Werner Seppmann: „Sehr Ihr, das ist Klassengesellschaft!“
Oberflächlich besehen verurteilte ihn das Jahrzehnte dauernde Berufsverbot, sich sozusagen unter Wert zu verkaufen. Die Lehrtätigkeit an den Volkshochschulen und in Gewerkschaftsseminaren als Quelle des Lebensunterhalts war zweifellos mühselig und aufzehrend – und doch auch eine Basis neuer Erfahrungen, ohne die seine theoretische Entwicklung anders verlaufen wäre. Aber gerade dann, wenn es am wenigsten zu erwarten ist, entwickelt die „List der Vernunft“ ihre Wirkung: Mit der Verweigerung einer akademischen Tätigkeit wurde das Gegenteil dessen erreicht, was beabsichtigt war, Kofler konnte mehr Köpfe und Herzen erreichen, als den politischen Manipulatoren recht sein konnte. Es ist nicht übertrieben, wenn Oskar Negt über Kofler sagt, dass er Tausenden von Arbeitern das Wissen um einen unverfälschten Marxismus vermittelt hat. Die Begegnung mit Kofler war für viele – nicht wenige der Anwesenden könnten darüber in exemplarischer Weise berichten – die Chance zur Bewusstseinsbildung und Persönlichkeitsentwicklung.
Es ist ziemlich genau ein Vierteljahrhundert her, dass ich Leo Kofler zum ersten Mal begegnete. „Was ist Geschichte?“ war das Thema, mit dem er ein Seminar an der Gelsenkirchener Volkshochschule einleitete. In einem graphischen Schema entwickelte er auf der Tafel die Grundlagen eines Gesellschaftsverständnisses, dessen Namen ich zwar kannte, ohne es aber mit solchen Reflexionsformen in Verbindung bringen zu können: Der Mensch setzt sich kontinuierlich mit seinen Lebensumständen auseinander, aus konkreten Lebensbedürfnissen entstehen Zielvorstellungen, die er durch sein Handeln zu realisieren versucht. Doch da er in ein soziales Beziehungsgeflecht eingebunden ist, werden seine Pläne durch die Aktivität der Anderen beeinflusst und modifiziert. Nicht selten resultiert aus seinem Handeln deshalb das Gegenteil. Der historische Prozess verselbständigt sich somit gegenüber den Zielvorstellungen seiner Urheber.
Welch ein komplexes Thema! Es wäre wahrlich geeignet gewesen, den damaligen Bäckerlehrling – trotz aller antiautoritären Bewegtheit – einzuschüchtern! Doch mit seiner ungestümen Gestik, seinem Elan, seiner prägnanten und bildhaften Sprache verstand es der Referent, sein Publikum, das aus Schülern, Arbeitern, Lehrlingen und Angestellten bestand (die Studenten sind in großer Zahl erst später in seinen Seminaren aufgetaucht), zu fesseln. Ohne damals alle Einzelheiten verstanden zu haben, war mir doch klar, dass hier auf einer Reflexionsebene, die mir völlig fremd war, von meinen eigenen Problemen gesprochen wurde. Das in den späten 60er Jahren in der Jugend verbreitete Auflehnungsbedürfnis, das sich nach damaligem Sprachgebrauch pauschal gegen das „Establishment“ richtete, bekam sozusagen Boden unter die Füße. Emotionales Unbehagen an den gesellschaftlichen Zuständen und ein ambivalentes Kritikbedürfnis wurden transformiert in gesellschaftstheoretische Systematik.
Die meisten berufstätigen Menschen in Koflers Seminaren waren beeindruckt von der Glaubwürdigkeit und Lebendigkeit seines Vortrags. Eine nachhaltige Aufklärungswirkung erzielte er aber, weil er es verstand, Alltagsbeobachtungen zu plausiblen Erklärungsmodellen zusammenzufügen. Für diese Fähigkeit, an Alltagsbeobachtungen anzuknüpfen, ein aufschlussreiches Beispiel: Wir fuhren Ende der 70er Jahre zu einer gewerkschaftlichen Bildungsveranstaltung nach Dortmund. Vor Beginn nahm der zuständige Bildungsreferent Kofler beiseite und empfahl ihm – um die „didaktische Absicht der Veranstaltung nicht zu gefährden“ –, sich einer unverfänglichen Begrifflichkeit zu bedienen: „Mit den Begriffen Klassengesellschaft und Arbeiterklasse können unsere Kollegen nichts mehr anfangen; sie werden eher abgeschreckt.“ Kofler begann seinen Vortrag mit den Worten: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, euer Gewerkschaftssekretär hat mir empfohlen, nicht zu viel über Klassengesellschaft zu reden, weil euch für solche Dinge das Verständnis fehlt. Ich habe aber in der Zeit vor dem Beginn unserer Veranstaltung eine eigenartige Beobachtung machen können. Die ersten von euch, die den Saal betraten, haben sich unsicher und verhalten umgeschaut und zunächst einmal die hinteren Sitzreihen besetzt, erst allmählich wurden auch die vorderen Plätze belegt. Welch ein Unterschied gegenüber dem Verhalten eines gutsituierten, bürgerlichen Publikums, vor dem ich vor einigen Tagen geredet habe. Diejenigen, die zuerst den Saal betraten, gingen selbstbewusst zu den ersten Reihen und der Saal füllte sich allmählich von vorne nach hinten. Seht ihr, das ist Klassengesellschaft!“ Die Reaktion war zustimmender Beifall.
Erstveröffentlichung in: Marxistische Blätter, Heft 3/1992, S.18ff. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011]
