Hans Ulrich Gresch: Repressives Menschenbild

Gut vierzig Jahre ist wohl schon her. Ich war ein junger, glühender, leidenschaftlicher Marxist. Ich glaubte fest daran, dass meine Mitmenschen, die Arbeiter, die kleinen Angestellten, die Schüler und Studenten aus den unteren Schichten der Gesellschaft nur durch mangelndes Wissen daran gehindert würden, gegen die herrschenden Verhältnisse zu revoltieren. Es galt also, sie aufzuklären, ihren Geist in marxistischer Gedankenwelt zu baden, dann würde er sie, so gereinigt, schon anleiten – da sie ja sonst nichts zu verlieren hatten – ihre Ketten abzustreifen. Schließlich hatte es, so wähnte ich, ja auch bei mir funktioniert. Kaum hatte ich einige der Schriften von Marx und Engels sowie der Säulenheiligen des Marxismus studiert, öffneten sich mir die Augen und ich sah, was eigentlich nicht zu übersehen war, dass nämlich 99 Prozent der Weltbevölkerung schuften und teilweise unter erbärmlichen Lebensbedingungen ihr Dasein fristen müssen, damit das restliche eine Prozent für sich und nur für sich die bestmöglichen Voraussetzungen für ein gutes und erfülltes Leben schaffen kann.

Leider musste ich feststellen, dass, was bei mir scheinbar so gut geklappt hatte (die wahren Gründe dafür sollte ich erst viel später erfahren: nichts ist, was es zu sein scheint), bei vielen, vielen anderen recht eigentlich nicht fruchten wollte. Selbst wenn an den Fakten, die ich geduldig vortrug, auch aus Sicht meiner Gesprächspartner nichts auszusetzen war, weigerten sich viele, die naheliegenden, die mitunter einzig logischen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.

Genossen, die ich zu diesem Phänomen befragte, machten die bürgerliche Ideologie dafür verantwortlich, den ideologischen Klassenkampf von oben. Das von der herrschenden Klasse kontrollierte Fernsehen und die reaktionären Zeitungen und Zeitschriften verdummten die Massen, hieß es. Um dem entgegenzuwirken, müsse man unermüdlich Flugblätter verteilen. Mit dieser Erklärung war ich eine Weile zufrieden, allerdings konnte sie mich nicht wirklich befriedigen. Sogar die bürgerlichen Medien, so sagte ich mir, berichten doch oft genug über zum Himmel stinkende Verhältnisse in der Klassengesellschaft, und dennoch kommen die Leute nicht auf die naheliegende Idee, dass daran etwas geändert werden muss und kann, wenn alle solidarisch sind.

Eines Tages schleppten mich Bekannte, die Soziologie in Bochum studierten, zu einem Vortrag an der Dortmunder Volkshochschule. Dort werde einer ihrer Dozenten sprechen. Er sei ein Sozialphilosoph und Anthropologe, Leo Kofler sein Name, und einer der bedeutendsten nicht-dogmatischen Marxisten des 20. Jahrhunderts. Da ich damals orthodoxer Marxist war, erwartete ich einen Menschen, der mich und meinesgleichen vom rechten, also vom linken Weg abbringen wollte; aber ich kam mit, in der Absicht, seine Thesen hinterher, in der Stammkneipe, beim Bier effektvoll zu widerlegen. Doch es kam anders. Der Mann, Leo Kofler hatte die Antwort auf meine dringendste Frage, nämlich, warum sich die Werktätigen nicht zu den richtigen Schlüssen aus den offenkundigen Tatsachen befleißigen mochten.

Leo Kofler war ein faszinierender Mann, der mich sofort in seinen Bann schlug. Man musste ihm nur einmal ins Gesicht schauen, um zu erkennen, dass man einen unbeugsamen Intellektuellen vor sich hatte. Schon damals, als ich noch dazu neigte, die hässliche Wirklichkeit mit dem schönen Ideal zu verwechseln, spürte ich, dass er sich nicht aus der DDR absetzen musste, weil er ein Verräter war, sondern weil seine Gegner zu dämlich waren.

Koflers Thema an diesem Abend war das „repressive Menschenbild“. Der Mann verstand es und war gewillt, komplexe Sachverhalte in einfachen Worten auch Menschen ohne langjähriges Soziologie- oder Philosophiestudium verständlich zu machen. Das ist eine bei Marxisten sehr, sehr seltene Tugend. Die bürgerliche Ideologie sei eine starke Macht, sagte er. Wenn man die Dinge oberflächlich, ohne vertiefendes Nachdenken betrachte, stimmte sie sogar mit den Lebensverhältnissen in der kapitalistischen Welt überein. Allein, man dürfe nicht länger kritisch darüber reflektieren, sonst fiele es einem wie Schuppen von den Augen und die Ideologie würde als Propaganda entlarvt. Die Ideologie präsentiere also eine pro-kapitalistische Sichtweise, die plausibel klinge, solange man sie nicht systematisch mit den Tatsachen konfrontiere. Um Koflers Gedanken bildhaft auszudrücken, könnte man die Ideologie-Rezeption der Menschen in Kapitalismus mit dem Konsum leckerer, aber gesundheitsschädlicher Speisen und Getränke vergleichen. Man genießt sie, weil sie ein Bedürfnis befriedigen, denkt aber nicht über die Folgen nach.

Die bürgerliche Ideologie, sagte Kofler, könnte ihre volle Wirkung also nicht entfalten, wenn sich die Menschen tatsächlich mit ihnen auseinandersetzen würden. Dass sie dies nicht tun, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist die Konsequenz des repressiven Menschenbildes. Dieses Menschenbild ist gleichsam eine verzerrende Brille, durch die Menschen im Kapitalismus ihre Welt wahrnehmen. Bei diesem Menschenbild handelt es sich um Grundannahmen, an die sich die Menschen klammern, weil sie sich unbewusst davor fürchten, diese Einstellungen loszulassen. Um diesen Gedanken verständlich zu machen, machte uns der sozialistische Wissenschaftler mit den Grundlagen seiner an Marx orientierten Anthropologie vertraut.

Der frühe Mensch habe, so sagte er, ursprünglich in einer klassenlosen Gesellschaft gelebt – und zwar notgedrungen. Da die Menschen in dieser Zeit von der Hand in den Mund lebten und auch kein Geld hatten, fehlten ihnen auch die Voraussetzungen für die Spaltung in eine herrschende und eine beherrschte Klasse sowie für den Aufbau eines Staatsapparats, der dafür sorgen konnte, dass diese Trennung aufrecht erhalten blieb. In dieser frühen klassenlosen Gesellschaft konnten sich also die natürlichen Anlagen der menschlichen Gattung ungehindert entfalten, nämlich als dialektische Einheit des Dionysischen und des Apollinischen. Dieses Begriffspaar wurde zuvor von den Philosophen Schelling und Nietzsche verwendet; Kofler stellte es jedoch in den Bezugsrahmen einer marxistischen Anthropologie. Das Apollinische bezeichnet das Reich der Vernunft, der kühlen Berechnung, des planvollen Vorgehens, der akribischen Analyse. Das Dionysische jedoch bezieht sich auf die Welt des Kreativen, der Sinnlichkeit und des Erotischen von der Sympathie bis hin zur Sexualität. Die dialektische Einheit des Dionysischen und Apollinischen lässt sich, so Kofler, am deutlichsten im Spiel beobachten. Das Spiel folgt einerseits mehr oder weniger strengen Regeln, gewährt aber andererseits Spielraum und die „Arbeit“ des Spielers setzt sich unmittelbar in Lebensgenuss um.

In der Klassengesellschaft änderte sich dies nun. Aus der spielerischen Arbeit und dem arbeitenden Spiel wurde der Ernst des Lebens, die Fron. Die dialektische Einheit des Apollinischen und des Dionysischen wurde verzerrt. Das Erotische wurde demgemäß unterdrückt und reglementiert. Es büßte einen erheblichen Teil seines spielerischen Charakters ein und wurde – u.a. infolge repressiver christlicher Lehren – angstbesetzt. Mit dem Bedeutungsverlust des Christlichen, der mit dem Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft und es Kapitalismus einherging, war natürlich auch eine Lockerung der erotischen Restriktionen verbunden. Diese hätte eine Sehnsucht nach der dialektischen Einheit des Apollinischen und des Dionysischen hervorrufen können. Denn tief im Unbewussten der Menschen ist, so Kofler, eine Urerinnerung an diese Zeit lebendig.

Wir sehen heute in der Tat eine Lockerung der Sitten bis hin zur Allgegenwart der Pornographie. Dennoch haben wir dabei nicht den Eindruck, dass hier die ursprüngliche dialektische Einheit des Dionysischen und des Apollinischen obwaltet. Der Grund dafür, dass sich selbst in den Exzessen der Pornographie ein „asketischer Eros“ manifestiert, liegt darin, dass sich mit dem Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft ein repressives Menschenbild entfaltete. Dieses Menschenbild ist ein Muster von Einstellungen, die darauf hinauslaufen,

  • dass die Menschen von Natur aus ungleich seien,
  • dass die Elite fleißig und kreativ, die Massen träge und faul seien,
  • dass deswegen die Privilegien der Elite gerechtfertigt seien und
  • die Unterdrückung der Massen notwendig sei und
  • dass die klassenlose Gesellschaft aus diesem Grund einen unerfüllbaren Traum darstelle.

Die Menschen, die dieses tradierte Menschenbild verinnerlicht hätten, würden bürgerliche Ideologien, die ihnen in der Presse, im Fernsehen, in den Schulen, an den Universitäten präsentiert werden, stets durch diese Brille wahrnehmen und seien daher nicht in der Lage, das, was ihnen eingetrichert würde, kritisch zu hinterfragen.

Kofler nahm einem Schluck aus dem Wasserglas, das auf seinem Pult stand, und schritt mit auf dem Rücken gefalteten Händen ein paar Schritte auf und ab. „Das Erotische ist“, meinte er schließlich, „der Sinn des Lebens. Und das sage ich vor allem Ihnen, meine Damen!“ Diese Szene spielte vor Jahrzehnten, aber sie ist in meiner Erinnerung immer noch sehr lebendig. Ich bin heute kein Marxist mehr und erst recht kein orthodoxer, wenngleich die Ideen Koflers nach wie vor einen Einfluss auf mein Denken ausüben, den ich nicht unterschätzen will.

Wer meine Tagebuch-Einträge verfolgt, wird wissen, dass ich die so genannten „psychischen Krankheiten“ für bewusste, meist unbewusste Inszenierungen halte. Inszeniert werden – problematische – Lösungen äußerer, meist jedoch innerer Konflikte, die ihre Wurzeln in sozialen oder ökonomischen Schieflagen haben. Die so genannten psychischen Krankheiten sind – vor allem in kapitalistischen Staaten – ein Massenphänomen. Nun mag man sich fragen, warum so viele Menschen problematische Konfliktlösungen inszenieren, anstatt sich zusammenzuschließen, um unerträgliche gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern. Koflers Theorie vom „repressiven Menschenbild“ trägt sicher erheblich zur Antwort auf diese Frage bei.

 

Erstveröffentlichung als Online-Tagebuch des Nürnberger Sozialpsychologen Dr. Hans Ulrich Gresch vom Samstag, 28. Juli 2012 auf „pflasterritzen.blogspot.de“ (mittlerweile vom Netz genommen).

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