Christoph Jünke: Nachwort Karolinger (2015)
Nachwort 2014: Als ich den vorstehenden Aufsatz [„Wie ein reaktionäres Häuflein versucht, den linken Sozialisten Leo Kofler auf rechtsaußen zu drehen“] im Februar 2008 auf der Homepage der Leo Kofler-Gesellschaft und (in gekürzter Fassung) in der Tageszeitung junge Welt veröffentlichte, war dies ebenso als klassischer Aufklärungsjournalismus wie als publizistische Kampfansage gedacht gegen einen sich unter Verletzung von Urheberrechten widerrechtlich als Herausgeber von Kofler-Schriften gebärenden Wiener Hallodri. Ich deckte nicht nur auf, dass und wie das von Reinhard Pitsch herausgegebene Buch mit Kofler-Aufsätzen ein Gemeinschaftswerk mehrerer (im Buch selbst nur en passant erwähnter) Beteiligter war. Ich behauptete auch, dass diese Beteiligten vor allem der »Koflerianer« Stefan Dornuf (ein alter Freund und enger Mitstreiter von Pitsch) und der einschlägig bekannte radikal rechte Vordenker Günter Maschke seien und dass dieses Kollektiv aus Ex-Linken und Neu-Rechten in der ultrarechten Szene gut vernetzt sei, was schon die Wahl des Karolinger-Verlages dokumentiere. Ich verdeutlichte also, dass das, was wie ein Kuriosum daherkam, ein gezielter, organisierter und kollektiver Akt war, mit dem Ziel, den marxistischen Gesellschaftstheoretiker und revolutionär-sozialistischen Humanisten zum konservativen Kulturkritiker und zynisch-elitären Anti-Linken umzustilisieren, ihn gar zum Nationalisten und National-Sozialisten umzuinterpretieren, um ihn für die zeitgenössische ultrarechte Ideologieproduktion aufzubereiten. Und ich zeigte auf, dass und wie die Herausgeber das Koflersche Werk fast vollständig entweder fehlinterpretieren oder gar direkt ablehnen, und dass sie dort, wo sie ihn für ihre Sache vereinnahmen wollen, vor Manipulationen und direkten Verfälschungen des Koflerschen Werkes nicht haltmachen.
Die Folgen der Veröffentlichung meiner mühsamen Recherchen bestätigten diesen Befund eindringlich. Anfang April 2008 bekamen die Leo Kofler-Gesellschaft und ich eingeschriebene Post von dem Düsseldorfer Rechtsanwalt Björn Clemens, der im Auftrage von Stefan Dornuf und im Zusammenhang mit Reinhard Pitsch die Gesellschaft und mich gleich mehrfach verklagte. Der ehemalige REP-Aktivist Clemens ist ein in der gesamten rechten Szene gern gesehener Redner, Autor und Referent, der auch auf NPD- und DVU-Veranstaltungen aufgetreten ist und gelegentlich militante Rechtsextremisten verteidigt (vgl. ausführlich Jünke 2008). Entsprechend engagiert nahm er sich auch der Sache von Dornuf und Pitsch an und verlangte von der Kofler-Gesellschaft und von mir Unterlassungs- und Verpflichtungserklärungen, die bei Zuwiderhandlung mit einem Ordnungsgeld von bis zu einer viertel Million Euro oder Ordnungshaft zu ahnden seien. Manche dieser existenzbedrohenden Klagen wurden vom Landgericht Bochum sofort niedergeschlagen, manche gingen bis zum Oberlandesgericht Hamm. Dort schließlich unterlag Dornuf im November 2008 und musste (nachdem ihm dies die Richter mit Bestimmtheit nahegelegt hatten) auch sein letztes gegen mich angestrengtes Verfahren kostenpflichtig einstellen. Einen Monat später wurde dann Pitsch rechtskräftig und an sich kostenpflichtig verurteilt, nicht weiter bestimmte, meine Persönlichkeitsrechte verletzende Aussagen zu verbreiten. Ich schreibe »an sich«, weil es Pitsch geschafft hat, sich durch Erklärung eines persönlichen Bankrotts vor der Bezahlung seiner diesbezüglichen Schulden zu drücken. So bekamen die Kofler-Gesellschaft und ich zwar umfassend Recht, blieben aber leider auf einem nicht unbeträchtlichen Teil der Gerichts- und Anwaltskosten sitzen, die wir zwar nicht vollständig, wohl aber größtenteils durch eine damals initiierte Spendenkampagne ausgleichen konnten.
Dass sich meine im Aufsatz gemachten Ausführungen nicht nur als sauber recherchiert erwiesen, sondern auch durch die grundgesetzlich geschützte Meinungsfreiheit gesichert waren, hat die beiden Kameraden nicht davon abgehalten, ihre Fehde gegen mich und andere innerhalb wie außerhalb des Gerichtssaales fortzuführen. Unter Pseudonym ergriff die ultrarechte Zeitschrift Junge Freiheit mehrfach offen Partei für ihre Schützlinge (interviewte sogar den seine Mittäterschaft dabei eingestehenden Günter Maschke), während Dornuf selbst auf der Homepage des Karolinger-Verlages Texte veröffentlichte, die man jedem Interessierten nur empfehlen möchte, da sie den fortgeschrittenen Grad an geistigem Verfall dokumentieren, der ihren Autor mittlerweile ereilt hat. Pitsch wiederum flankierte diese Kampagne, indem er noch im Gerichtssaal ankündigte, dass ich mich nicht zu früh frühen solle, da dies nur der Anfang sei. Entsprechend verbrachte er den Sommer und Herbst 2008 nachweislich damit zu, Mails an diverse Zeitungsredaktionen, an wissenschaftliche und andere Institutionen und an viele Einzelpersonen zu versenden, in welchen er mich so hinterrücks wie gezielt als »Fälscher, Verleumder und Lügner« denunzierte (weswegen er schließlich auch rechtskräftig, aber leider ohne wirkliche Konsequenzen verurteilt werden sollte).
Die reichhaltigen und aufschlussreichen Details der damaligen Verhandlungen erspare ich mir hier. Festzuhalten bleibt in diesem Zusammenhang, dass ich mit der Analyse der Auseinandersetzung leider umfassend Recht bekommen habe. Bei der ganzen Sache handelt es sich um einen von langer Hand vorbereiteten und mit krimineller Energie in die Tat umgesetzten, systematischen Rufmord an Leo Kofler und seinen in der Leo Kofler-Gesellschaft versammelten Freunden und Schülern. Die Täter (wie gesagt eine Mischung aus Ex-Linken und radikalen Rechten) sind gut organisiert und milieumäßig gut verankert und sie schrecken nicht vor Verleumdungen und vor Fälschungen von Kofler-Texten zurück. Gerade weil ihr Ansinnen dem Koflerschen Geist Gewalt antut, müssen sie beides sogar zwangsläufig einsetzen. Und weil sie offensichtlich weder bereit noch fähig sind, die Kunst der Argumentation zu pflegen, legen sie es gezielt darauf an, mit fadenscheinigen Begründungen jenen einen juristischen Maulkorb anzulegen, die ihrem Treiben aufklärend entgegentreten. Gegner sollen auch und gerade finanziell auf eine Weise unter Druck gesetzt werden, dass sie damit vor jeder weiteren öffentlichen Auseinandersetzung mit diesen Machenschaften zurückschrecken. Quod erat demonstrandum!
Doch auch in diesem Fall gilt es, durch diese reichlich unappetitlich agierenden Personen hindurch zu schauen, um sich Koflers Werkgehalt und seiner anhaltenden Aktualität historisch verstehend zu nähern. Denn dann wird deutlich, dass und wie wir es hierbei einmal mehr mit dem Auf und Ab jener progressiven Elite zu tun haben, als deren originäre Pflanzen auch Reinhard Pitsch und Stefan Dornuf zu gelten haben.
In seinen jungen Jahren angetreten, die repressive Toleranz des bürgerlichen Liberalismus anzugreifen, ohne dies aus einem sozial und politisch-ideologisch stabilen linken Oppositionsmilieu heraus tun zu können, ist der progressive Intellektuelle hin- und hergerissen zwischen Optimismus und Pessimismus, zwischen Aufbruch und Regression, und droht diesem Konflikt auf je individuelle Weise vorübergehend oder dauerhaft zu erliegen. Letztlich abhängig von den herrschenden Zeitläufen, wird der von den schwachen oder verwirrten Kräften des Fortschritts latent isolierte Intellektuelle gedrängt, entweder seinen privaten Frieden (oder auch nur Waffenstillstand) mit den herrschenden Verhältnissen zu schließen oder sich ins gegenkulturelle Ghetto einzumauern. Gelingt auch dies nicht mehr, beispielsweise in der neuen Unübersichtlichkeit einer postmodern-deutschen Verwirrung in den 1990er Jahren, beobachten wir in diesen Zeiten einer strukturell ambivalenten political correctness schließlich, dass und wie einige dieser Progressiven in gänzlich andere Lager übergehen, während sie sich gleichzeitig auch weiterhin als kritische Oppositionelle fühlen (vgl. Jünke: Streifzüge durch das rote 20. Jahrhundert, Hamburg 2014, Kapitel 12 bis 14). Die epochale Ohnmachtserfahrung führte damals dazu, dass diese Intellektuellen den bürgerlichen Nihilismus von der vermeintlichen Alternativlosigkeit und vom angeblich linken »Gutmenschentum« (an ihren Begriffen könnt Ihr sie erkennen…) reproduzieren. Während sie also das Progressive zumeist Stück für Stück abstreifen, bleibt diesen Vertretern einer progressiven Elite aufgrund ihres kulturellen Kapitals noch immer das intellektuell Elitenhafte, das sie nun als elitären Zynismus gleichsam neu formatieren, um auf dem herrschenden Markt der Möglichkeiten zu reüssieren. Dass hierbei die Übergänge zwischen Links und Rechts wenn auch nicht zwangsläufig, so doch auch nicht zufällig und entsprechend fließend sind, das lässt sich seitdem immer wieder feststellen und ist ein gern gesehenes Thema im liberalen deutschen Feuilleton (ich selbst habe den in unserem Zusammenhang besonders aufschlussreichen Fall des Bernd Rabehl in Jünke 2014, Kapitel 14, ausführlicher behandelt). Kein Zufall deswegen, dass Stefan Dornuf sein zynisches Coming-Out Mitte der 1990er Jahre ausgerechnet in der Zeitschrift Konkret feierte (Dornuf 1994). Und schon damals benutzte er dazu das einzige kulturelle Kapital, das ihm zur Verfügung stand und steht, seine Kenntnis des Werkes von Leo Kofler. Bereits damals versuchte er, Kofler »neu zu lesen« (O-Ton), und der Übergang vom neuen linken Zynismus ins nationalrevolutionäre Milieu war, wie wir heute wissen, nicht mehr weit. Das kann eben passieren, wenn man nicht mehr, wie Leo Kofler, zu unterscheiden versteht zwischen Humanismus und Nihilismus.
Die strukturell hohlköpfige ultrarechte Szene wiederum kann bei ihrer Umwertung aller Werte intelligente Renegaten von links gut gebrauchen. Denker wie Wolfgang Harich oder Leo Kofler sind in diesem Zusammenhang leichte Opfer ihrer Manipulationen – nicht weil diese wirklich auf rechts gestrickt werden könnten (obwohl man theoretisch alles umdrehen kann), sondern weil es nur wenige gibt, die diese Einzelgänger wirklich kennen bzw. verteidigen. So können sie darauf spekulieren, dass immer etwas hängen bleibt auf diesem Wege… Umso wichtiger ist die Kenntnis und Pflege der eigenen Vordenker, denn wer seine eigene Geschichte nicht kennt, dem kann sie umso leichter enteignet werden.
Erstveröffentlichung in Christoph Jünke: Leo Koflers Philosophie der Praxis. Eine Einführung, Hamburg (Laika-Verlag) 2015, S.171-175.
