Theo Schiffermann: Nachruf auf Christian Müller

Durch den Tod von Christian Müller hat die Leo-Kofler-Gesellschaft ein wertvolles Mitglied verloren. Christian Müller trat der Gesellschaft mit ihrer Gründung bei und wurde 1999 als Beisitzer in den Vorstand gewählt. Diese Funktion nahm er sehr kompetent und mit großem Engagement wahr: äußerst interessiert an der Entwicklung der Gesellschaft und theoretisch kundig. So ist es ihm unter anderem zu verdanken, dass im November 2000 an der Karl-Rahner-Akademie in Köln eine öffentliche Veranstaltung zu Leo Kofler stattfand, die er intensiv vorbereitet hatte und die auf eine beachtliche Resonanz stieß.

Christian Müller war ein umfassend gebildeter und kritischer Sozialist, politisch als Linker in der SPD Köln und in der Kölner Gewerkschaftsbewegung tätig, setzte er sich auch in anderen linksorientierten Gruppen und Kreisen für seine sozialistischen Vorstellungen ein: kenntnisreich in der sozialphilosophischen Literatur, diskussionsstark und unbeugsam in Fragen der Grundauffassungen eines sozialistischen Humanismus im Sinne Leo Koflers. Er lernte Leo Kofler Mitte der 1960er Jahre an der Volkshochschule Köln kennen, besuchte seine Seminare und stand mit ihm in einem freundschaftlichen und kritischen Gedankenaustausch bis zu dessen schwerer Erkrankung 1991. Auch danach hielt er Kontakt zu Leo Kofler, besuchte ihn und unterstützte seine Frau bei der schwierigen Krankenpflege im Krankenhaus und zuletzt zu Hause bis zu dessen Tod. Für Christian Müller war das eine solidarische Verpflichtung, basierend auf seiner menschlichen Verantwortung. Er schätzte Leo Kofler als Persönlichkeit sehr, obwohl er zu dessen Werk eine kritisch-konstruktive Distanz hielt, resultierend aus seinen vielseitigen philosophischen und kunsttheoretischen Kenntnissen.

Christian Müller kam aus einer Arbeiterfamilie, erlernte den Facharbeiterberuf des Schriftsetzers und war aktiv tätig in der Gewerkschaft Druck und Papier. Er bildete sich als Autodidakt politisch und wissenschaftlich weiter, wurde Bildungsreferent beim DGB Köln, legte die Sonderbegabtenprüfung zum Hochschulstudium erfolgreich ab und studierte das Grundschullehramt, das er mit dem Staatsexamen abschloss. Das erziehungswissenschaftliche Studium setzte er fort und beendete es als Diplom-Pädagoge mit einer Arbeit über die Untersuchung von Karl Marx über den Holzdiebstahl. Christian Müller studierte intensiv, finanzierte sein Studium weitgehend selbst, bemühte sich, schnell wieder eine Erwerbstätigkeit aufnehmen zu können, um seine Familie zu unterstützen. Nach dem Studium war er mehrmals arbeitslos, nahm kurzfristige Tätigkeiten auf – so leitete er für ein Jahr die Kölner Heimvolkshochschule für junge Arbeitnehmer –, bis er zuerst im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und dann hauptberuflich die Leitung der Zivildienste an zwei Krankenhäusern der Stadt Köln übernehmen konnte, die er 18 Jahre lang bis zu seinem Einstieg in die Rente ausübte. Er führte diese Position und Funktion nicht nur administrativ aus, sondern er gestaltete den Zivildiensteinsatz inhaltlich, führte neue Organisationsformen und Aktivitäten ein und legte die Grundlagen für eine gesellschaftspolitische Weiterbildung für die Zivildienstleistenden, die Modellcharakter in Köln erlangte. Auch im Rahmen dieser Tätigkeit brachte Christian Müller seine politischen und sozialphilosophischen Kenntnisse und Erfahrungen ein.

Ständig bildete er sich autodidaktisch weiter: auf verschiedenen philosophischen Gebieten, in den Bereichen der Kunst und der Geschichte. Sein vielseitiges Interesse war unerschöpflich. Bis kurz vor seinem Tod am 12. April 2001 aufgrund einer schweren Erkrankung las er philosophische und kunstgeschichtliche Werke, besuchte noch unter schwierigen Umständen Bildungsveranstaltungen und war bis zuletzt ein aufgeschlossener Gesprächspartner, von dessen jeweils neuen Erkennt­nissen man immer wieder lernen konnte. Bis zuletzt verfolgte er mit besonderem Interesse die Entwicklung in der Leo-Kofler-Gesellschaft, machte sich Gedanken über die geplante Neuausgabe der Werke von Leo Kofler und bedauerte sehr, nicht mehr an den Vorstandssitzungen der Gesellschaft teilnehmen zu können. Christian Müller starb im Alter von fast 69 Jahren.

Erstveröffentlichung in: Mitteilungshefte der Leo Kofler-Gesellschaft e.V., Heft 5, November 2002, S.7.

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