Christoph Jünke: Trauerrede für Aloys Reuter, gehalten am 22. Juni 2018 in Essen
Liebe Marion, liebe Familienangehörige, liebe Trauergemeinschaft!
Aloys Reuter, der Ehemann und Vater, der Großvater und Freund, der Kollege und Genosse, ist nach einem erfüllten Leben für uns alle unerwartet von uns gegangen.
Seit dem tragischen Tod seines ältesten Sohnes Michael vor einem halben Jahr war Aloys nicht mehr der alte. Er vergrub sich in sich selbst, und seine körperlichen und geistigen Kräfte nahmen immer schneller ab. Dass er am Ende so gestorben ist, wie er es sich erhofft hatte – zuhause und ohne entwürdigenden Krankenhausaufenthalt – das sollte uns tröstlich stimmen. Doch das sagt der Kopf, das Herz dagegen ist traurig, denn ganz gleich, wie alt jemand wird, und ganz gleich unter welchen Umständen er verstirbt, bei den Menschen, die ihn geliebt und geschätzt haben, hinterlässt dieser Mensch eine spürbare Lücke. Und ganz gleich, wie alt die Eltern sind, wenn sie gehen, so ist es doch immer ein Verlust. Wir nehmen deswegen heute Abschied und gedenken eines aufrechten Mannes, eines leisen, aber herzensguten und eindringlichen Menschen, eines lesenden Arbeiters und engagierten Zeitgenossen, für den die Kritik keine Leidenschaft des Kopfes, sondern der Kopf der Leidenschaft gewesen ist.
Auch wenn es heißt, dass der Mensch von Geburt an frei und gleich sei, so haben wir alle lernen müssen, dass der dem Menschen anthropologisch aufgegebene aufrechte Gang nichts desto trotz erlernt und in Auseinandersetzung mit anderen immer wieder erneuert werden muss. Dies galt auch für den im Juli 1934 in Essen geborenen Aloys Reuter. Auch er hatte es nicht leicht, seinen aufrechten Gang zu erlernen.
Geboren in eine vom katholischen Christentum geprägte, ebenso kinderreiche wie konservative Bergarbeiterfamilie hier in Essen, hatte der junge Aloys gewichtige historische und familiäre Widerstände zu bewältigen. Als ein Kind des Nazi-Faschismus und des Zweiten Weltkrieges überlebte er diese dunkle, herausfordernde Zeit in der halbwegs sicheren Kinderlandverschickung. Und auch die große Zeit des Mangels und der Ungewissheit nach 1945 war auszuhalten, solange damals die Hoffnung auf eine bessere, humanere Welt blühte. Schon früh geriet er allerdings mit seinem allzu strengen und konservativen Vater aneinander – ein schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis, das wohl bis zu dessen Tod schwierig geblieben ist.
1949 ging dann Aloys – mit 15 Jahren noch ein Kind nach heutigen Maßstäben – den von der Familie vorgezeichneten Weg und wurde ein Essener Bergmann unter Tage. Er ging damals nicht nur mit weißem Hemd und Manschetten zur Arbeit, er liebte auch damals schon die klassische Musik, die Leichtathletik und die Bücher. In den fünfziger Jahren erlebte die politisch und ökonomisch darniederliegende Bundesrepublik ihr sogenanntes Wirtschaftswunder. Der junge Aloys wusste diese neuen Möglichkeiten zu nutzen. Er verließ den damals gerade in die Krise kommenden Bergbau und ging zur Post, während er gleichzeitig seine eigene Familie gründete. Als Familienvater hatte er bald fünf Kinder zu versorgen (Michael, Detlef, Sigrun, Rüdiger und Knut) – eigentlich sind es sechs gewesen, wenn man seinen eigenen, jüngsten Bruder Bernd mitzählt, um den sich Aloys zeitlebens besonders gekümmert hat. Und als Arbeiter bei der Post begann er eine Beamtenlaufbahn, die ihn Stück für Stück bis zum höheren Dienst brachte.
Aloys Werdegang in den fünfziger und sechziger Jahren scheint also die bundesdeutsche Erfolgs-Geschichte vom sozialen Aufstieg auch der alten Arbeiterschaft zu spiegeln. Doch war da immer auch diese andere Seite an ihm. Schon als junger Mann war er einer jener lesenden Arbeiter, von denen Bert Brecht – einer von Aloys bevorzugten Dichtern und Denkern – geschrieben hat:
„Wer baute das siebentorige Theben? / In den Büchern stehen die Namen von Königen. / Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? / Und das mehrmals zerstörte Babylon, / Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute? / Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war, die Maurer? / Alle zehn Jahre ein großer Mann. / Wer bezahlte die Spesen? / So viele Berichte, / so viele Fragen.“
Auch Aloys hörte schon früh viele Fragen in sich. Und er las, um diesen Fragen und Welträtseln auf die Spur zu kommen.
Mit dem Eintritt in die Deutsche Post trat er wie selbstverständlich auch in die Gewerkschaft ein, denn er wusste, dass sich soziale Erfolgsgeschichten wie seine nicht von selbst ereignen, dass sie immer wieder neu erkämpft werden müssen, und dass man sich auf ihnen nicht ausruhen sollte, wenn man mehr will als nur das sogenannte kleine Glück des Alltags. Der Eintritt in die Postlaufbahn war für ihn also nicht nur ein sozialer Aufstieg im materiellen Kampf für seine junge Familie. Er war auch begleitet von einer lebenslangen Fort- und Weiterbildung, die einerseits zur Schärfung seines kritischen gesellschaftlichen Bewusstseins beigetragen haben dürfte, andererseits aber auch zur Folge hatte, dass er eigentlich immer unterwegs gewesen ist. Und irgendwann in jener Zeit, ob schon Ende der fünfziger oder erst Anfang der sechziger Jahre, nahm ihn einer seiner Kollegen mit in die Volkshochschule, wo er auf einen Dozenten traf, der sein Leben entscheidend mitprägen sollte: Leo Kofler.
„Ohne Leo Kofler wäre Aloys ein anderer geworden“, so hat es sein Sohn Knut ausgedrückt. Und wenn die Erinnerungen stimmen, soll es sogar Kofler gewesen sein, der dafür verantwortlich war, dass sich auch Aloys Kleiderfarbe schlagartig änderte – von weiß zu bunt. Wer also war dieser Leo Kofler, der einen solchen Einfluss auch auf Aloys Leben ausübte.
Kofler gehörte zu den wenigen linken Intellektuellen, die in der konservativen Adenauer-Zeit an ihren alten Überzeugungen festhielten, ohne die neuen Tendenzen seiner Zeit zu ignorieren. Er war ein undogmatischer, marxistisch gesinnter Gesellschaftstheoretiker, der seine Zuhörerschaft vor allem in Volkshochschulen und Gewerkschaftskreisen in die Geschichte und Theorien menschlicher Emanzipation, aber auch in die Technik wissenschaftlichen Denkens einführte. Er war ein faszinierender Redner und Volkspädagoge, der unter die Oberfläche der Wirtschaftswunderzeit schaute und seinen Zuhörern die neuen Widersprüche des aufkommenden Sozialstaates aufzeigte. Er war ein sozialistischer Humanist, der ebenso die Kommunisten ob ihres tief sitzenden Stalinismus kritisierte wie er die Sozialdemokraten für ihre weitreichende Anpassung an die spätbürgerlichen Verhältnisse kritisierte. Er war ein Denker, der daran festhielt, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.
Kofler traute sich, jene Klassengesellschaft beim Namen zu nennen, die Aloys am eigenen Leibe erfahren hatte. Und er machte sich zum Vordenker jener Neuen Linken, die im Übergang zu den 60er Jahren aufkamen und die Revolte von „1968“ entscheidend mitprägen sollten. Am Rande oder sogar jenseits der großen Organisationen, so Kofler schon Ende der 1950er Jahre, entwickle sich eine neue historische Schicht von progressiven humanistischen Individuen, die kaum wirklich zusammenkommen und sich in vielem voneinander unterscheiden. Doch es eint sie die Kritik auch der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse, die Kritik des herrschenden Antihumanismus und Nihilismus – wie man damals sagte.
„Der renitente Hochschullehrer, der kritische Volkshochschuldozent, der Mitarbeiter an den wenigen oppositionellen [publizistischen] Organen, die es noch gibt, der Beamte, der nicht in allem mitspurt, der Betriebsrat, der nicht zu allem ja sagt, der Zuhörer, der gelegentlich aufsässig diskutiert, der politisch Interessierte, der Veranstaltungen mit bekannten Oppositionellen organisiert, der Schüler, der die Meinung seines Vaters ausplaudert und den Lehrer in Verlegenheit bringt, der Priester, der die Bibel progressiv auslegt usw.“ – so beschreibt Kofler jene progressive Avantgarde, die nicht nur heterogen ist, sondern auch widerspruchsvoll und unbeständig, die hin und her schwankt zwischen einem himmelstürmenden Optimismus und einem zu Tode betrübten Pessimismus.
Dieser neue Nonkonformismus war es, den Kofler im Übergang zu den sechziger Jahren theoretisierte. Und dieser Nonkonformismus war auch das, was Aloys Reuter auszeichnete. Aloys ist ein Beispiel für diese progressive, humanistische Elite, von der Kofler damals sprach und an die sich Kofler damals wandte. Wenn es also auch ein lebensgeschichtlicher Zufall gewesen ist, dass er damals auf Kofler stieß, so war es durchaus kein Zufall, dass dieser Mann eine so nachhaltige und dauerhafte Wirkung auf ihn ausübte. Lange Jahre ging Aloys in die Volkshochschulkurse von Kofler und noch in hohem Alter beteiligte er sich an der Gründung unserer Leo-Kofler-Gesellschaft. Noch vier Wochen vor seinem eigenen Tod war Aloys bei einem Besuch des Kofler-Grabes in Köln mit dabei. Und Aloys war immer dabei – und hat uns alle beeindruckt mit seiner unaufdringlichen Bescheidenheit, aber auch mit seinem verlässlichen Engagement und seiner inhaltlichen Bestimmtheit.
Progressive Humanisten wie Aloys sind, auch dies lässt sich bei Kofler nachlesen, nicht über einen Kamm zu scheren. Man findet sie nicht nur an einem Ort und selten als Gruppe. Es sind zumeist Einzelkämpfer, die dort kämpfen, wo sie stehen. Das galt auch für Aloys. Er engagierte sich dort, wo er war
- als Ausbilder bei der Post, wo er später, nach dem überraschenden Tode der ersten Frau auch seine zweite Frau Marion kennen und lieben lernen sollte;
- über lange Jahre und Jahrzehnte engagierte er sich auch in der Postgewerkschaft, wo er es immerhin zum Ortsvorsteher brachte;
- lange Jahre war er auch Mitglied in der SPD, die er in den 1990er Jahren, wie so viele, enttäuscht verließ;
- seit Ende der 1990er Jahre dann finden wir ihn in der Dortmunder Rosa-Luxemburg-Stiftung, wo er einmal mehr politische Bildungsarbeit organisierte und entsprechend viel herumkam;
- seit Ende der 1990er Jahre finden wir ihn aber auch als Gasthörer in der Bochumer Universität.
Hier und anderswo konnte er nach Herzenslust politisieren und theoretisieren – über Marx und Hegel, über Lukács und Nietzsche, und über all die anderen. Bis zum Schluss galt Aloys‘ große Liebe der Welt der Bücher. Sie sollten ihm, da war er herrlich altmodisch, die großen Rätsel unserer Welt lösen helfen.
Nicht untypisch ist aber auch, dass all dieses Lohn-Arbeiten, all dieses gesellschaftspolitische Engagement und all dieses Bücher-Lesen die individuelle Zeit und Kraft für anderes – nicht selten gerade für den bürgerlichen Alltag und die eigene Familie – aufzehrt. Manches mag hier auf der Strecke geblieben sein auch bei Aloys. Doch sollten wir nicht vergessen, dass selbst gute Menschen wie Aloys nicht vollkommen sind – nicht vollkommen sein können in gesellschaftlichen Verhältnissen, die nicht die ihren sind.
Aloys war, zumindest nach außen, mehr ein Kopf-Mensch als ein Bauch-Mensch. So etwas hinterlässt auch unbefriedigte Bedürfnisse. Ein kritischer Kopf kann gelegentlich nervend und allzu selbstbezogen sein, doch seine kritische Haltung war, wie gesagt, keine Leidenschaft des Kopfes, sondern vielmehr der Kopf einer Leidenschaft – die Leidenschaft eines überaus hilfsbereiten und herzensguten Menschen. Eines Menschen, der für alle da sein wollte, der sich für andere engagierte und gelegentlich auch aufopferte. Er war, um einen so altmodischen wie aktuellen Begriff zu benutzen, ein solidarischer Mensch. Und so habe auch ich Aloys Reuter kennen und schätzen gelernt:
- als einen sozialen und solidarischen Menschen, der sich verbunden fühlte mit all jenen, die in ökonomischer Abhängigkeit, politischer Unmündigkeit oder kultureller Entfremdung auch weiterhin verharren müssen;
- als einen ebenso bescheidenen wie aufmerksamen Menschen;
- als einen wissbegierigen und streitbaren Menschen;
- als einen aufrechten Humanisten mit einem ebenso offenen wie wachsamen Auge für das, was sich in der Welt tut.
Nun müssen wir ohne Aloys – den Ehemann, Vater und Großvater, den Freund, Kollegen und Genossen – weiterleben. Doch wir werden uns seiner auf diesem vor uns liegenden Weg immer wieder erinnern, jede und jeder auf seine oder ihre Weise, aber alle in der Hoffnung, dass wir damit sein Wohlwollen ernten würden. Lieber Aloys, wir begleiten Dich in tiefer Dankbarkeit zu Deiner letzten, wohlverdienten Ruhe: Friede Deiner Asche und Freiheit und Solidarität uns allen.
