Robert Steigerwald: „Der Kofler ist ein Feind, sagte ich mir“
Da ist er nun also gestorben, der gute alte Genosse und Freund – für mich war beides nicht identisch! – Leo Kofler, und es drängen sich Erinnerungen auf an Begegnungen, die ich mit ihm haben durfte. Dabei war die erste Begegnung gar keine, aber der Vorgang ist erwähnenswert wegen des geistigen Klimas, in dem sich das vollzog, was ich erste Begegnung mit Leo Kofler nennen möchte. Das war an der Parteihochschule der SED im Jahre 1949. Ich studierte dort. Ein Genosse auf meinem Zimmer hatte ein Buch in seinem Regal, das von dem mir damals unbekannten Leo Kofler verfasst worden war und Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft hieß. Das Thema interessierte mich sehr, ich blätterte im Buch, doch ich erfuhr auch, es gebe ideologische Vorbehalte gegen den Autor. Damit war das Buch erledigt: Mit Revisionismus, wenn nicht gar Schlimmerem, befasste sich ein Student der SED-Parteihochschule nicht! Als Kofler dann auch noch 1950 die DDR verließ, also zum „Feind“ geworden war, schien dies eine Bestätigung unseres auf Distanz-Gehens zu ihm.
Und die folgende Begegnung? Sie fand in Frankfurt/M. statt. Ich war damals im Sekretariat der hessischen KPD-Organisation für die ideologische Arbeit zuständig. Und an der Frankfurter Universität trat Kofler mit einer Vorlesungsreihe auf. „Marxistischer oder stalinistischer Sozialismus?“, so ungefähr lautete ihr Generalthema. Keine Frage, da musste ich hin, den „Feind“ stellen. Kofler referierte. Ich war erstaunt, wie er während des Vortrags Bernhard Koenen schilderte, jenen Parteigewaltigen in Halle, mit dem er, Kofler, zusammengerannt war, was den unmittelbaren Anlass zu seiner Republikflucht abgegeben hatte. Es wäre völlig verständlich gewesen, hätte Kofler diesen Mann schlechtgemacht. Das tat er nicht. Ja, er schilderte ihn als engstirnig, heute würde ich sagen dogmatisch, aber zugleich hob er die einfache Lebensart des Genossen, seine Arbeitswut hervor, der, als „König“ in diesem DDR-Bereich, den Dienstwagen nur zu dienstlichen Zwecken, ansonsten die Straßenbahn oder Reichsbahn benutze usw. usf. Kein Wort von Hetze war zu hören.
Macht nichts, sagte ich mir, der Kofler ist ein Feind, du musst ihn jetzt hier, vor all diesen jungen Sozialisten, die ihm mit höchster Sympathie zuhörten, „stellen“. Also trat ich an: „Ich bin ein Stalinist!“, begann ich – ich war es nicht, als ich der KPD beitrat, es bedurfte schon einiger innerer Kämpfe, ehe ich es wurde, aber dann war ich es auch. Es folgte ein längerer Diskussionsbeitrag, den Inhalt habe ich natürlich vergessen. Aber wie reagierte Leo Kofler? Empört, wütend, aggressiv? Nichts dergleichen. Er antwortete, ruhig, mir kam es vor, als befände er sich in der Defensive, vielleicht, weil er so etwas nicht erwartet hatte.
Noch mehr aber war ich erstaunt, als wenig später diese Vorlesungsreihe unter der Überschrift Marxistischer oder ethischer Sozialismus? gedruckt erschien. Darin kam der Stalinismus nicht mehr vor (das Thema wurde in einer anderen Veröffentlichung Koflers abgehandelt). Er richtete sein Hauptfeuer gegen den neukantianischen Revisionismus der Sozialdemokratie. Und an einer Stelle des Buches, in einer Fußnote, befand sich eine mehr pauschale Kritik an den Marxismus-Kritiken des Jesuiten Wetter und des Dominikaners Bochenski.
Monate später, der KPD-Verbotsprozess hatte begonnen, ich nahm daran teil. Angekündigt war, dass die Bundesregierung [Gustav] Wetter oder [Joseph M.] Bochenski in Sachen „Marxistische Theorie“ als Zeugen auftreten lassen wollte. Ich hatte mir beider Bücher beschafft und den Eindruck gewonnen, dass ich nicht imstande gewesen wäre, ihre Marxismus-Kritiken gründlich zu widerlegen – zu primitiv war der Philosophie-Unterricht an der Parteihochschule der SED gewesen. Und da hatte ich einen abenteuerlichen Einfall. Ich schlug unserer politischen Führung (den Genossen Walter Fisch, Fritz Rische, Jupp Ledwohn und Karl Schabrod) vor, nach Köln zu fahren, zu Leo Kofler, um ihn zu fragen, ob er, falls Wetter und Bochenski gegen uns ins Feld geführt würden, dazu bereit sei, ihnen in den Fragen der marxistischen Theorie entgegenzutreten. Es wurde zugestimmt, ich fuhr nach Köln.
Leo wohnte in einer kleinen Mansardenwohnung, er schlug sich mühevoll durchs Leben. Die Päpste der Frankfurter Schule, Horkheimer mehr noch als Adorno, hatten ihre Beziehungen zu den Amerikanern benutzt, Kofler eine Professur zu verweigern (Kofler war ja stets ein „Parteigänger“ der Konzeptionen von Georg Lukács, den die „Frankfurter“ regelrecht hassten). Ich trug ihm – der sich der Frankfurter Begegnung genau erinnerte – unser Anliegen vor, gespannt seine Reaktion erwartend. Die war so: „Ich bin staatenlos. Wenn ich für Euch auftrete, verliere ich meine Aufenthaltserlaubnis. Aber wenn es sein muss, so komme ich!“ Nach allem, was dem Manne widerfahren war, eine fast unglaubliche Reaktion. […] Wir wurden Freunde, haben bei mancher öffentlichen Veranstaltung – ich erinnere mich da etwa an Tübingen, wo wir gemeinsam gegen den Antikommunismus-Experten der FAZ, Otto A. Maetzke, standen – am gleichen Strang gezogen.
Eine letzte Begegnung, die im wörtlichen Sinne auch wieder keine war, will ich noch erwähnen. Ich war damals Chefredakteur der Marxistischen Blätter. Leo wurde achtzig. Wir wollten ihn mit einem Beitrag aus seiner eigenen Feder würdigen. Den schrieb er uns auch, zusammen mit einem Brief. Ich erinnere mich noch sehr genau einer Formulierung: „Wer weiß, wenn ich neunzig werde, wie viele freudige Überraschungen werde ich noch dank Gorbatschow erleben dürfen!“ Es war die Zeit, da nicht nur er, sondern auch ich (und mit uns viele, viele andere) hofften, es könne der von Gorbatschow angesteuerten „Reform von oben“ gelingen, die Sowjetunion, das sozialistische Lager aus der Sackgasse herauszuführen. Einen anderen Weg als den der Reform von oben gab es ja nicht. Nun, die weitere Entwicklung hat unsere Hoffnungen blamiert.
„Erinnerungen an Leo Kofler“, in: Marxistische Blätter, Heft 5/1995, S.19ff. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011] Robert Steigerwald (1925-2016) war langjähriger Chefredakteur der Marxistischen Blätter und galt seit den 1970er Jahren als einer der Vordenker des westdeutschen Kommunismus.
