Dieter Matten: Mein Kofler

Im Wintersemester 1980 begann mein Studium an der Ruhr Universität Bochum und mein erster Weg führte mich auf Anraten meines Lehrers Dietrich Garstka in das Gebäude GC, das Haus, in dem Leo Kofler der König aller fortschrittlich denkenden Studenten war. In ein Seminar von Kofler traute ich mich noch nicht, obwohl mein älterer Freund Reinhard Sonnenschmidt mich drängte. Doch bei einer Vorlesung konnte nichts geschehen, da wurde man nicht angesprochen, brauchte selbst nichts zu sagen. Mann, was war das voll hier, die Hörer saßen auf den Stufen bis vor das Rednerpult. Jetzt sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Menschen vor mir, von dem ich tatsächlich ein Buch gelesen hatte. Er war viel größer als ich es erwartet hatte, wirkte trotz seines Alters imposant und sportlich. Bernd Bruns tänzelte mit der Tasche hinter ihm her, freundlich lächelnd unter seinem Oberlippenbart. Umständlich wurde ein Kassettenrecorder aufgestellt, um den Vortrag mitzuschneiden, und ich hörte zum ersten Mal die Stimme Leo Koflers. Sie klang etwas hoch und drohte dauernd zu kippen. Das leichte Näseln schien auf eine Polypenerkrankung oder ein Problem an der Nasenscheidewand hinzudeuten. Beim ersten Hören war ich nicht beeindruckt, ich hatte erwartet, Kofler spricht wie Elmar Gunsch oder mindestens wie die Synchronstimme von Clint Eastwood. Aber schon nach wenigen Sätzen war ich gefangen, das war ein Mann, der jenen Geist ausstrahlte, den ich aus den Büchern mit ihm verband. Ein lebendiger, ja leidenschaftlicher Vortrag, die Begriffe stringent einen aus dem anderen abgeleitet. Kein Wort zuviel, ein Universum tat sich im Fortschreiten des Sprechens auf. Und immer genau dann, wenn es sehr schwierig wurde und eine Zäsur zum Nachdenken nötig war, machte er eine gedankliche Pause, indem er eine Anekdote erzählte und seinen Witz bewies. Ja, so hatte ich mir das gewünscht! Das war großartig! Nach wenigen Wochen war ich süchtig nach den Vorlesungen, ich brauchte sie, auch als Ausgleich für das langweilige Pflichtprogramm des sehr auf Seminarscheine orientierten Studiums.

 

Erstveröffentlichung in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011. Dieter Matten, Jg. 1961, studierte von 1980 bis 1989 bei Leo Kofler in Bochum und lebt heute als EDV-Berater und freier Autor in Belgien.

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