Jakob Moneta: „Diese Zusammenarbeit war sehr schön“
Es muss 1951 gewesen sein. Er wurde mir offenbar von irgendwelchen Bekannten zugeführt, die mir erzählten, dass er ein marxistischer Professor sei, der von drüben gekommen ist und auf Wohnungssuche war. Ich kannte weder seinen Namen, noch wusste ich, was er geschrieben hat. In Köln hatten meine Eltern ein Haus auf dem Brüsseler Platz 17. Das hatte ihnen vor dem Krieg gehört, war im Laufe des Krieges irgendwie unter Kuratel gestellt worden und nach dem Krieg bekamen es meine Eltern wieder zurück. Leo hatte keine richtige Bleibe und es war ja damals ungeheuer schwer, eine Wohnung zu bekommen. Wir selber hatten im Haus meiner Eltern, nachdem wir zuerst in Deutz gewohnt hatten, eine Hochparterrewohnung bekommen, die wir uns mit einer anderen Familie teilten. Wir hatten dann die Idee, den Speicher des Hauses ausbauen zu lassen und Leo und seine Frau haben dort, glaub ich, zwei Zimmer, eine kleine Küche und Dusche gehabt. Man konnte dort auch, soweit ich mich erinnere, aufs Dach rausgehen, so dass er sozusagen einen Dachgarten hatte. Wir hätten das gar nicht ausbauen können, aber er bekam als Flüchtling von drüben aus irgendwelchen Fonds Anleihen, mit denen man dies machen konnte. Dort hat er dann jahrelang gelebt. […]
In dieser ersten Zeit waren wir jedenfalls oft zusammen. Wir haben uns oft bei mir unten getroffen, zum Abendessen oder wenn bspw. Ernest Mandel aus Brüssel kam. Dann haben wir viel gemeinsam diskutiert. Er hat Ernest sehr geschätzt, stand den Trotzkisten offen gegenüber, war aber nie Trotzkist. Damals, 1952/53 arbeitete ich an der Schrift zum Stalinismus [Aufstieg und Niedergang des Stalinismus, Köln 1953] und auch Kofler arbeitete an Schriften zur stalinistischen Bürokratie [u.a. Das Wesen und Rolle der stalinistischen Bürokratie, Köln 1952]. Da haben wir natürlich viel gemeinsam diskutiert, unsere unabhängig voneinander erarbeiteten Broschüren gelesen und debattiert. Diese Zusammenarbeit war sehr schön. 1953 bin ich als Sozialreferent nach Paris gegangen, stand aber immer wieder in Verbindung mit ihm, wenn ich nach Köln kam. So wusste ich ungefähr, was er machte. […]
Man hat das Gefühl gehabt, dass das eine sehr harmonische Ehe war. Und er hat sich sehr im Haushalt bemüht, denn seine Frau Ursula hat ja den ganzen Tag im Schuhgeschäft gearbeitet. Das war das eine. Die zweite Sache, die mir aufgefallen ist, war seine Art, sein Gedächtnis zu organisieren. Er konnte ja stenografieren und wo er ging und stand, wenn er irgendeinen Gedanken hatte, dann hat er den sofort stenografisch festgehalten. Ich hab ihn gefragt: „Leo, wieso machst Du das?“ Da sagte er: „In den Gehirnzellen gibt es Millionen, wenn nicht Milliarden Verbindungen und es gibt bestimmte Gedanken, die bekommt man nur einmal, und es ist ungeheuer schwer, sich hinterher daran zu erinnern. Auch wenn ich nachts träume, stehe ich auf und stenografiere das. Das ist die einzige Möglichkeit, solche flüchtigen Gedanken festzuhalten.“ Das war eine seiner Methoden. Er legte sehr großen Wert auf die Methode des Lernens. Ich hab das damals gar nicht so sehr begriffen, denn ich kam ja auch gar nicht aus dem universitären Bereich. Ich war jahrelang Arbeiter, Landarbeiter und Kistennagler gewesen und hab nie eine Universität von innen gesehen. Das hat mir ungeheuer imponiert, nicht zuletzt, weil er das nachher weitergeben konnte. Daher auch immer wieder diese Faszination, die bei einem Vortrag von ihm ausging.
Als ich 1953 nach Paris ging, das werde ich auch nicht vergessen, hat er mir den Rat gegeben, dass ich Tagebuch führen soll, dass das ungeheuer wichtig wäre. Den Rat habe ich aber nicht befolgt, den konnte ich auch nicht befolgen, weil ich zwar an der Botschaft war, aber gleichzeitig in der IV. Internationale. Alles, was ich gemacht hab, hätte natürlich bei einer einfachen polizeilichen Untersuchung sofort zu meiner Verhaftung geführt – ich hab ja Verbindung gehabt mit der algerischen Revolution usw. Auch sonst bin ich kein Tagebuchschreiber. Aber Leo war ungeheuer daran interessiert, fasziniert von der Idee, dass ich in so eine Funktion reinkomme, wo man doch einiges erleben kann. Und ich muss sagen: Heute bedauere ich, dass ich das nicht getan habe, denn ich habe wirklich eine Menge Sachen erlebt, die historisch sehr, sehr wichtig waren…
Vollständige Erstveröffentlichung in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011. Jakob Moneta (1914-2011) war einer der Protagonisten der gewerkschaftlichen Nachkriegslinken, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Redakteur der sozialdemokratischen Rheinischen Zeitung in Köln, ging 1953 als Sozialreferent an die bundesdeutsche Botschaft nach Paris, war dann von 1962 bis 1978 Chefredakteur der IG Metall-Zeitschrift Metall und engagierte sich in den 1990er Jahren in der PDS.
