Ursula Wendler: Leo Kofler an der Volkshochschule in Marl
Die wichtigsten Veranstaltungen waren für mich die bei Leo Kofler. Sie waren für meine weitere Politisierung sehr wichtig. Ich erinnere mich vor allem an eine Veranstaltung zur „Einführung in die Lehre vom Menschen (Anthropologie)“. Das war ein Seminar, in dem ich zunächst nicht viel verstanden, sondern mehr geahnt habe. Es ging um das Unveränderliche und Veränderliche am Menschen, um Zivilisation und Kultur und um die Fragen, was heißt Lebenserfüllung und wohin entwickelt sich der Mensch. Noch nie zuvor hatte ich aus dieser Sicht von einer so großen Achtung vor den Menschen gehört. Ich war vornehmlich durch ein katholisches Umfeld geprägt und wurde nun erstmals mit einem anderen Weltbild konfrontiert.
Das war im Herbst 1968, kurz nachdem die Truppen der Sowjetunion bzw. des Warschauer Pakts in die CSSR eingefallen waren. Unsere Hoffnungen auf einen eigenständigen, von Moskau unabhängigen sozialistischen Weg, die wir mit dem Prager Frühling verbunden hatten, waren nach der Okkupation der CSSR stark getrübt. Als wir am 21.August 1968 morgens zu Hause im Radio die Nachricht von den russischen Panzern in Prag hörten und abends die Bilder im Fernsehen sahen, kamen uns die Tränen vor lauter Wut und Enttäuschung.
Zu dieser Veranstaltung fanden sich viele politisch interessierte Schüler und Lehrlinge aus Marl ein – man traf sich bei Kofler. Auch die älteren ehemaligen illegalen KPD-Leute, die in Westerholt nahe bei Marl noch einen Verbund hatten und sich neu in der DKP organisiert hatten, kamen dorthin. Sie verteidigten die Okkupation der CSSR. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie sich Kofler über diese politische Verteidigung erzürnte und vor lauter Aufregung fast kollabierte. Das war sehr eindrucksvoll und für meine Politisierung insofern ausschlaggebend, als eine Moskau-Orientierung der Linken für mich nicht in Frage kam. Eine Verteidigung der Besetzung der CSSR und die gewaltsame Unterdrückung des Prager Frühlings waren für mich nicht akzeptabel.
„Über die Volkshochschule, Leo Kofler, politische Aufbruchsstimmungen 1968 und die Bedeutung von Bildung im Lebensweg. Ein Gespräch mit Ursula Wendler-Boeck“ in: Paul Ciupke u.a. (Hrsg.): Erwachsenenbildung und politische Kultur in Nordrhein-Westfalen. Themen – Institutionen – Entwicklungen seit 1945, Essen 2003, S.305-310. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011] Ursula Wendler, Jg. 1952, lebt heute als Projektmanagerin in Dortmund.
