Theo Schiffermann: Nachruf auf Hubert Schütz (2007)

Hubert Schütz ist nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Er war Mitglied der Leo-Kofler-Gesellschaft seit deren Gründung, lebte und arbeitete in München. Er unterstützte mit großem Interesse die Arbeit der Gesellschaft durch persönliche Anregungen und eigenständige Dokumentationen über die Lehrtätigkeit von Leo Kofler an der Sozialakademie Dortmund in den 1960er Jahren. Dort hatte er als Studierender mit einem Stipendium des DGB Leo Kofler kennen und schätzen gelernt: dessen Persönlichkeit als ein engagierter Pädagoge und als ein unorthodoxer marxistischer Wissenschaftler. Hubert Schütz verfolgte weiterhin bis zu seinem Lebensende mit besonderer Aufmerksamkeit die Publikationen von und über Leo Kofler, las sie und setzte sich als aktiver Gewerkschafter konstruktiv-kritisch mit der Position Leo Koflers auseinander: Er respektierte die humanistische Perspektive bei Leo Kofler, sie war für sein Bild vom sozialen Menschen bestimmend. Er war beeindruckt von dessen gesellschaftlicher Analyse der bürgerlichen Gesellschaft, die ihn motivierte, sich konkret mit den sozialen Entfremdungserscheinungen zu befassen. Er war kritisch gegenüber Koflers umfassender Kritik an den Organisationen der bundesdeutschen Arbeiterbewegung: Hier vermisste er eine differenzierende Sicht.

Noch kurz vor seinem Tod plante und organisierte Hubert Schütz eine öffentliche Veranstaltung zu Leo Kofler – gemeinsam mit Christoph Jünke – in München im Mai dieses Jahres. Er leitete diese Veranstaltung und moderierte die anschließende Diskussion. Diese von ihm angeregte Tagung stieß auf eine beachtliche und positive Resonanz. Es war die letzte öffentliche Aktivität in seinem Leben.

Hubert Schütz stammte aus einer Handwerkerfamilie in Kempten. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er eine Ausbildung als Sachbearbeiter bei der örtlichen AOK und trat schon als Auszubildender der Gewerkschaft bei. In der ÖTV wurde man auf ihn als intelligenten, zuverlässigen und stets einsatzbereiten Mitarbeiter und Kollegen aufmerksam. Er wurde als hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär übernommen. Sein beruflicher Werdegang mit vielseitigen, verantwortlichen Aufgabenstellungen führte ihn in den letzten Berufsjahren in die Bezirksleitung Bayern der ÖTV. Hubert Schütz durchlief nicht nur mit großem Interesse und Einsatz den gewerkschaftlichen Bildungsweg. Er erwarb sich auch als Autodidakt umfangreiches Wissen in marxistischer Ökonomie und Sozialphilosophie, über Kunst, Naturwissenschaften und Naturphilosophie sowie über die Geschichte der Arbeiterbewegung. Er verstand die „Gewerkschaften als den wichtigsten – derzeit fast einzig verbliebenen – Teil der Arbeiterbewegung“ (so in seinen autobiografischen Notizen). Die gegenwärtige Situation der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie, deren kritisches Mitglied Hubert Schütz auch war, sei „beklemmend“, doch war er der Auffassung, „bei Betrachtung der historischen Entwicklung mit ihrem Auf und Ab“ ließe sich hoffen: „Mich hat immer die ‚reale Utopie‘ überzeugt (Walter Dirks, Ernst Bloch) und die Dialektik als Bewegungsform der Natur, Gesellschaft und des Denkens stimmt mich immer wieder optimistisch. […] Die Klassenstruktur von Gesellschaften, die ‚Autonomie‘ der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft von heute zeigt, dass die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit nur neue Formen angenommen hat, aber täglich neu ausgefochten werden muss […] Wenn gegenwärtig eine alternative Wirtschaftsordnung nicht durchsetzbar erscheint und die kapitalistische Produktionsweise nicht in Frage gestellt wird, so ist das für mich kein Grund, die Notwendigkeit einer anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung aufzuzeigen.“ In diesen Aussagen von Hubert Schütz spiegeln sich die gesellschaftspolitischen Vorstellungen und Anregungen zum Handeln wider wie auch in seiner Lebens- und Arbeitsmaxime: „Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum, wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang zu einer neuen Wirklichkeit.“

Leo Kofler war für Hubert Schütz von besonderer Bedeutung. Der hatte ihn zum wissenschaftlichen Sozialismus geführt – nicht nur theoretisch, abstrakt, sondern als Werkzeug für gesellschaftliche Analyse und als Anleitung zum sozialpolitischen Handeln. Bei aller Achtung vor Leo Kofler blieb Hubert Schütz nie unkritisch ihm gegenüber. Er war eine eigenständige Persönlichkeit, ein sachlicher Kritiker auch seiner Gewerkschaft. Er nahm die Notwendigkeiten gewerkschaftlicher Kleinarbeit ernst, verlor aber nie die große Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderungen aus dem Blick. Hubert Schütz war in der Gewerkschaft ÖTV und im DGB Bayern sehr anerkannt: Man schätzte seinen Arbeitseinsatz, seine fachlichen und sozialen Qualitäten, respektierte seine sozialistische Position. Er hatte einen guten Namen in der Gewerkschaft und war ein gefragter Ratgeber für gewerkschaftliche, sozialpolitische und gesellschaftliche Fragen – auch nachdem er seine berufliche Tätigkeit beendet hatte.

Hubert Schütz blieb auch als Rentner aktiv: Er bildete sich in seinen wissenschaftlichen Interessengebieten weiter und engagierte sich z.B. in der Geschichtswerkstatt Kolbermoor. Hier erstellte er eine biografische Arbeit über Ewald Thunig, einen Revolutionär von 1918/19, Widerstandskämpfer gegen die Nazis, den er noch persönlich kennen gelernt und als Vorbild für seine gewerkschaftliche Aktivität geschätzt hatte. Er arbeitete im Archiv der Münchener Arbeiterbewegung mit und bei den Münchner Freidenkern. Hier gründete er eine Arbeitsgruppe Esoterik, die sich mit der kritischen Aufklärung über neue Ersatzreligionen beschäftige. Aktiv verbunden war er mit der Gruppe, die die Zeitschrift Arbeiterstimme in Nürnberg herausgibt. Hubert Schütz blieb auch interessiert und tätig, als er in den letzten Jahren schwer erkrankte und das fast bis zu seinem letzten Lebenstag. Hubert Schütz starb am 21. Juli 2007 in seinem 69. Lebensjahr. Durch seinen Tod hat auch die Leo-Kofler-Gesellschaft ein wertvolles Mitglied verloren.

Erstveröffentlichung in: Mitteilungshefte der Leo Kofler-Gesellschaft e.V., Heft 7, November 2007, S.2f.

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