hegelianismus Lukács‘ zur vollen Geltung gebracht worden sind. Aber auch diesem Hegelianismus verfällt Kofler nicht, obwohl von ihm aus die Kategorie der Totalität zur grundlegenden Kategorie in Koflers Sozialtheorie wird. Kofler vereint beide theoretischen Ansätze und hebt damit die Einseitigkeit beider auf: den an Kant orientierten Idealismus Max Adlers und die an Hegel orientierte Totalität Georg Lukács‘; die grundlegende Kategorie wird die durch die bewusstseinsmäßig bestimmte Praxis erzeugte Totalität des gesellschaftlichen Seins. Von dieser Prämisse aus entwickelt Kofler in seinem ersten Buch Die Wissenschaft von der Gesellschaft eine marxistische, d.h. dialektische Gesellschaftstheorie als Kritik an bürgerlich einseitigen irrational-rationalen und marxistisch einseitigen dogmatisch-mechanistischen Sozialtheorien.
Mit Hilfe von Vorarbeiten, die ihm der Vater aus Wien in die Schweiz schicken kann, arbeitet Kofler an dem Manuskript, aus dem schließlich Die Wissenschaft von der Gesellschaft entsteht. Es ist im Bewusstsein Koflers gar nicht für die Veröffentlichung geschrieben, sondern für die Selbstverständigung, als privater Spaß, wie er heute sagt. Dass es schließlich doch veröffentlicht wird, 1944, ist der zufälligen Begegnung Koflers mit Konrad Farner zu danken, den er bei einer befreundeten Familie kennenlernt. Farner hatte bislang für die von ihm herausgegebene Reihe „Mensch und Gesellschaft“ im Verlag Francke vergeblich nach einer marxistischen Arbeit gesucht. In Koflers Manuskript findet er sie. Kofler ist plötzlich aus der Anonymität des privaten Theoretisierens in die publizierte Wissenschaft hineingeraten. Er fällt vorübergehend in eine psychische Krise; schließlich findet er sich in der Reihe bedeutender Theoretiker wieder: Croce, Ferrero, Schumpeter. Allerdings kann das Buch entsprechend dem Gesetz für Emigranten nur pseudonym erscheinen; das geschieht unter dem Namen Stanislaw Warynski. Die Kritik nimmt das Buch außerordentlich zustimmend auf. Edgar Salin, Hans Mayer, Hans Barth und viele andere schreiben anerkennende Rezensionen. Hans Barth spricht von der „Metamorphose des historischen Materialismus“.[6] Auch im sozialistischen Lager wird das Buch als Neubeginn empfunden. Im theoretischen Organ der schweizerischen Partei der Arbeit heißt es: „Von einer eindrucksvollen Stärke ist die grundlegende Abhandlung über die Dialektik, mit welcher das Buch anfängt. Der Unterschied zwischen der alten, wesentlich heraklitischen und der neuen Dialektik seit Hegel, ist von einer nur schwer zu überbietenden Klarheit und Tiefe zugleich. Das Aufzeigen der Besonderheiten, einer auf den Kosmos gerichteten alten Dialektik und der neueren, die im Gesellschaftlichen als einer Totalität des Seins und Denkens die Grundlage sowohl des dialektischen Seins der Gesellschaft, wie auch die Möglichkeit einer dialektischen Erforschung des gesellschaftlichen Lebens erblickt, muss und wird bei anderen Anhängern der Dialektik Schule machen. Die Aufklärung der materialistischen Züge der Wirklichkeit im Unterschiede zu einer pseudo-materialistischen, im Grunde aber nur und ausschließlich mechanischen Betrachtung, ist von einer begrüßenswerten Kühnheit und entlarvt die sich auf ihren unwissenschaftlichen Positionen versteifenden Mechanisten, die die eigentliche Leistung des dialektischen Materialismus nicht verstanden haben. Die materialistische Erfassung der Gesellschaft erweist sich nur in Form der Subjekt-Objekt-Theorie richtig durchführbar, das heißt auf dem Boden der Dialektik. Alles andere ist Pseudo-Materialismus, Materialismus nur dem Namen und der äußeren Form nach.“[7] Wolfgang Abendroth begreift Koflers Buch als eines „der grundlegenden Werke der neueren Soziologie“,[8] und Günter Maschke kann, schon aus der geschichtlichen Distanz, feststellen: „Koflers eminenter historischer Sinn, seine methodologische Genauigkeit und seine differenzierte Auseinandersetzung mit bürgerlichen Theorieansätzen […] stellen dieses allzu lang verschollene Buch […] an die Seite der Werke des jungen Lukács und Korschs Marxismus und Philosophie“.[9]
Koflers theoretisches Interesse richtet sich nun auf die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Wiederum ein privates Interesse; er beabsichtigt nicht, ein Buch zu schreiben, er will sich informieren über die Hauptprobleme der Neuzeit. 1945 wird er wegen einer Erkrankung vom Arbeitsdienst befreit. So hat er Zeit zum intensiven Studium in der Baseler Universitätsbibliothek. Aus dem Gefühl heraus, sich beeilen zu müssen, weil die Emigration zu Ende geht, erarbeitet er in nur einem Jahr ein Manuskript, das 1948 in der DDR unter dem Titel Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Versuch einer verstehenden Deutung der Neuzeit erscheint. Die bislang übliche Verwechslung von marxistischer Geschichtsschreibung mit bloßer Wirtschaftsgeschichte oder Geschichte revolutionärer Bewegungen ist hier ersetzt durch einen umfassenden historisch-materialistischen Interpretationsversuch der sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft. Kofler verifiziert eindrucksvoll die zentrale materialistische Kategorie der Totalität. „Es sind bei richtigem Verstehen des Marxismus als letzte bestimmende Faktoren für das gesellschaftliche Geschehen keinesfalls irgendwelche außermenschlichen oder verdinglichten, sondern immer nur menschliche und durch das Bewusstsein, ‚durch den Kopf hindurch‘, wie Engels sagt, sich gestaltende Verhältnisse anzusehen; sind auch ihrerseits diese Verhältnisse durch eine besondere Form menschlicher Tätigkeit, nämlich durch die Produktionsweise bestimmt, so erwächst diese Produktionsweise doch selbst wiederum nur uns den ihr vorangegangenen Verhältnissen usf. Es handelt sich um eine dialektische Beziehung beider Momente, die das ergeben, was Marx unter dem viel missverstandenen Ausdruck der ‚Produktionsverhältnisse‘ oder dem ‚ökonomischen Unterbau‘ begreift.“[10]
Mit dem aus diesem Zusammenhang möglichen ‚Verstehen‘ von Geschichte gelingt es Kofler, soziologisch zu erklären, wie sich bürgerliche Gesellschaft entwickelt. Es gelingt der Nachweis, „wie die historische Analyse sowohl den Gesichtspunkt der Totalität wie den aus ihr resultierenden Standpunkt der Zuordnung von Ideologie und Klasse methodologisch in Anwendung bringen kann“.[11] Für wesentliche Probleme der Geschichtswissenschaft bietet Kofler Lösungen an: für die Klassenzuordnung Machiavellis, die Sonderentwicklung Deutschlands, die soziale Funktion der Sektenbewegung, des Calvinismus, der lutherischen Reformation, den englischen Parlamentarismus. Kofler bietet „ein Stück materialistischer Geschichtsschreibung, wie es ähnlich imponierend heute nur noch selten sich findet.“[12]
Nach Polen, Österreich und der Schweiz ist Koflers nächste Station die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands bzw. die Deutsche Demokratische Republik. Als Edgar Salin, Rektor der Baseler Universität, erfährt, dass Stanislaw Warynski, über dessen Buch er eine anerkennende Rezension geschrieben hat, Leo Kofler ist, vermittelt er ihn an den Schriftstellerverband, bei dem ihm vorgeschlagen wird, nach Deutschland zu gehen, weil es dort an fortschrittlichen Kräften mangele. Da Kofler in der Schweiz Freunde hat, die aus Halle stammen und dorthin zurückwollen, schließt er sich ihnen an und gelangt 1947 nach Halle. Kofler erinnert sich an die Aufbruchsstimmung, für die die stalinistischen Herrschaftsmethoden endgültig aufgegeben schienen, an die Begeisterung für eine neue Entwicklung in der Sowjetunion, für einen deutschen Weg zum Sozialismus. Ernst Bloch und Hans Mayer unterrichten an Universitäten in der sowjetisch besetzten Zone, Georg Lukács wird publiziert und studiert.
Zuerst wird ihm eine Tätigkeit an der Oberschule angeboten. Nachdem man allerdings seine Wissenschaft von der Gesellschaft und die dazu veröffentlichten Rezensionen eingehend studiert hat, wird er gebeten, an der Universität zu unterrichten. Koflers Vorbehalte gegenüber dieser schwierigen Aufgabe sind zunächst groß. Schließlich promoviert er mit seiner Wissenschaft von der Gesellschaft. Wie es in der Promotionsurkunde heißt, wird ihm die Doktorwürde verliehen „auf Grund seines Buches Die Wissenschaft von der Gesellschaft und einer, vor versammelter Fakultät erfolgten wissenschaftlichen Auseinandersetzung, sowie in Anerkennung der Tatsache, dass er sich seine ausgebreiteten Kenntnisse aus eigener Kraft unter den schwierigsten Umständen erarbeitet hat.“ Nachdem Kofler sein in der Schweiz verfasstes Manuskript über die Geschichte der Neuzeit der Fakultät vorlegt, kann er sich damit habilitieren. Anfang 1948 wird Kofler auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für Geschichtsphilosophie berufen und zum Direktor des Instituts für Historischen Materialismus ernannt. Sein Buch Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft erscheint 1948. Die 10.000 Exemplare dieser ersten Auflage sind in kurzer Zeit fast vergriffen. Ende 1948 erscheint eine zweite Auflage. Im Vorwort zu dieser Auflage kann Kofler, unkontrolliert, eine Kritik am SED-Dogmatismus unterbringen. Das stalinistische System beginnt sich zu restaurieren. In seinen Vorlesungen kritisiert Kofler die bürokratische Tendenz des sozialistischen Aufbaus. Kofler fordert eine völlig neue Aufklärungs- und Erziehungspraxis für eine fundamentale sozialistische Demokratisierung: Aber die darauf verwendeten Energien sind noch gering, denn viele haben noch gar nicht begriffen, dass ein mit mechanistischen Hinterladern ausgestatteter Funktionärsstab nicht nur leistungsunfähig bleiben muss, sondern geradezu ein Hindernis darstellt.
Seine Vorlesungen werden von Anfang an überprüft, wie Kofler durch einen Freund, der ihn bespitzeln muss, erfährt. Nachdem er seine Kritik im erwähnten Vorwort veröffentlicht hat, reagiert die Partei: An der Karl-Marx-Hochschule wird eine Untersuchungskommission gegen Kofler eingesetzt; die noch greifbaren Exemplare der zweiten Auflage werden eingezogen. Die öffentliche Kritik übernimmt R.O. Gropp in der Einheit, der „Zeitschrift für Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Sozialismus“, herausgegeben vom Parteivorstand der SED. Der wesentliche Vorwurf ist Idealismus: „Kofler – ein ideologischer Schädling“, ein „simpler Spießbürgeridealist“, der nichts als „Spießbürgersozialismus“ lehrt: „Die Koflersche Konzeption ist metaphysisch verworren und mystisch und scheint daher für Studenten, die gläubig auf ihren Professor sehen, voll hoher Weisheit. Sie ist ein Gemisch von objektivem und subjektivem Idealismus in Bezug auf die Gesellschaft und ihre Erkenntnis. Die Produktionsverhältnisse werden durch das Bewusstsein der Menschen hergestellt, das ist objektiver Idealismus. ‚Interpretierende‘, ‚deutende‘, ‚verstehende‘ Totalitätsmethode der Betrachtung der Geschichte, das ist subjektiver Idealismus. Dieser idealistischen Mystifizierung der Geschichte und ihrer Erkenntnis unterschiebt Kofler die Begriffe Dialektik und Materialismus und überhaupt recht viel von der marxistischen Terminologie und gibt das Ganze für die ‚wahre Wesenheit der marxistischen Lehre‘ aus. […] Marxisten verstehen unter Materialismus die Lehre, dass das Materielle primär, das Geistige sekundär ist. Indem Kofler das Wort Materialismus im spießbürgerlich-moralisierenden Sinne verwendet, verleumdet er diese Lehre. Dem entspricht nun umgekehrt seine platte idealistische Auffassung des Sozialismus. Der Sozialismus geht bei ihm nicht aus dem Klassenkampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie hervor, aus der Sprengung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, sobald sie für die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte zu eng geworden ist, sondern aus humanistischen Idealen (von Gropp hervorgehoben). […] Mit seinen Behauptungen von der Industrialisierung in der Sowjetunion auf Kosten der Lebenshaltung der Werktätigen und von dem Nichtvorhandensein einer wirklichen Demokratie in der Sowjetunion stellt sich Kofler in eine Reihe mit allen imperialistischen und trotzkistischen Sowjetfeinden.“[13]
Die Aufforderung zur Selbstkritik weist Kofler zurück. Es kommt zum persönlichen Konflikt mit Kurt Hager, in dem es theoretisch vor allem um den von Kofler grundsätzlich vertretenen Begriff der Totalität geht. Kofler verwahrt sich gegen die Behauptung Hagers, „dass Marx mit dem Totalitätsbegriff nichts zu tun habe“. Koflers Temperament erleichtert den SED-Genossen das Verfahren. Er lief ins Feuer, wie er heute sagt. Demonstrativ tritt er aus der SED aus. Seine Vorlesungen werden 1950 verboten. Wichtige Materialien kann er retten, indem er sie als Geschenk an die jüdische Gemeinde in Berlin schickt. Kofler flüchtet von der DDR in die BRD um die Jahreswende 1950/51. Eine geographische Alternative gibt es für Kofler schon aus sprachlichen Gründen nicht.
Seine Erfahrungen in der DDR verarbeitet Kofler theoretisch in mehreren Schriften. Am meisten verbreitet ist die Schrift Stalinismus und Bürokratie. Koflers Analyse des Stalinismus ist die erste fundierte marxistische Stalinismuskritik. Bedeutsam wird seine historisch-soziologische Analyse der stalinistischen Bürokratie. Er macht diese zunächst einmal verständlich als Produkt der Akkumulationsepoche, durch die sie sich selbst als notwendige, protagonistische begreifen kann: „Was bedeutet schon z.B. die Erkenntnis der Rolle der bürokratischen Privilegien, wenn nicht gleichzeitig und gründlich die Tatsache der Existenz einer – fast preußisch anmutenden – bürokratischen ‚Pflichtethik‘ mit allen ihren, dem privilegistischen Egoismus gerade entgegengesetzten Tendenzen der Hingabe, des Opfermuts und der ‚Haltung‘ mitberücksichtigt wird.“[14] Damit aber rechtfertigt Kofler den Stalinismus nicht. Infolge seines rigorosen Formalismus dringt die anfängliche bürokratische Struktur der administrativen Bereiche allmählich in alle Lebensbereiche ein, bis sie zur ‚Geistesbürokratie‘ wird. Schöpferisches Denken wird degradiert zur Anpassung an die vom bürokratischen System gesetzten praktischen Notwendigkeiten. Die dem Marxismus immanente Kritik am Bestehenden wird zur Bestätigung der Richtigkeit der herrschenden Praxis; Praxis selbst wird zum Praktizismus. Eine Theorie aber, die aus ihren bürokratischen und daher formalistischen und vulgarisierenden Voraussetzungen heraus nicht in der Lage ist, den oberflächenhaft-tatsachenmäßigen und kategorialen Schein der Wirklichkeit aufzulösen, sondern vielmehr die Befangenheit des Denkens in diesem Schein befestigt, verliert naturgemäß jede Fähigkeit, Führerin durch die praktischen Probleme zu sein. Eine solche Theorie ist im Gegenteil gerade dazu angetan, das praktizistische Unterliegen unter die ‚Tatsachen‘ in einer stur praktizistischen Politik zu rechtfertigen, ihr einen Schein der Berechtigung zu verleihen.[15]
Kofler lässt sich in Köln nieder. Er gerät in die antikommunistische Restaurationsphase der spätbürgerlichen Bundesrepublik Deutschland. Für den Marxisten Kofler eine fast aussichtslose Situation: Seine Aufenthaltsgenehmigung als Ausländer (Österreicher) wird verbunden mit der Anweisung, sich der politischen Tätigkeit zu enthalten, Marxismus habe nur Gegenstand der Wissenschaft zu sein. Die Wissenschaft aber entzieht sich ihm als Institution; keine Universität in der BRD nimmt ihn auf; auch Frankfurt verweigert sich (siehe dazu weiter unten), selbst in Marburg kann er nicht unterkommen. Das ‚Berufsverbot‘ droht ihn mittellos zu machen. Nur mühsam erwirbt er sich das materiell Notwendige. Er schreibt Rezensionen, Artikel für Zeitschriften; er kann in Schmollers Jahrbuch und in der Deutschen Universitätszeitung mitarbeiten, die aber nach finanzieller und organisatorischer Veränderung für ihn als Forum wissenschaftlicher Arbeit ausfallen. Bescheiden bleibt die Wirkung der theoretisch-politischen Periodika, in denen eine sozialistische Diskussion uneingeschränkt möglich ist, wenngleich sie für das Selbstverständnis der Linken wichtig ist. Kofler arbeitet mit in pro und contra, links, in den Funken, vor allem in der von Gerhard Gleisberg 1955 als Alternative zum sozialdemokratischen Vorwärts gegründeten Wochenzeitung Die Andere Zeitung und in der von [Viktor] Agartz geleiteten WISO. Korrespondenz für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.[16] Kiepenheuer & Witsch druckt seine Aufsätze zur Stalinismuskritik. Erst 1955 kann das als Manuskript schon in der DDR fertige Buch Geschichte und Dialektik veröffentlicht werden, eine Propädeutik in marxistische Methodologie, die schon für viele die dialektische Hebamme war. Es sei hier vermerkt, dass Kofler besonders einem Mann dankbar dafür ist, dass er schließlich in den Verlagen der Bundesrepublik Deutschland seine Bücher veröffentlichen kann: Frank Benseler. Immer schreibt Kofler unter dem Druck, schnell fertig werden zu müssen, was auch noch für seine folgenden Buchveröffentlichungen gilt. Manche Arbeit wird vielleicht zu schnell veröffentlicht.
Kofler muss – oder soll man jetzt schon sagen: kann? – seit 1951 in Volkshochschulen unterrichten, und nicht einmal hier ist seine Lehrtätigkeit selbstverständlich. Nicht wenige Kulturdezernenten haben sich den Stadträten gegenüber wegen der „agitatorischen Tätigkeit“ des ‚Kommunisten‘ Kofler zu verantworten. In den Anfangsjahren ist der Verfassungsschutz ständiger Gast in seinen Seminaren. 1953, mit Hilfe von Heinz Kühn, erhält Kofler an der gewerkschaftlichen Sozialakademie in Dortmund einen Lehrauftrag. Als Vortragender ist er darüber hinaus intensiv in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit tätig, muss aber auch hier erleben, wie ihn der Einfluss, bis auf wenige Reste von persönlich gutem Willen, durch herrschende Funktionäre entzogen wird. Aber der SDS [Sozialistischer Deutscher Studentenbund] und andere verwandte Gruppierungen verhindern eine politische Isolation; Kofler tritt häufig in verschiedenen Universitäten als marxistischer Redner auf. Diese Wirkung aber bleibt sporadisch. In der späteren „Studentenbewegung“ am Ende der sechziger Jahre muss Kofler sich zurückhalten, sein Ausländerstatus lässt ihm keine Wahl. Im Zusammenhang aber mit der herrschenden Aufbruchsstimmung wird er 1971 Dozent für Soziologie an der Kunstakademie in Köln. 1972 erhält er einen Lehrauftrag in Soziologie an der Universität Bochum, 1973 übernimmt er eine Lehrstuhlvertretung. Entschlossene studentische Aktionen haben Kofler den Weg zur Universität freigemacht. 1975 wird er zum Honorarprofessor für Soziologie an der Universität Bochum ernannt.
Koflers theoretische Arbeit ist fortwährende Analyse der ihm in der Bundesrepublik Deutschland begegnenden spätbürgerlichen Restauration. Der deutsche Faschismus hatte der deutschen Arbeiterbewegung eine solche Niederlage zugefügt, dass auch ihre wirksame sozialistische Neuformierung unmöglich wurde. ‚Organisatorische‘ Hilfe der amerikanischen Gewerkschaften und Restriktionen gegen sozialistische Organisationen durch die Militäradministration in den Westzonen sorgten dann dafür, dass die sich reorganisierende Arbeiterbewegung integrativ funktionierte. Das fiel leicht, weil die KPD sich durch ihr standhaftes Treuebekenntnis zum stalinistischen Herrschaftssystem von den Massen entfernte und sich damit selbst politisch bedeutungslos machte. In der SPD wurden sozialistische Ziele verdrängt, der Sozialstaat wurde erklärtes Ziel. SPD und Gewerkschaften ‚verbürgerlichten‘. Linker Keynesianismus ersetzte den Marxismus: die Arbeiterklasse partizipiert an den ökonomischen Erfolgen des Kapitalismus, sie hebt sich damit als Klasse auf, wird zum Sozialpartner. Auf diese Situation antwortet Kofler mit seiner Schrift Marxistischer oder ethischer Sozialismus (die er später, 1964, in seinem Buch Der proletarische Bürger in einen größeren theoretischen Zusammenhang stellt) und 1960 mit seinem Buch Staat, Gesellschaft und Elite zwischen Humanismus und Nihilismus, auch als Marxistische Staatstheorie erschienen. Den zunehmenden Wohlstand kritisiert Kofler als eine neue Form realer Verelendung. „Die Existenz oder Nichtexistenz des proletarischen Pauperismus entscheidet sich in keiner Weise durch die Lohnhöhe des Arbeiters. Sie kann im Gegenteil, wie wir zeigten, unter den menschlich deformierten Bedingungen des kapitalistischen Lebens gerade dann zum Anlass für eine vertiefte Entleerung, Verflachung und Vermaterialisierung des Bewusstseins und des kulturellen Genusses […] werden, wenn sie sich verbessert“.[17]
Kofler analysiert die moderne Industriegesellschaft als nach wie vor repressive Klassengesellschaft; er weist nach, dass im Bewusstsein des Arbeiters der klassengesellschaftliche Antagonismus als solcher wie je gültig ist. Für Kofler ist die sich in Resignation und Praxisabstinenz äußernde Unfähigkeit der Arbeiterklasse zum politischen Handeln nicht dadurch verursacht, dass der Arbeiter verbürgerlicht ist, sondern seine Organisationen in das herrschende System integriert sind, was sich äußert im herrschenden theoriefeindlichen Praktizismus von tagespolitischer Beschränktheit im Denken und Handeln der Funktionäre. „Die zielgerichtete Idee bleibt formell weiterbestehen, hat aber keinen oder nur geringen Einfluss auf die praktische Arbeit […], das Ziel wird immer mehr zu einem bloß ästhetischen ‚Bekenntnis‘, um schließlich in einem starren Gegensatz zur ‚Praxis‘ und ‚Taktik‘ zu geraten. Es verschiebt sich unversehens, indem aus der anfänglichen Herrschaft der Praxis über die Wirklichkeit die Herrschaft der Wirklichkeit über die Praxis wird und […] der ‚Praktiker‘ selbst zu einem abhängigen Element einer Wirklichkeit wird, die zu verändern er auszog. Es tritt dann gewöhnlich jener Zustand ein, in welchen zuerst schamhaft und dann offen ein starkes Bedürfnis nach Reform der ‚Theorie‘ sich bemerkbar macht, in seiner unechten Veranlassung erkennbar daran, dass ihm jede schöpferische Kraft fehlt und es nur geeignet ist, den Prozess der Unterwerfung unter die kapitalistische Umgebung in der Gestalt der Bürokratisierung zu erleichtern.“[18] Aus diesem Zusammenhang heraus entwickelt Kofler die Notwendigkeit einer progressiven Elite, die in das Potential von Gesellschaftsveränderung innerhalb der vorhandenen Klassenstruktur einzuwirken hat.[19]
Zunehmend beschäftigt sich Kofler mit der Analyse der ideologischen Integrationsprozesse, weil sich durch sie die spätkapitalistische Praxis erst konstituieren kann. Innerhalb dieser Problematik rezipiert Kofler als einer der ersten Herbert Marcuse.[20] Im Zusammenhang mit dem Problem der Entfremdung und der Verdinglichung untersucht er die bürgerliche Elite, das Kleinbürgertum, das Proletariat vor allem in Staat, Gesellschaft und Elite; Vermaterialisierung im Konsum, Repression in erotischer Befreiung, Vermassung in der Versubjektivierung, vor allem im 1967 erscheinenden Buch Der asketische Eros; die Manipulation des Gewissens, vor allem in Perspektiven des revolutionären Humanismus von 1968; die Ideologie von der Herrschaft technologischer Rationalität in Technologische Rationalität im Spätkapitalismus von 1971; das nihilistische Menschenbild vor allem in Technologische Rationalität im Spätkapitalismus und in seinem 1973 erscheinenden Buch Aggression und Gewissen.
Seine ideologiekritischen Untersuchungen erstrecken sich schließlich auf die Kunst spätbürgerlicher Gesellschaft, neben der Malerei wird vor allem die Literatur Untersuchungsgegenstand. Im Anschluss an Lukács sind für Kofler avantgardistische, existentialistische und absurde Literatur ästhetische Ideologie als Schein bürgerlichen Bewusstseins. Insofern ist diese Literatur, gerade weil sie unvermittelt, subjektiv originell sein will, bloß naturalistisch; sie unterliegt dem verdinglichten Schein, ist deskriptives Alltagsbewusstsein von Allem oder willkürliche Konstruktion des Nichts. Kunst verflacht zur Komik, wo sie Ironie sein sollte. Literatur wird zur Pathologie, in der es keine zur Geschichte vermittelte persönliche Entwicklung mehr gibt. „Der Verlust der künstlerischen Naivität [die anthropologisch-soziologische Ganzheit des Menschen in der künstlerischen gestalteten Institution, d.V.] ist die eigentliche Tragödie der modernen Literatur. Die Ersetzung der Naivität durch die dekadente Vereinseitigung und Verzerrung der Wirklichkeit nach unten oder nach oben, d.h. entweder zum Brutal-Oberflächenhaften der untersten, triebhaften Stufen des Lebens oder zur Sphäre der rein ‚Innerlichen‘ hin, ist ein großer ästhetischer Verlust.“[21]
Gegenüber der nihilistischen Kunst entwickelt Kofler Kategorien der realistischen Kunst, die neben der Wissenschaft eine Erkenntnis durch ästhetische Form ist, die Wahrheit beansprucht, sofern das Ganze des Menschen in seiner dialektischen anthropologisch-soziologischen Totalität gestaltet wird. In diesem Zusammenhang stellt Kofler klar, inwiefern die entscheidenden ästhetischen Kategorien bei Lukács eben nicht dogmatisch, wie – so Kofler – Adorno diesem ignorant unterstellt, sondern dialektisch aufzufassen sind: ästhetische Form, Widerspiegelung, Realismus, Klassik, Normalität, Ironie, Parteilichkeit, Dekadenz. Kofler kann in seiner kategorialen Analyse Missverständnisse aufklären, weil er, über Lukács hinaus, anthropologische Kategorien zugrunde legt, von denen aus allein sinnvoll über ästhetische Kategorien zu sprechen sei.
Die Anthropologie nun überhaupt wird innerhalb der theoretischen Entwicklung Koflers immer expliziter zum entscheidenden Denkansatz. Seit Staat, Gesellschaft und Elite (1960) erarbeitet er anthropologische Kategorien, die er als Kategorien eines dialektischen Humanismus begreift. In allen danach veröffentlichten Büchern arbeitet er an einer marxistischen Anthropologie bis hin zu Aggression und Gewissen, das er als vorläufige Grundlegung einer anthropologischen Erkenntnistheorie versteht. Anthropologie ist für Kofler notwendig, weil er ohne sie angesichts der in allen Klassen wirkenden Ideologie menschlicher Absurdität marxistisch sinnvoll gar nicht mehr argumentiert werden kann. Auch für die Anthropologie gilt die für Kofler immer entscheidende Kategorie der dialektisch verstandenen Totalität menschlichen Seins. Sie ist hier „die Einsicht in die Verwirklichung des in der dialektischen Einheit von Eros und Tun sich manifestierenden Spiels“.[22]
Diese Anthropologie ist vielleicht der sichtbarste Ausdruck für Koflers Kontroverse mit der Frankfurter Schule. Ein Beispiel mag Inhalt und Form der Kontroverse verdeutlichen. Der Adorno-Schüler Karl Markus Michel reagiert in seiner Rezension höhnisch-aggressiv auf Koflers Zur Theorie der modernen Literatur, im Besonderen eben auf Koflers anthropologische Kategorie des ganzen Menschen, die für den Begriff des Realismus wesentlich wird. Was Kofler lächerlich machen soll, ist die Vorstellung „von naturfroher Ungebrochenheit und Humanismus-Schwärmerei Feuerbachscher Prägung“. Die nun auch von Michel bei Marx nicht zu übersehenden anthropologischen Ausführungen werden einfach zur Unverbindlichkeit frühen Denkens erklärt: „Sehr bald aber verschwindet diese abstrakte romantisierende Anthropologie aus den Schriften von Marx und Engels“, hätten sie sich abgesetzt vom „romantisierenden Kultus des wahren Menschen“, und „statt über das Paradies auf Erden zu spekulieren“, habe „Marx die möglichen Bedingungen konkreter Freiheit“ untersucht.[23]
Dieser Gegensatz ist aus der Perspektive der Anthropologie Koflers willkürliche Konstruktion. Michel versteht nicht, dass es um die ‚erkenntnistheoretische‘ Problematik von Freiheit geht, das heißt, dass auch der Begriff der ‚konkreten Freiheit‘ als ein anthropologisch vermittelter zu verstehen ist, über dessen Möglichkeit überhaupt sich der Marxist erst einmal Rechenschaft zu geben hat, und das eben geschieht notwendig ‚abstrakt‘, was für Michel notwendig Romantisierung ist. Bei Marx lässt sich diese Vermittlung in den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie eingehend studieren. Die Kategorie des ganzen Menschen ist nicht schon deshalb abstrakt romantisierende Spekulation, weil es notwendig ist, die „möglichen Bedingungen konkreter Freiheit“ zu untersuchen. Der Begriff der „konkreten Freiheit“ vielmehr wird zur Phrase, die nicht einmal mehr romantisierend ist, wenn er erkenntnistheoretisch nicht überprüft wird. Für Michel ist die Anthropologie des ganzen Menschen Naivität, weil er naiv von der Prämisse ausgeht, dass das Ganze, weil es das Ganze ist, totalitär ist. Wenn also Kofler den ganzen Menschen als Kategorie verwendet, dann kann er, so Michel „mit Marx (der sich gegen die undialektische und unsoziologische Position wendet), nur die Flucht in die Bauernidylle“ wollen, weil der Glauben bestehe, dass in ihrem regredierten Naturzustand der „Zwiespalt von Leben und Glück“ dort nicht bestehe. Weil Michel nun Kofler mit dieser dem jungen Marx unterschobenen romantisierenden Abstraktheit identifiziert, die dann also als Gegensatz zur konkreten gesellschaftlichen Analyse verstanden wird, kann Michel formulieren: „Dass Kofler sich als Marxist ausgibt, braucht niemanden zu stören; er ist keiner.“ Allenfalls wird ihm zugestanden, „Vulgärmarxist“ zu sein.[24]
Kofler antwortet auf diese ihm umgehängte ‚rote Schürze‘ u.a. mit dem Kapitel „Schwarz-rot karierte Dialektik“ in seinem Buch Abstrakte Kunst und absurde Literatur 1970: „Dagegen führt die vulgärdialektische Missachtung solcher anthropologisch wie vorgeschichtlich begründeten Erinnerungen und utopischen Wunschbilder in das bare nihilistische Verneinungs-Philistertum, das nur dem Geltung zuspricht, was sich mit dem sensus materialis im Sinne der flachsten Widerspiegelung erfühlen lässt. Ihre Aufhebung geht zweifellos über den Aufweis ihrer Widersprüche und über ihre Kritik, aber nicht über deren Ersetzung durch bürgerlich-nihilistische Utopien und Wunschbilder von der grundsätzlichen Unüberwindbarkeit der Klassengesellschaft, worauf letztlich das Misstrauen gegen die humanistische Frage nach dem ‚Sinn der Welt‘ hinausläuft.“[25]
Gegen die auch in diesem Zusammenhang von Kofler vertretene These der ‚Dekadenz‘ moderner Literatur formuliert Michel: „Moderne Literatur im strengen Sinn ist weit radikaler, als Kofler glaubt. Sie verzichtet nicht nur auf ideologischen Trost, sie zerstört ihn. Deshalb wird sie gescholten. Sie lehnt es ab, mit der heutigen Welt zu paktieren, sie steht gegen sie, steht geradezu außerhalb von ihr, außerhalb ihres Raumes und ihrer Zeit, außerhalb auch ihrer Erinnerungen und Wunschbilder. Die Verneinung einer Welt, die sich noch immer bemüht, diese Erinnerungen und Wunschbilder zu behalten, um damit die Wüste zuzudecken, ist der einzig legitime Ausdruck literarischer Opposition heute, ein humanes Aufbegehren – nicht in der Absicht zu belehren oder zu verbessern, zu trösten oder etwas vorzugaukeln, sondern eine Poesie zu erschaffen, wie Beckett sagt, ‚die das Nichts durchschritten hat und in einem neuen Raum einen neuen Anfang findet‘.“[26] Dagegen wirft Kofler Michel vor, ästhetische Regelhaftigkeit als dialektisch-humanistische nicht zu verstehen, „weil er in Frankfurt gelernt hat, Realismus mit vulgärer sensualistischer Widerspiegelung oder was dasselbe ist, mit Naturalismus zu verwechseln. Die Schule ist nicht zu verkennen. In seinen Noten zur Literatur verteidigt Theodor W. Adorno die absurde Roman- und Theaterkunst, weil sie ‚gerade das Grauen ohne Kompromiss verkörpert‘ und damit ‚der Freiheit dient‘. Seine ‚kontingente‘, das bedeutet die Wirklichkeit von der Möglichkeit abstrakt trennende Dialektik verleitet ihn dazu, zu übersehen, dass die zur bewegten und widerspruchsvollen Totalität nicht vermittelte nackte Darstellung des Grauens die verzweifelte Abfindung zum Unvermeidlichen erhebt und deshalb der Unfreiheit dient.“[27]
Die in dieser Kontroverse, die hier nur zum kleinen Teil vorgestellt werden kann, wirkenden gesellschaftlichen und ideologischen Probleme werden aber zu konkreten Problemen in Koflers Leben selbst. Als Kofler 1954 an der Universität in Frankfurt am Main durch Initiative der Sozialistischen Hochschulgemeinschaft eine Vorlesung halten kann, fordern die sozialistischen Studenten, ihn an eine Hochschule des Landes Hessen zu berufen. Auch innerhalb des linken Flügels der SPD-Landtagsfraktion wird dieser Plan befürwortet. Das Kultusministerium taktiert hinhaltend: ein Lehrstuhl an einer Pädagogischen Hochschule sei zwar frei, doch könne Kofler eine solche Stelle nicht zugemutet werden. Ein Lehrauftrag in Frankfurt wird als Zwischenlösung angeboten – Adorno verhindert durch seinen Einfluss allein eine Berufung Koflers. Der kritische Alleinvertretungsanspruch wird persönlich.[28] Rücksichtslos trifft Kofler der gelehrsam verfügte Bannstrahl des Totschweigens. Wohl werden seine Bücher in den sechziger Jahren gedruckt, aber in der wissenschaftlichen Diskussion nicht hinreichend rezipiert: perfekt arrangierte Eindimensionalität.
Kofler veröffentlicht 1962 sein Buch Zur Theorie der modernen Literatur, in dem Adornos Kritik an Lukács (Wider den missverstandenen Realismus) als völliges Missverständnis deutlich gemacht wird. Einer öffentlichen Diskussion der verschiedenen Standpunkte weicht Adorno aus, und zwar, wie Adorno an Kofler schreibt, wegen eines „verhängnisvollen Dogmatismus, den Sie, so will mir scheinen, beibehalten haben, obwohl Sie so bitter erfahren haben, wohin er in der Praxis führt“.[29] Die öffentliche Auseinandersetzung mit Kofler überlässt Adorno dem Rezensenten K.M. Michel; gegen [Friedrich] Tomberg, mit dessen Kritik an Adorno in „Utopie und Negation“ Kofler übereinstimmt, schreibt seine Schülerin Michaela von Alth.[30] Während Adorno gegen den großen Lehrer Lukács wenigstens öffentlich polemisieren muss: „Bei all dem bleibt das Gefühl von einem, der hoffnungslos an seinen Ketten zerrt und sich einbildet, ihr Klirren sei der Marsch des Weltgeistes“,[31] soll dessen Schüler Kofler an die Kette der hoffnungslos klirrenden Ignoranz gebunden werden.
Günter Maschke schreibt 1972 zum 65. Geburtstag Leo Koflers: „sieht man sich die Veröffentlichungen der Autoren der Frankfurter Schule nach Hinweisen auf den Mann an, der beansprucht, in der kritischen Gesellschaftstheorie der BRD die Gegenposition zu vertreten, wird man enttäuscht: Leo Kofler, der wiederholt die Frankfurter Schule, sei es mit guten, sei es mit schwachen Argumenten, keineswegs aber mit denen der bürgerlichen Soziologie angriff, existiert für die von ihm Herausgeforderten nicht; was einer bestimmten ideologischen Präpotenz entspricht. Höchstens in den Arbeiten jüngerer Theoretiker taucht sein Name hier und da auf. Dies stimmt umso verwunderlicher, als Kofler unter den älteren Autoren Westdeutschlands als einziger den Titel eines marxistischen Gesellschaftstheoretikers für sich in Anspruch nehmen kann.“[32] Das ist aber so verwunderlich nicht. Was Kofler analysiert, trifft ihn selbst. Die vielen, die seine Schüler sein könnten, leben, was er kritisierend lehrt. Weil ihr Pessimismus ihre ‚Anständigkeit‘ geworden ist, belächeln sie seinen optimistischen Humanismus als wissenschaftliche Unanständigkeit. Brecht hat dafür eine Geschichte geschrieben: „Herrn K. wurde vorgehalten, bei ihm sei allzu häufig der Wunsch Vater des Gedankens. Herr K. antwortete: ‚Es gab niemals einen Gedanken, dessen Vater kein Wunsch war. Nur darüber kann man sich streiten: Welcher Wunsch? Man muss nicht argwöhnen, dass ein Kind gar keinen Vater haben könnte, um zu argwöhnen: die Feststellung der Vaterschaft sei schwer.‘„[33]
Norbert Hruby: Ein Porträt Leo Koflers (1977)
Von Leo Kofler, dem Bürgerschreck eines belesenen Publikums, stammt das Wort einer bundesrepublikanischen Saustallgesellschaft. Unmut von links an einem von Wirtschaftskrisen gebeutelten westdeutschen Alltag, wo Krisenmanagement den Sozialismus zu ersetzen trachtet. Leo Kofler, Ehrenbürger des Landes Wien und seit seiner Wiener Emigration 1938 auf der Odyssee durch die Schweiz, die DDR und die Bundesrepublik, bis er sich in den fünfziger Jahren in der Rheinmetropole Köln niederließ, will sich damit nicht abfinden. Er wurde zum engagierten Kritiker eines geteilten Deutschlands. Am 26. April [1977] wurde der Sozialist und Kreisky-Freund 70 Jahre.
Die Keimzelle philosophierenden Denkens ist sein neues Heim in der Ferdinand-Lassalle-Straße geworden, in der er nur deshalb wohnt, wie die Studenten des Soziologieprofessors an der Universität Bochum ulken, weil es in Köln keine Karl-Marx-Straße gibt. Würde man seine Schriften nicht kennen, hielte man den kritischen Gesellschaftstheoretiker und Geschichtsphilosophen – verfemt im Osten, gelitten, aber nicht anerkannt im Westen – in der Tat für einen Bürger im Sonntagskleid. Seine Selbstdarstellung ist überzeugend sozialistisch, seine Wohnweise bürgerlich: Der reputierliche Schrank vergangener Jahrhunderte, das ästhetisch geschickt zusammengestellte Büffet von seiner Frau Ullchen, für die Gäste Gebackenes zu schwarzem Kaffee in Meißener Porzellan, das alternde Enfant terrible beim Abtrocknen des Geschirrs. Ob sich wirklich der gegen ihn erhobene Vorwurf des „Salonmarxismus“ auf die tragende Bedeutung der wirklichkeitsverändernden Kraft von Bewusstsein und Selbstreflexion bezieht, wie er es sieht, oder nicht doch auf seinen ganzen, fast bürgerlichen Habitus des Wohnens, ja der Genüsslichkeit schlechthin, wie es seine Gegner meinen?
Andererseits ist Kofler auf der Suche nach dem Gespräch mit dem Mann auf der Straße. Wenn auch mit Männern seines Alters; er nun siebzig, seine Gesprächspartner auch nicht jünger, also Rentner. Das mögen seine Studenten kennen, vielleicht auch schätzen. Er selbst braucht es, weil – Kofler über Kofler – er auch Empiriker ist. Dem Volk aufs Maul schauen, wenn auch nicht so sprechen. Die Alltäglichkeit „studieren“, die Unmittelbarkeit des Empirischen in ihrer Sinnlichkeit erleben, sich von ihr affizieren lassen, aber bei aller Affirmation ihr doch den Schein abringen und das Wirkliche: Strukturen, Haupttriebkräfte des Gesellschaftlichen, enthüllen.
Angefangen hat es eigentlich mit einer den Professor Kofler amüsierenden Parallele zu einem der ganz Großen des deutschen Idealismus. Hegel ist ein Dummkopf in der Philosophie, hieß es in dessen Gymnasialzeugnis. Leo Kofler wurde zwar nicht die Dummheit, wohl aber seine mangelhaften Geschichtskenntnisse zum Verhängnis. Zweimal fiel der vom Vater gescholtene „Taugenichts“ auf der Handelsakademie in Wien in Geschichte durch, scherte sich freilich wenig darum, „die Handelsakademie schien mir ohnehin zu nahe dem Wucher“, und hörte gegen den Willen seiner Eltern – jüdische Großgrundbesitzer in der polnischen Ukraine, die zu Beginn des Ersten Weltkrieges in der größten Armut nach Wien flohen und ihrem Sohn geboten, einen kaufmännischen Beruf zu lernen – bei Max Adler als Schwarzhörer Vorlesungen an der Wiener Universität bis zu dessen Absetzung im Jahre 1934.
Daneben war er von 1930 bis 1934 Referent der Wiener Bildungszentrale für Jugendorganisation in Wien, wo sich seine bewusste Trennung von der dogmatischen jüdischen Religiosität zum bewussten Atheismus vollzog und er seinen Sensus für Geschichte schärfte. Schließlich übte er sich, Formalitäten verachtend, nebenbei als Gasthörer an der Wiener Kunstakademie in Aktzeichnungen. Alles in allem nicht spießig mit festgelegtem Ziel, vielmehr vagabundisch wie ein Heimatloser im Sammelbecken abgewirtschafteter Vielvölkerpolitik. Denn das war Wien wohl während und nach dem Ersten Weltkrieg.
Der Vagabund und Autodidakt ohne abgeschlossene Bildung oder Beruf, Vorlesungsskripten im Ranzen und vom Vater ohne Absender nachgeschickt, emigrierte 1938 für neun Jahre in die Schweiz. Seine zurückgebliebenen Eltern hat er nie mehr gesehen. Der Arbeitsdienst für heimat- und mittellose Emigranten nahm ihn auf, brachte ihm ein bürgerliches Handwerk, die Schusterei, bei, und sieben Jahre lang den Straßenbau. Der Alltag prägte ihn, grub seine Schwielen wie Spuren in den Arbeitsdienstler, aber auch seine Bedrohung. Die Wissenschaft von der Gesellschaft, geschrieben, nicht aber veröffentlicht unter dem Namen seines Autors, erschien. Stattdessen stand da als Pseudonym der Name des polnischen Widerstandskämpfers Stanislaw Warynski auf dem Rücken eines Buches, welches bis heute in vierter Auflage erscheint, berücksichtigt man einmal nicht die Zahl der Raubdrucke.
Eines Buches auch, für das der vierzigjährige Kofler – immer noch Autodidakt – 1947 im anderen Deutschland die Doktorwürde der Universität Halle in Philosophie erhält. Heute schmeichelt es ihm, dass er sein Rigorosum vor versammelter, „damals noch bürgerlicher“ Fakultät ablegte. Ein Novum fast in der Geschichte der Promotionen, dass einem Autodidakten eine solche Auszeichnung zuteil wurde. Jedenfalls hielt es die Fakultät für würdig, seine Leistungen in die Doktorurkunde aufzunehmen. Erst hinterher, nachdem der so geehrte Doktor der Philosophie den nächstbesten Studenten nach der Bedeutung der latinisierten Benotung summa cum laude fragte, wusste er, dass er „mit höchstem Lob“ examiniert worden war. Das Akademische gerät in den Blick. Nicht, dass Kofler selbst darauf drang. Er versichert: „Das Ministerium drängte mich. Sie brauchten offensichtlich vertrauenswürdige sozialistische Professoren, als der ich erschien.“ Kurz, schon nach der Hälfte der akademischen Wartezeit von damals zwei Jahren zwischen Promotion und Habilitation legte der promovierte Philosoph seine schon während des Schweizer Arbeitsdienstes begonnene Habilitationsschrift auf den Tisch des Dekans: Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Im gleichen Jahr, 1948, erhielt Kofler in Halle eine Professur für Geschichtsphilosophie – bei bestem studentischem Zulauf seiner Vorlesungen, und wenig später das Direktorat des [Seminars für mittlere und neuere Geschichte].
So unaufhaltsam der Aufstieg des Autodidakten zum Professor und Institutsleiter auch war, so schwindelnd war sein Fall. Die Kontroversen mit der ostdeutschen Bürokratie häuften sich. Koflers Habilitationsschrift wurde auf Idealismen hin untersucht, seine Vorlesungen verboten, er selbst als Trotzkist verdächtigt. Zu jener Zeit der Hochblüte des Spätstalinismus ein fürwahr lebensgefährlicher Vorwurf. 1950 kam er seiner Relegierung aus der SED zuvor, kündigte die Mitgliedschaft unüblicherweise selbst und verließ seine Wahlheimat, viel früher noch als Hans Mayer oder Ernst Bloch. Seine Frau Ursula, die er 1948 in Halle kennengelernt hatte, folgte nach wahrhaft mönchischer Arbeit. Die gesamten 230 Seiten seines inkriminierten dritten Buches Geschichte und Dialektik schrieb die Lehrerin mit der Hand ab, um die Arbeit vor Archiv und Versenkung zu bewahren. Möglich, dass der Sozialismus des Sozialismus größter Feind ist oder dass der DDR-Bürokratismus das Leben seiner Bewohner kafkaesk verbürokratisiert. Kofler hat ein eigenes Buch über Stalinismus und Bürokratie geschrieben, auch über Marxistischen oder stalinistischen Marxismus, allerdings, wie es die Zeit gebot, wieder unter Pseudonym als Jules Dévérité, zu deutsch: von der Wahrheit. Trotzdem hält er, Biermann ähnlich, die DDR für den besseren, weil zukunftsoffeneren Teil Deutschlands, wenn er selbst auch dort zur Persona non grata erklärt wurde.
Dem Westen jedenfalls war Kofler nicht weniger suspekt. In Berlin, seiner ersten Station, wollte man ihn nicht einmal am Aufbau teilnehmen lassen. Ein sozialistischer Doktor, den Professortitel verschwieg er, mit Hammer und Kelle? Undenkbar! Alles, was er erreichte, war, dass man ihn Nachtwache schieben ließ; bis beide sich elf Jahre lang in der Renaissance des Kalten Krieges im Herzen Kölns am Brüsseler Platz in einer 20-Quadratmeter-Wohnung einquartierten – mittellos, unterbeschäftigt, seine Frau in einer Schilderwerkstatt, Kofler Heimschriftsteller und immer noch gemieden. Allein an der Kölner Volkshochschule, an der er jetzt seit 25 Jahren kontinuierlich Vorlesungen hält, fand er offene Ohren und bei seinen vielzitierten Gesprächen mit dem Mann auf der Straße.
Immer noch die halbe Wahrheit. Da gibt es das professorale, überheblich Anmutende, wenn er, inzwischen (seit 1972) Professor der Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum, davon spricht, er sei der Arzt, der einfache Mann der Patient, der Mann kann allein gar nichts, nur der Intellektuelle vermag es, dem proletarischen Elend, der gesellschaftlichen Entfremdung aller arbeitenden Schichten zur Hoffnung ein Ziel hinzugeben. Darin unterscheidet sich Kofler von Herbert Marcuse, dem Theoretiker des Subproletariats. Marcuse abstrahierte in der Rede von der gesellschaftsverändernden Kraft durch die Ärmsten der Armen von der Notwendigkeit, den Arbeiter in seiner Ganzheit anzusprechen. Der Irrtum Marcuses bestehe darin zu glauben, wo die Entrechtung am größten ist, da entsteht auch die gewaltigste Empörung. „Als wenn nicht gerade die Tendenz zur Kopie gutbürgerlicher Lebensweise durch alle sozialen Schichten geht und Spontaneität total unterdrückt, gerade in den untersten.“ Nein, Kofler setzt auf das „Hyperproletariat“, auf die gebildeten Revolutionäre aus Kleinbürgertum und Bürgertum. Im Grunde glaubt er an die Macht radikaler Aufklärung. Denn wenn auch die technologischen Bedingungen unserer hochentwickelten Industriegesellschaft durchaus Wohlstand für alle Menschen hervorbringen könnten – darin stimmen Kofler und Marcuse überein –, die bewusstseinsmäßige, ideologische Befangenheit seiner Produzenten selbst ist es, die dies verhindert.
Die Existenz einer sogenannten nivellierten Mittelstandsgesellschaft, wie sie sich in der Literatur konservativer Soziologie der sechziger Jahre breitmachte, ist für den Soziologieprofessor Kofler also ein wissenschaftlicher Mythos. „Schauen Sie sich doch den Arbeiter in seiner Erbärmlichkeit an. Wie proletarisiert er ist, welchen spezifischen Sprachduktus er spricht. Seine Abgeschnittenheit von der Kultur, die ganze armselige Atmosphäre und Bedrücktheit seines Wohnens, die von übermäßiger Arbeit gekennzeichnete Physiognomie des Leibes. Während Bürger eine Kunstfertigkeit des ganzen Lebens kultivieren, einer Frau anders begegnen, Mätressen für sich anwerben, misslingt dem Arbeiter die Nachahmung total. Nur, dass das Misslingen beim Arbeiter Minderwertigkeitsgefühle kollektiver Art schafft, während es beim betroffenen Kleinbürger aus persönlichem Versagen begründet wird.“ Aber trotz aller Beschränktheit seiner Lebens- und Arbeitsweise sieht Kofler des Arbeiters eigenartigen Hang zum Utopischen. Wo sich Kleinbürgers Utopie losgelöst vom Technischen bewegt, antizipiert der Arbeiter tagträumerisch die Aneignung technologischer Möglichkeiten. Die Sehnsucht nach weitläufiger, totaler Freiheit steht dabei unter Voraussetzung einer hochentwickelten Technik. In diesem Sinne gewinne der „Prolet“ objektive Erkenntnis des unmittelbar Gegebenen. Wenn er auch selbst über Tagesziele nicht hinauskommt.
Gewiss, Antizipation, die aufs Ganze geht, bedarf auch bei Kofler einer avantgardistischen Parteiorganisation. Selbst die mögliche Bedrohung durch neue Elitenbildungen oder Etablierung einer rigiden Parteiorganisation sind ihm nicht das eigentliche Problem – Bürokratie sterbe im Sozialismus mit fortschreitender Entwicklung ohnehin ab –, sondern die „Ersetzung der Aufklärung der Bevölkerung durch ihre Liquidierung: die vollkommen überflüssigen Massentötungen im stalinistischen Russland der dreißiger Jahre“. Ja, er gesteht sogar zu, dass der Sozialismus Ost mit der ČSSR-Intervention statt „zwei Schritte vor, ein Schritt zurück“, wie es Altdialektiker Lenin prophezeite, gerade umgekehrt verlief, auch die demoralisierende Wirkung der bürokratischen Barbarei der DDR auf Biermanns Auftritt in Köln. „Oder glauben Sie etwa“, werden wir zurückgefragt, „dass ich in dieser Sache im nächsten halben Jahr die DDR öffentlich verteidigen kann?“
Aber wenn ihn auch Linke in Ost und West „das ganze Leben enttäuscht haben“, Leo Kofler ist Sozialist geblieben – ein Sozialist allerdings auch, der die „Kinderkrankheiten des Kommunismus“ (Lenin) in eigentümlicher Weise verleugnet, glaubt er doch immer noch, dass der Sozialismus seinem Ziel einer wahren demokratischen Gesellschaft näher käme über Fraktionierung innerhalb einer Einheitspartei statt über die Einführung eines parlamentarischen Mehrparteiensystems, dass „bürgerliche“ Redefreiheit jetzt im Osten eingeführt, die Zukunft des von ihm erhofften Sozialismus gefährde und dass in der Tat dem einzelnen drüben die Möglichkeit politischer und individueller Selbstverwirklichung „auf lange Sicht“ gegeben ist. Und hier nicht. Kein Zweifel, die Zukunft des Ostens ist die des Westens, östlicher Humanisierung wird westliche Humanisierung folgen, also ex oriente lux und nicht umgekehrt. Vielleicht glaubt es der siebzig Jahre alt gewordene Mann aber auch nur, weil er die Macht der Hoffnung und Bedürftigkeit für stärker hält als die normative Kraft des Faktischen.
