Kurt Seliger: In der Schweizer Emigration

Die anregendsten Debatten aber führte ich mit Leo Kofler. Der aus Polen stammende Marxist Kofler war in Wien Schüler Max Adlers gewesen und hatte sich, wie schon erwähnt, als Referent der Sozialdemokratischen Bildungszentrale einen Namen gemacht. Er war ein kritischer Anhänger der Sowjetunion, der KPÖ gegenüber hatte er jedoch große Vorbehalte. In ihrer Führung gebe es kaum einen theoretischen Kopf, nur mehr oder weniger unbedeutende Praktiker, meinte er.

Koflers Frau war nach England emigriert, und als Alleinstehender musste er im Sommercasino schlafen. Der hochgewachsene, soweit noch zu erkennen war, rothaarige Mann fiel mir bald auf, weil er stets wortreich und überlegen mit anderen Emigranten diskutierte. Was mich sofort beeindruckte, war die Art, wie er zu bestimmten Fragen Stellung nahm: Ihm schien jedes schablonenhafte Denken fremd. Zudem zeichneten sich seine Darlegungen durch große Sachkenntnis aus. Ich hatte das Gefühl, dass er weit tiefer in die Probleme eindrang, als ich das bisher erlebt hatte, und dass er bemüht war, alle Fragen in ihrem Zusammenhang und in ihrem Widerspruch zu erfassen.

Es konnte indessen nicht ausbleiben, dass ich in manchen Gesprächen mit Kofler politisch in Streit geriet. So, als ich die Moskauer Schauprozesse verteidigte. Ich tat dies, obwohl mir bereits der erste Prozess gegen Sinowjew und Kamenew Kopfzerbrechen bereitet hatte. Dieser Prozess hatte im August 1936 stattgefunden. Ich war damals fünfzehn Jahre alt und hatte mir in den Schulferien John Reeds bekannte Reportage über den russischen Oktoberumsturz Zehn Tage, die die Welt erschütterten vorgenommen. Dass dieses Buch damals in der UdSSR bereits verboten war, wusste ich allerdings nicht. Ich las es mit großer Aufmerksamkeit und wunderte mich bloß, dass so wenig von Stalin die Rede war. Umso mehr freilich von Lenin, Trotzki, Sinowjew und Kamenew. Als mein Vater eines Abends nach Hause kam, war ich, als ich die Überschrift in der Zeitung las, die er mitgebracht hatte, wie vor den Kopf geschlagen. Ich las die Schlagzeile: ‚Sinowjew und Kamenew in Moskau zum Tode verurteilt‘. Ich war völlig verwirrt. Eben hatte ich doch bei John Reed von den beiden gelesen, dass sie die engsten Mitarbeiter Lenins gewesen waren, und nun sollten sie Verräter sein? Ein älterer Genosse klärte mich bald auf: Sinowjew und Kamenew wären gegen die Machtergreifung im Jahre 1917 gewesen; sie seien zu Verrätern geworden und hätten mit dem Klassenfeind konspiriert, um die Sowjetmacht zu stürzen. Diese Erklärung nahm ich kritiklos hin. Mich näher über diesen Prozess und seine Vorgeschichte zu informieren, dazu hatte ich keine Gelegenheit.

Nur mit der Überzeugung bewaffnet, die Sowjetunion würde schon nichts Unrechtes getan haben, stand ich nun Kofler gegenüber. Doch der ließ das nicht gelten. Seine Wertschätzung galt vor allem dem im März 1938 hingerichteten Nikolai Bucharin: „Bucharin ein Verräter? Dass ich nicht lache! Weißt du überhaupt, wer Bucharin war? Er war einer der bedeutendsten marxistischen Theoretiker! Du musst einmal seine Ökonomische Theorie des Rentners lesen, diese ausgezeichnete Widerlegung der Anschauungen von Böhm-Bawerk. Ich bin kein Feind der Sowjetunion, aber ich sage dir, Bucharin und alle anderen Hingerichteten waren nicht Verräter, sie sind bloß in den innerparteilichen Auseinandersetzungen unterlegen und so Stalins Opfer geworden. Auch Trotzki war niemals ein Verräter. Er hat gewiss in manchen Fragen geirrt, aber ein Verräter war er nie!“

Nach solchen Ausführungen Koflers wurde mir das Ausmaß meiner Unwissenheit erst so richtig klar. Ich beschloss, mich über all diese Fragen eingehend zu informieren, was ja in der Schweiz ohne weiteres möglich war. Allerdings nahm ich mir nur Werke vor, die die offizielle sowjetische Version darlegten. Ich las alle Prozessberichte, Schriften von Lenin und Stalin und stieß auch auf Max Seydewitz‘ dickleibiges Buch Stalin oder Trotzki?, das mich in meiner Meinung schon allein deswegen bestärkte, weil der Autor Sozialdemokrat war. Freilich, auch er gab nur den Standpunkt der KPdSU wieder. (Max Seydewitz trat 1945 offiziell der KPD, dann der SED bei und wurde in der DDR mit hohen Funktionen betraut. Er ist am 8.Februar 1987 in Dresden im Alter von 94 Jahren gestorben.)

Meine aus dieser Lektüre gewonnenen Kenntnisse beeindruckten Kofler indessen nicht. Geduldig, aber auch mit viel Spott und Sarkasmus, setzte er sich mit mir auseinander, und obwohl ich um vieles jünger war als er, nahm er mich ernst und regte mich immer wieder an, mich nicht nur mit aktuellen politischen Fragen, sondern auch mit der Theorie des Marxismus zu beschäftigen. So begann ich die Freizeit, die mir die auferlegte Beschäftigungslosigkeit bot, zum Studium marxistischer Literatur, der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung und mancher Dokumente der kommunistischen Bewegung zu nutzen. Immer wieder beriet Kofler mich, diskutierte mit mir über dieses oder jenes Buch und weckte in mir nicht zuletzt auch das Bedürfnis, nichts als gegeben hinzunehmen, an allem zu zweifeln, so wie es Karl Marx einst entsprechend seinem Lieblingsmotto postuliert hatte. (Es sollte allerdings noch recht lange dauern, ehe ich mir dieses Motto tatsächlich zu eigen machte.)

 

Auszug aus Kurt Seliger: Basel – Badischer Bahnhof. In der Schweizer Emigration 1938-1945, Wien 1987, S.45ff. [Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011] Kurt Seliger (1921-1999) war bis 1957 Redakteur der Volksstimme, der Zeitschrift der Kommunistischen Partei Österreichs, und arbeitete nach seinem Austritt aus der KPÖ als freier Publizist.

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