Trauerrede des Bochumer Historiker Prof Dr. Günter Brakelmann (von 1996 bis 2003 Vorsitzender der Leo Kofler-Gesellschaft e.V.) auf der Trauerfeier für Leo Kofler am 31. August 1995 in Köln

Liebe Frau Kofler, liebe Familie Kofler, liebe Trauergemeinschaft!

Leo Kofler hat uns verlassen. Wir wollen ihn gemeinsam zur letzten Ruhe begleiten. Wir wollen uns in diesen Minuten an ihn, den Menschen Leo Kofler erinnern. Unsere Erinnerung ist die Weise, ihn uns zu vergegenwärtigen. Er ist gestorben, aber für uns ist er nicht tot. Und seine Zukunft ist unendlich, solange gegenwärtige und kommende Menschen an ihn denken, seine Werke lesen und mit ihm Zwiesprache halten. Seine Zeit wird bleiben, solange Menschen ihn als geistigen Vater im eigenen Selbstverständnis bewahren. Es gibt Gründe, dass Leo Kofler durch seine unverwechselbaren Werke weiterlebt. Das hilft uns, unsere Trauer in Zuversicht zu verwandeln. Sein Leben hat er vollendet, unser Leben mit ihm liegt neu vor uns.

Der Mensch Leo Kofler ist ohne seine Stadt Wien nicht zu verstehen. Hier ist die Heimat des späteren Ehrenbürgers seiner Stadt geblieben. Wien war für ihn die Stadt der Kunst und Kultur wie die Stadt der Österreichischen Arbeiterbewegung. Der junge Kofler gewinnt hier die Fundamente und Ziele für sein ganzes Leben. Er erlebt am eigenen Leibe, was proletarische Existenz ist. Er erlebt, was Arbeiterbewegung als politische und kulturelle Emanzipationsbewegung bedeuten kann. Und er erlebt, welche Bedeutung marxistische Theorie für die Interpretation des Gegebenen und für die Bestimmung des Kommenden haben kann. Er wird Denker, Soziologe und Philosoph im Kontext der Arbeiterbewegung der zwanziger und dreißiger Jahre. Ohne formales Studium eignet er sich die sozialistisch-humanistische Tradition in marxistischer Begründung an.

Was er als junger und reifender Mann geworden war, ist er durch alle wechselvollen Zeitläufte hindurch bis zum Tode geblieben: ein unbeugsamer Anwalt für die konkrete Emanzipation der ökonomisch Abhängigen, der politisch Unmündigen und der kulturell Entfremdeten. Ein revolutionärer Humanismus ist der cantus firmus seines Lebens gewesen.

Faszinierend zu nennen ist seine Treue zum Ursprung und zum Ziel seiner Grundentscheidungen, während Verrat um ihn herum an der Tagesordnung waren. Auch Koflers Kritik am Stalinismus, die ihn zu einem der ersten Dissidenten in der DDR machte, hat ihn nicht wie viele andere zum Bruch mit der sozialistischen Tradition gebracht, sondern in ihm den Impuls verstärkt, durch Rückgriff auf den Ursprung einen erneuerten Marxismus für die Zukunft zu entwickeln. Ein Außenseiter wird zum Sachwalter eines kreativ und dynamisch verstandenen Marxismus, der sich nicht zur weltanschaulichen Legitimationswissenschaft degenerieren und nicht zur ideologischen Herrschaftsabsicherung missbrauchen ließ.

Man fragt sich: wie hat ein Mensch das lebenslang durchhalten können, fast immer zwischen allen wohletablierten Stühlen zu sitzen. Was hat ihn befähigt, sich in versuchlichen Situationen nicht korrumpieren zu lassen, sondern in erstaunlicher Standfestigkeit sich selbst und der von ihm vertretenen Sache treu zu bleiben? Während um ihn herum Altmarxisten bürgerliche und akademische Karriere machten, sich den Siegern als Trabanten empfahlen. Vielleicht hat dies doch etwas zu tun mit seiner Herkunft aus jüdischer Tradition, die auch dann noch die Tiefenschichten des Charakters prägt, wenn man bewusstseinsmäßig die religiöse Tradition hinter sich gelassen hat. Diese Treue zu sich selbst, diese Standhaftigkeit, dieser Mut zur Konsequenz, diese Bereitschaft zum Klaren und Eindeutigen, diese prophetische Kritik und diese prophetische Zuversicht – bei diesem allem dürfte ein tieferliegendes Erbe seiner Mütter und Väter anwesend sein. Aber auch ein anderes Erbteil hatte der Unbeugsame bei sich: Sensibilität, Weichheit und Güte. Und sein Humor und seine Selbstironie zeigen, dass er sich von sich selbst distanzieren konnte.

Aus diesem Erbe und aus diesem selbstentfalteten Menschentum kommen nicht die Dogmatiker und Fanatiker, sondern selbstbewusste, aber nicht sich selbst überhöhende Menschen. Leo Kofler war körperlich und seelisch stark, in seiner Lebensführung bescheiden – ein Bett und ein Schreibtisch reichten ihm. Aber er war unbescheiden in seinen Ansprüchen, was Bildungswilligkeit und Arbeitsethos angehen. Ein gebildeter Marxist kennt die Klassik in Literatur und Philosophie, betreibt Studien über Ästhetik und vieles andere mehr. Er kennt die Spitzenleistungen der bürgerlichen Epoche. Nicht an ihnen vorbei, sondern durch sie hindurch über sie hinaus betreibt er sein originäres Geschäft, die „Frage nach dem Verhältnis von Mensch und der von ihm gemachten, also menschlichen Welt“. In dem eigenen Versuch der Grundlegung einer marxistischen Anthropologie und eines revolutionären Humanismus ist der Dialog mit anderen selbstverständlich. Der Dogmatiker ist dialoglos, da er die objektive Wahrheit verwaltet. Kofler hat sich intensiv mit zeitgenössischen Denkern aus allen Lagern auseinandergesetzt, freundschaftlich-kritisch, auch hart und manchmal vielleicht zu hart. Es ging ihm in seinen Kontroversen nicht um das sattsam bekannte Glasperlenspiel mit Kollegen, sondern bei aller theoretischen Arbeit um ihre Behaftung auf die Solidarität und Parteinahme für die vielfach und vielseitig Entfremdeten. Kofler hatte ein Gespür dafür, wie man sich auch mit „linker Theorie“ aus der Mitverantwortung für die konkrete Überwindung des existentiellen und seelischen Elends verabschieden kann.

Einige sprechen vom Koflerschen Optimismus. Man sollte vielleicht besser Zuversicht und Hoffnung sagen. Dass sich trotz aller gegenteiligen Erfahrungen in der Deformation und Destruktion des Humanen das Menschengerechte geschichtlich durchsetzen wird, war ihm Gewissheit. Kofler selbst in Anlehnung an Georg Lukács: „Es gehört zum tragischen Charakter aller Geschichte, dass diejenigen, die seit urdenklichen Zeiten sich eingesetzt haben für den Fortschritt in der Geschichte, niemals die Verwirklichung ihrer Ziele und Träume selbst erlebt haben. Wenn man das weiß, ist man bereits im Besitze eines nicht zu brechenden Trostes und einer nicht zu schwächenden Ermutigung“.

Das ist geistiges Holz aus der hebräischen Bibel: Moses sieht das gelobte Land, betritt es aber nicht. Leo Koflers Gewissheit: es siegt am Ende nicht der organisierte Unsinn, weil es immer wieder Menschen geben wird, die sich im Namen des Humanismus gegen die Selbstzerstörung erheben. Er selbst hat diesen Aufstand zeit seines Lebens praktiziert. Und er hat vielen Menschen, besonders denen mit unüblichen Lebens- und Bildungswegen, durch sein Vorbild und durch seine Argumente Perspektiven gewiesen. Er hat sie eingeladen und fähig gemacht, ihren Weg des Kampfes gegen Entfremdung und Nihilismus zu finden. Er war nicht das Haupt einer Sekte, sondern der Vater, der seine Töchter und Söhne in die Freiheit der eigenen Entscheidungen und Wege entließ. Er war ein großer Pädagoge, der vielen Menschen unter seinen Hörern und Lesern zur Geburt ihres eigenen Selbstverständnisses verholfen hat. Der bleibende Dank dieser Menschen ist ihm gewiss.

Dank zu sagen für dieses Leben, für diesen Mann, für diesen Denker verbindet uns alle in dieser Stunde. Und wir sagen Dank seiner Frau, die 44 Jahre mit ihm verbunden war. Was das im Einzelnen bedeutet, kann niemand von uns erfassen und beschreiben. Wie wir uns vor Leo Kofler verneigen, so verneigen wir uns in Respekt und Dankbarkeit vor Ursula Kofler. Sie hat ihm die zweite Hälfte seines Lebens ermöglicht und getragen. Sie hat ihn in der Zeit seiner letzten Krankenjahre begleitet. Und sie hat sein Sterben und seinen Tod miterlebt. Wer von Leo Kofler spricht, wird von Ursula Kofler nicht schweigen können.

Lassen Sie uns, die wir hier versammelt sind, den Ehemann, den Vater und Großvater, den Kollegen, Freund und Genossen, den Denker und Lehrer zur letzten Ruhe geleiten. Und die Erinnerung an ihn möge uns daran gemahnen, dass es noch einzulösen gilt, wofür er gearbeitet und worauf er gehofft hat.

Erstveröffentlichung in Christian Illian u.a. (Hrsg.): Leo Kofler. Materialien zu Leben und Werk, Bochum 1997.

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