Daniel Kreutz: Erinnerungssplitter an Leo Kofler

Es muss so um 1972/73 gewesen sein. Ich – ein etwa 18-jähriger Abiturient in Leverkusen und prospektiver Student der Germanistik und Philosophie in Köln, äußerlich ein zwar korpulenter, aber sehr langhaariger „Hippie“ – brannte für den „revolutionären Marxismus“. So nannten die Trotzkistlnnen der IV. Internationale (Ernest Mandel, Tariq Ali, Pierre Frank u.a.) ihre Weltanschauung in Abgrenzung zu Stalinismus und Sozialdemokratie. Meine damalige (erste „richtige“) Freundin, Tochter eines promovierten Chemikers der Bayer AG in Leverkusen, teilte zu der Zeit diese Leidenschaft. Ich weiß nicht mehr, ob der bürgerlich gekleidete ältere Hutträger mit den merkwürdig angefressenen Fingernägeln plötzlich eines Tages im Haus ihrer Eltern auftauchte, oder ob ihr des Marxismus unverdächtiger Vater vorschlug, uns zu einem „Kofler-Seminar“ an der Kölner Volkshochschule mitzunehmen. Jedenfalls gab es eine persönliche Verbindung zwischen Leo Kofler und dem Vater. Denn bisweilen kam es vor, dass Kofler am Tage eines VHS-Vortrags zunächst im Elternhaus meiner Freundin erschien, um sich später auf dem Beifahrersitz von Vaters Mercedes mit uns Jung-Revoluzzerlnnen auf der Rückbank nach Köln kutschieren zu lassen.

Das Erleben des ersten Vortrags schlug mich in Koflers Bann. Danach wollte ich möglichst keinen mehr versäumen. Im Umgang völlig unprätenziös, strahlte er eine natürliche Autorität aus. Er hatte einen ungeheuer fesselnden Vortragsstil in einer sehr bildhaften, teils exzessiv betonenden Sprache in angehobener Tonlage mit unverkennbarem Wiener Akzent. Er schöpfte frei aus Philosophie, Ästhetik, Ökonomie, Soziologie, Geschichte, Literatur, um das Verständnis eines universalen Marxismus zu vermitteln, dessen Fokus ein tiefer Humanismus ist – das Ringen um die Emanzipation der (einzelnen) Menschen, die doch notwendig nur ihr eigenes (kollektives) Werk sein kann. Ich weiß nicht mehr, welchen Themen die Vorträge, die ich hörte, tatsächlich gewidmet waren. Erinnerungssplitter sprechen von „Marxismus versus Nihilismus“, von „Realismus versus Naturalismus“ in der Kunst und Literatur, von der Alltäglichkeit der bürgerlichen Klassengesellschaft, der dialektischen Einheit von Theorie und Praxis sowie von Subjekt und Objekt, von Polemiken gegen die Frankfurter Schule („das Habermäuschen“). Becketts Warten auf Godot war sein Beispiel für literarischen Nihilismus, denn demnach sei es „hoffnungslos, zu hoffen.“

Beiläufig füllte Kofler stets mit ausholenden Bewegungen die Wandtafel mit Skizzen, Stichworten und Verbindungspfeilen. Teils musste er die Tafel während des Vortrags auswischen, um Platz für Neues zu schaffen. Eines der Tafelbilder, das mir in Erinnerung blieb, zeigte den „historischen Fortschritt“ als eine quer von links unten nach rechts oben verlaufende Spirale, wie eine auseinandergezogene Spiralfeder, deren Windungen sich kreuzen. Kofler veranschaulichte damit, dass der Fortschritt eben nicht geradlinig verlaufe, sondern regelmäßig mit regressiven Perioden verbunden sei, in denen die historische Entwicklung substanziell und gelegentlich katastrophal hinter den bereits erreichten Stand zurückfalle, um dann aber in einem neuerlichen Aufschwung doch eine höhere Qualität zu erreichen. Geschichtspessimismus war Kofler ebenso zuwider wie der Glaube an die „Widerkehr des ewig Gleichen“, den die Alltagsideologie (übrigens auch die meiner Mutter) aus dem Jahrtausende alten Fortbestand eines klassengesellschaftlichen „Oben“ und „Unten“ ableite.

Eingebrannt hat sich mir – natürlich – der wiederkehrende Satz über den schlechtesten Baumeister, der sich von der besten Biene dadurch unterscheide, dass er sein Werk vorher fertig im Kopf haben müsse, während die Biene ihre wunderbaren Bauten geistlos, nur mittels ihres Instinkts, vollbringe. Meist schloss sich daran pointierend an: „Alles macht seinen Durchgang durch den menschlichen Kopf, sogar Essen und Trinken.“ So illustrierte Kotier, dass Bewusstsein (Theorie) fundamentales, notwendiges Moment menschlicher Tätigkeit (Praxis) und insbesondere der Arbeit ist, ihr Richtung und Ziel verleiht. Eher skurril erschien seine alltagssoziologische Beobachtung, dass sich der Gestus von Hunden häufig dem klassenbedingten Gestus ihrer Herrchen angleiche, so dass sich „proletarische“ und „bourgeoise“ Hunde unterscheiden ließen. Gern zitierte ich dagegen Koflers Erläuterung, warum Marx den Begriff des „Bourgeois“ statt des „Bürgers“ verwandt habe: „weil das so schön ausgespuckt klingt“. Oder auch seinen Satz: „Eigentum fängt da an, wo die Notwendigkeit aufhört, seine Arbeitskraft zu verkaufen“.

Das Publikum der Kölner VHS-Vorträge schien recht gemischt zu sein – von „Bildungsbürgern“ (zu denen ich auch den Vater meiner Freundin rechnete) bis zu linksradikalen Studierenden. Im Umgang mit Frauen kultivierte Kofler den Wiener Charmeur. Weibliche Kursteil­nehmer konnten vor einem „Küss die Hand“ oder „Gnä‘ Frau“ nie sicher sein. Ich nahm zu den Vorträgen immer einen alten Koffer voller trotzkistischer Literatur und Zeitungen mit, die ich mit Koflers schweigender Duldung, die kaum im Sinne der VHS-Leitung war, auf einer der Bänke zum „Büchertisch“ auslegte. (Bei aller Wertschätzung Koflers blieb damals mir rätselhaft, wie der marxistische Theoretiker es mit sich selbst vereinbaren konnte, nicht der IV. Internationale anzugehören.)

Es begab sich in jener Zeit auch, dass Kofler mit den drei Leverkusenern zu einem Wochenendseminar nach Vlotho fuhr, bei dem er auftrat. Die Veranstaltung fand im Rahmen des – später offen rechtsextremistischen, damals aber scheinbar eher öko-und New /Age-affinen, scheinbar pluralistisch-kritischen – Collegium Humanum der „Freien Akademie“ statt. Da dort auch andere Köpfe aus der „Neuen Linken“ anwesend waren (u.a. war von Peter Brandt die Rede), scherzte Kofler mit uns über die Gründung einer „Rotzfrak“, einer „Roten Zelle Freie Akademie“. Mit heimlichem Stolz erfüllte mich, als er einen Diskussionsbeitrag von mir coram publico lobte. Bei einem „bunten Abend“ zeigte er ausdauernde und wohl auch recht entwickelte Fähigkeiten in den Standard-Paartänzen, was allerdings bei mir, dem dergleichen Erscheinungsform einer verabscheuungswürdigen bürgerlichen Alltagskultur war, das Gefühl einer kulturellen Kluft eher vertiefte.

Ich war damals ganz „Schüler“ Koflers, schrieb stets eifrig mit und suchte ihm geistig zu folgen. Wer er war, welche Biografie er mit sich trug, interessierte mich nicht, sein Marxismus dafür umso mehr. Trotz der gelegentlichen Nähe ist mir nicht erinnerlich, dass ich je mit ihm diskutiert hätte. Dazu waren wohl Souveränität und Mut bei mir zu klein und der Respekt zu groß. Und, schlimmer noch: Koflers Vorträge genügten mir völlig, so dass ich glaubte, auf seine Bücher, die er hin und wieder zur Vertiefung empfahl, verzichten zu können. Verpasste Chancen – leider.

 

Erstveröffentlichung. Daniel Kreutz, Jg. 1954, lebt und arbeitet in Köln, war in den 1980ern Maschinenschlosser und IGM-Betriebsrat, von 1990 bis 2000 NRW-Landtagsabgeordneter der Grünen und bis 2010 Referent für Sozialpolitik beim SoVD NRW.

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