Hans Matthöfer: „Das Honorar konnte er offenbar gut gebrauchen“
Ich hatte in Amerika genügsam gelebt und etwas Geld gespart. Damit habe ich nach meiner Rückkehr eine sozialistische Zeitschrift herausgebracht, die wir links nannten. Sie wurde zuerst auf Saugpost abgezogen. Später konnten wir sie aufwendiger drucken lassen. links erschien dann mit Wechselseiten und jeweils anderem Impressum für die hessischen Jungsozialisten und für den SDS Frankfurt. Wir sprachen zwar davon, es sei unsere Absicht, die erste sozialistische, „theoretische“ Zeitschrift der Nachkriegszeit herauszubringen. Ehrlich gesagt, wollte ich aber eigentlich nicht mehr als vorgefundene sozialistische Ideen und Argumentationen in möglichst großer Auflage unter die Studenten zu verbreiten. Das führte dazu, dass wir ziemlich bedenkenlos oft ohne Quellenangabe Nachdrucke bereits publizierter, von uns leicht modernisierter und manchmal sprachlich überarbeiteter Artikel, Buchauszüge usw. zum Teil aus alten sozialistischen und sozialdemokratischen Quellen brachten.
Zuerst bekamen wir durch die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) das für den Druck der Zeitschrift erforderliche Papier. In deren Vorstandsverwaltung konnten wir einen „Heidelberger“-Offset-Drucker der GdED-Hausdruckerei für die Produktion der Zeitschrift nutzen. Fritz Schreiber, Leiter des Büros des GdED-Vorsitzenden Hans Jahn, half uns auf diese Weise. Später zahlte er einen Teil der Druckkosten in der UNION-Druckerei aus einem Fonds mit dem Namen „Übersee-Post“, von dem ich heute vermute, dass er vielleicht von der Central Intelligence Agency (CIA) kam, mit der Hans Jahn als Transportspezialist und Kenner der internationalen Transportarbeitergewerkschaften während des Krieges als Emigrant in Nordafrika und Italien eng zusammenarbeitete. Niemals hat aber jemand versucht, auch nur andeutungsweise die Arbeit der Redaktion oder den Inhalt von links zu beeinflussen. […]
Über die Zeitschrift links schreibt noch Willy Albrecht: „Die erste Nummer von links kam am 1. November 1951 heraus. Auch wenn das Impressum den Anschein erwecken konnte, es handele sich um ein regelmäßig erscheinendes Mitteilungsblatt der Frankfurter Gruppe, so vermittelte der Inhalt des Blattes einen sehr viel weiter gesteckten Anspruch. Zwar wurde die Zeitschrift nicht mit einem programmatischen Leitartikel eröffnet, doch die ersten beiden gezeichneten Beiträge konnten einen solchen Leitartikel durchaus ersetzen. An die Spitze des Blattes setzte die Redaktion einen Artikel von Morgan Phillips, dem Generalsekretär der Britischen Labour Party und Präsidenten der Sozialistischen Internationale (SI), mit dem Titel ‚Sozialismus: Der Schlüssel der Zukunft‘. Darin setzte er sich vor allem dafür ein, die sozialistischen Hauptprinzipien – die ‚Gleichheit aller Menschen‘ und das ‚Recht aller Individuen auf Freiheit vor jeder Versklavung durch politische und wirtschaftliche Mächte‘ – auf die internationalen Beziehungen anzuwenden. Der Reichtum der Welt müsse gleichmäßig verteilt werden, die ‚unterentwickelten Gebiete‘ müssten einen höheren Lebensstandard erreichen.“[1] Im zweiten Artikel der Ausgabe machte sich Richard Freyh in einer längeren Besprechung der programmatischen Broschüre der Bevan-Gruppe der Labour-Party, One way only, die Grundsätze dieser Gruppe zu Eigen.
Die nächste Nummer wurde eröffnet mit einem Leitartikel „Theorie und Praxis“ von K. Löwe, ein Pseudonym für Leo Kofler, das ich mir ausdachte. Ich hatte Koflers Buch Die Wissenschaft von der Gesellschaft gelesen und ihn nach seiner Flucht 1950 mit seiner Frau aus der DDR, wo er in Halle an der Saale Professor für mittlere und neue Geschichte und Direktor des Instituts für Historischen Materialismus war, sich aber durch seine Kritik an der Bürokratie bei den herrschenden SED-Kadern unbeliebt machte, in seiner Ein-Zimmer-Wohnung in Köln aufgesucht, weil ich ihn kennenlernen wollte. Das Honorar in Höhe von 20 DM, das ich ihm für den Artikel zahlte, konnte er offenbar gut gebrauchen. Er strahlte geradezu vor Freude bei der Entgegennahme des Geldscheins. Es tat mir in dem Augenblick fast leid, ihm nicht mehr gezahlt zu haben.
Erstveröffentlichung in Hans Matthöfer: Aus dem Kohlenpott in den Bundestag. Meine Jahre von 1925 bis 1961, Kronberg im Taunus, März 2006, S.385f. & 390. Hans Matthöfer (1925-2009) war ein deutscher Sozialdemokrat und IG Metall-Gewerkschafter, von 1961 bis 1987 Mitglied des Deutschen Bundestages und in den 1970ern und 1980ern nicht nur SPD-Vorstandsmitglied, sondern auch als Staatssekretär und Bundesminister tätig.
[1] Willy Albrecht: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) – Vom parteikonformen Studentenverband zum Repräsentanten der Neuen Linken, Bonn 1994, S.140ff.
