Axel Honneth: „Leo Kofler war die Figur, die mir den Marxismus beigebracht hat“

„Ich bin 1969, es könnte auch 1968 gewesen sein, in die Sozialdemokratie eingetreten. Ich bin aber eigentlich eingetreten in die trotzkistische Unterzelle der Jungsozialisten im Ruhrgebiet. Mir war die Sozialdemokratie eher weiter weg, ich war also Trotzkist, der sich dann im Ruhrgebiet für gerade kommunalpolitische Dinge sehr eingesetzt hat. Sie wissen, das waren die Jahre nach 1968, da konnte man nicht einfach, in meinem Alter, Sozialdemokrat sein, da musste man schon Trotzkist oder ähnliches sein. […] Noch ein Jahr, bevor ich der SPD damals beigetreten bin, also den Jungsozialisten, hatte ich so etwas unterhalten oder unternommen wie, mich mit dem Marxismus auseinanderzusetzen. Das war in der Schule, in der ich war, im Gymnasium, nicht möglich, d.h. es war noch nicht soweit gekommen wie danach in den siebziger Jahren wahrscheinlich eher, dass man nämlich auch im Gymnasialunterricht mit marxistischem Gedankengut vertraut gemacht wurde. Stattdessen musste ich einen Umweg wählen, ich musste nämlich einen Kurs an der Volkshochschule in Essen belegen. Und diesen Kurs an der Volkshochschule, der wurde abgehalten von ‚Prof.‘ – hieß es, ein Titel, der nicht ganz stimmte damals – Leo Kofler. Ich weiß nicht, wem von Ihnen dieser Name noch etwas sagt. Leo Kofler war die Figur, die mir den Marxismus beigebracht hat. Leo Kofler war, wenn ich mich nicht ganz täusche, entweder in einer kleinen jüdischen Gemeinde in der Ukraine geboren. Auf jeden Fall kam er sehr schnell nach Wien und wurde hier ein Schüler Max Adlers […], einer der begabtesten Schüler Max Adlers, des großen Austromarxisten. […] Dieser Mensch Leo Kofler war ein Wiener durch und durch, was immer darin zum Ausdruck kam, dass er am Ende seiner Seminare uns, und das hieß im Wesentlichen die anwesenden jungen Damen und Frauen, einlud, mit ihm tanzen zu gehen in einer Wiener Tanzlokal, das es damals in Essen gab. Eine rührende Geschichte, der ich aber als junger Linker extrem skeptisch gegenüberstand, die ich sogar verachtete. Und ich konnte nie zusammenbringen, wie jemand von der Statur Leo Koflers, also: Schüler Max Adlers, auf solche bürgerlichen Verhaltensweisen zurückgreifen konnte am Ende eines Kurses über Marxismus. Dieser Leo Kofler hat mich damals sehr stark beeindruckt und geprägt. Inzwischen bin ich längst nicht mehr der Marxist, der ich damals war – das sieht man auch in dem Buch. Aber er ist mir tief in Erinnerung geblieben und hat, glaub ich, so etwas geprägt in mir wie eine Orientierung daran, dass der Austromarxismus vielleicht unter allen europäischen Varianten des Sozialismus die interessanteste Gestalt war zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das lag an dem Einfluss Max Adlers, das lag auch an dem Einfluss Otto Bauers. All das wurde mir beigebracht, noch bevor ich überhaupt tiefere Kenntnis der gesamten sozialistischen Strömungen erwerben konnte.“

 

Auszug aus Axel Honneths im April 2016 in Wien gehaltener Bruno Kreisky-Preisverleihungsrede für sein Buch Die Idee des Sozialismus (2015). Erstveröffentlichung auf YouTube. Axel Honneth (*1949) ist ein deutscher Sozialphilosoph und gilt als führender Vertreter der sogenannten Frankfurter Schule.

Nach oben scrollen