Rudolf Sauerzapf: Die Vertreibung des Leo Kofler (2004)
»S. will Soziologie studieren« ist auf meinem »Zeugnis der Reife« vermerkt. Dieser Studienwunsch war das Resultat meiner Erfahrungen mit Faschismus und Krieg und der Frage nach dem »Warum?« dieses Geschehens. Unmittelbar nach Kriegsende suchte ich nach den Wegen und den gesellschaftlichen Kräften, die willens und fähig waren, eine humane Gesellschaft zu gestalten, die Kriege und politische Gewalt und Unterdrückung von ihrem Wesen her ausschloß. Denn daß Faschismus und Krieg gesellschaftliche Ursachen hatten, davon war ich überzeugt. In den programmatischen Publikationen der politischen Parteien, die sich noch in der Gründungsphase befanden, spielte damals der Begriff »Sozialismus« eine vordergründige Rolle. Der Nationalsozialismus war noch nicht ganz überwunden, da gab es die Begriffe »christlicher Sozialismus«, »demokratischer Sozialismus« und »wissenschaftlicher Sozialismus«. Bei einem so vielfältigen Sozialismen-Angebot wollte ich wissen, was Sozialismus tatsächlich bedeutet. Die Antwort fand ich in der Schrift von Friedrich Engels »Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«. Auf diesem Wege kam ich zum Marxismus.
Der skizzierte geistige Prozeß fand vielfältige Bestätigungen im Alltagserleben. Im August 1945 kam ich 16jährig aus Kriegsgefangenschaft nach Hause. Angesichts der Kriegszerstörungen konnte der Schulbetrieb noch nicht wieder aufgenommen werden. Deshalb nahm ich im Oktober 1945 in einer Maschinenfabrik in Mainz eine Lehre zum Industriekaufmann auf. U. a. hatte ich Kundenrechnungen zu schreiben, und es interessierte mich, wie sie zustande kamen, also die Kalkulation. Ich fand die praktische Bestätigung dafür, was Marx theoretisch in seiner Schrift »Lohn, Preis und Profit« dargelegt hatte. Mit kritischem Interesse verfolgte ich die Politik der alliierten Besatzungsmächte, die demokratische Willensentscheidungen, z. B. der hessischen Wähler, außer Kraft setzten, die entgegen ihren völkerrechtlichen Erklärungen a priori festlegten, was eigentlich einer späteren demokratischen Entscheidung durch das gesamte deutsche Volk bedurft hätte. Sie konnten dies tun, weil sie die aktive Unterstützung der konservativen Kräfte in Westdeutschland fanden. So wurde auch
die Restauration des westdeutschen Monopolkapitals bereits in Ansätzen deutlich.
