Frank Schulz-Nieswandt: Meine Begegnung mit Leo Kofler

Im Wintersemester 1978 startete ich mein Studium der Sozialwissenschaften in Bochum. Und ich war romantisch: Ich wollte Professor werden. Das anfangs bodenlose Selbstbewusstsein schöpfte ich aus der Aufsuchung der Lehre bei dem unorthodoxen, dennoch in seinem geschichtsteleologischen Lehrgebäude dogmatischen, von Georg Lukács geprägten humanistischen Marxisten Leo Kofler. Heute vermag ich diese höchst idiosynkratische Dogmatik aus Koflers bewegter biographischer Entwicklung mit Nachsicht zu verstehen: Kofler floh wie Ernst Bloch aus der DDR. Seine Ausstrahlung war ein von vielen Menschen kollektiv geteiltes Erlebnis. Seine Vorlesungen waren übervoll; viele Studierende standen, manche saßen zu seinen Füßen am Podium. Eine tolle, dionysische Stimmung: grenzüberschreitend und lichtend. Und meine Bindung war damals sehr ausgeprägt. Im weiteren Verlauf verlief meine intellektuelle Entwicklung jedoch in einem Zyklus von Bindung und Lösung. Irgendwann kam der Punkt, da reifte ich über Koflers nicht-ökonomistischen Marxismus hinaus und fand die Wendung zum freiheitlichen Sozialismus des Neu-Kantianers Gerhard Weisser. Meine akademische Laufbahn bewegte sich nunmehr in sozialreformerische Bahnen. Was blieb? Seine Anthropologie des Apollinischen und Dionysischen hatte uns begeistert; erst in den letzten zehn Jahren habe ich mich diesem kulturgrammatischen wie psychodynamischen Kräftefeld wieder zugewandt, aber in anderer Tiefe in der Durchdringung der Ambivalenzen des Themenfeldes. So gesehen kehre ich zumindest thematisch wieder zurück zu Kofler. Die Geschichte ist also eine Dynamik von Bindung, Blickerweiterung, Blickverengung, Lichtung und Verflüssigung, Wiederkehr im Modus der Veränderung und der Offenheit. So gelang es, die Entwicklungsimpulse dieses beindruckenden, damals schon alten Mannes mitzunehmen, aber meinen eigenen Weg zu gehen. Noch heute verdanke ich ihm die Idee der anthropologischen Fundierung und Verklammerung der verschiedenen Sozialwissenschaften.

Was ist also des Pudels Kern? Wissenschaftliche Karriere ist immer auch eine personale Wachstumsgeschichte, die gelingen kann, an der man jedoch auch scheitern kann. Sterne der Lichtung benötigt man dazu; aber die Abnabelung ist wichtig, also eine Entmythologisierung der Sterne. Reifung hängt auch in der Wissenschaft an der Verflüssigung neurotischer Fixierungen. Man kann in seiner Entwicklung nicht von Anbeginn auf den Bergspitzen höchster Differenzierung sich selbst finden. Und daher gedenkt man seinen akademischen Orientierungshelfern, wenn man selber älter wird.

 

Erstveröffentlichung in: Kölner Universitätsmagazin Nr.5, Februar 2016. Frank Schulz-Nieswandt (*1958) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler und war Professor für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung sowie Direktor des Seminars für Genossenschaftswesen an der Universität Köln.

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