Norbert Hruby: Ein Porträt Leo Koflers (1977)
Von Leo Kofler, dem Bürgerschreck eines belesenen Publikums, stammt das Wort einer bundesrepublikanischen Saustallgesellschaft. Unmut von links an einem von Wirtschaftskrisen gebeutelten westdeutschen Alltag, wo Krisenmanagement den Sozialismus zu ersetzen trachtet. Leo Kofler, Ehrenbürger des Landes Wien und seit seiner Wiener Emigration 1938 auf der Odyssee durch die Schweiz, die DDR und die Bundesrepublik, bis er sich in den fünfziger Jahren in der Rheinmetropole Köln niederließ, will sich damit nicht abfinden. Er wurde zum engagierten Kritiker eines geteilten Deutschlands. Am 26. April [1977] wurde der Sozialist und Kreisky-Freund 70 Jahre.
Die Keimzelle philosophierenden Denkens ist sein neues Heim in der Ferdinand-Lassalle-Straße geworden, in der er nur deshalb wohnt, wie die Studenten des Soziologieprofessors an der Universität Bochum ulken, weil es in Köln keine Karl-Marx-Straße gibt. Würde man seine Schriften nicht kennen, hielte man den kritischen Gesellschaftstheoretiker und Geschichtsphilosophen – verfemt im Osten, gelitten, aber nicht anerkannt im Westen – in der Tat für einen Bürger im Sonntagskleid. Seine Selbstdarstellung ist überzeugend sozialistisch, seine Wohnweise bürgerlich: Der reputierliche Schrank vergangener Jahrhunderte, das ästhetisch geschickt zusammengestellte Büffet von seiner Frau Ullchen, für die Gäste Gebackenes zu schwarzem Kaffee in Meißener Porzellan, das alternde Enfant terrible beim Abtrocknen des Geschirrs. Ob sich wirklich der gegen ihn erhobene Vorwurf des „Salonmarxismus“ auf die tragende Bedeutung der wirklichkeitsverändernden Kraft von Bewusstsein und Selbstreflexion bezieht, wie er es sieht, oder nicht doch auf seinen ganzen, fast bürgerlichen Habitus des Wohnens, ja der Genüsslichkeit schlechthin, wie es seine Gegner meinen?
Andererseits ist Kofler auf der Suche nach dem Gespräch mit dem Mann auf der Straße. Wenn auch mit Männern seines Alters; er nun siebzig, seine Gesprächspartner auch nicht jünger, also Rentner. Das mögen seine Studenten kennen, vielleicht auch schätzen. Er selbst braucht es, weil – Kofler über Kofler – er auch Empiriker ist. Dem Volk aufs Maul schauen, wenn auch nicht so sprechen. Die Alltäglichkeit „studieren“, die Unmittelbarkeit des Empirischen in ihrer Sinnlichkeit erleben, sich von ihr affizieren lassen, aber bei aller Affirmation ihr doch den Schein abringen und das Wirkliche: Strukturen, Haupttriebkräfte des Gesellschaftlichen, enthüllen.
Angefangen hat es eigentlich mit einer den Professor Kofler amüsierenden Parallele zu einem der ganz Großen des deutschen Idealismus. Hegel ist ein Dummkopf in der Philosophie, hieß es in dessen Gymnasialzeugnis. Leo Kofler wurde zwar nicht die Dummheit, wohl aber seine mangelhaften Geschichtskenntnisse zum Verhängnis. Zweimal fiel der vom Vater gescholtene „Taugenichts“ auf der Handelsakademie in Wien in Geschichte durch, scherte sich freilich wenig darum, „die Handelsakademie schien mir ohnehin zu nahe dem Wucher“, und hörte gegen den Willen seiner Eltern – jüdische Großgrundbesitzer in der polnischen Ukraine, die zu Beginn des Ersten Weltkrieges in der größten Armut nach Wien flohen und ihrem Sohn geboten, einen kaufmännischen Beruf zu lernen – bei Max Adler als Schwarzhörer Vorlesungen an der Wiener Universität bis zu dessen Absetzung im Jahre 1934.
Daneben war er von 1930 bis 1934 Referent der Wiener Bildungszentrale für Jugendorganisation in Wien, wo sich seine bewusste Trennung von der dogmatischen jüdischen Religiosität zum bewussten Atheismus vollzog und er seinen Sensus für Geschichte schärfte. Schließlich übte er sich, Formalitäten verachtend, nebenbei als Gasthörer an der Wiener Kunstakademie in Aktzeichnungen. Alles in allem nicht spießig mit festgelegtem Ziel, vielmehr vagabundisch wie ein Heimatloser im Sammelbecken abgewirtschafteter Vielvölkerpolitik. Denn das war Wien wohl während und nach dem Ersten Weltkrieg.
Der Vagabund und Autodidakt ohne abgeschlossene Bildung oder Beruf, Vorlesungsskripten im Ranzen und vom Vater ohne Absender nachgeschickt, emigrierte 1938 für neun Jahre in die Schweiz. Seine zurückgebliebenen Eltern hat er nie mehr gesehen. Der Arbeitsdienst für heimat- und mittellose Emigranten nahm ihn auf, brachte ihm ein bürgerliches Handwerk, die Schusterei, bei, und sieben Jahre lang den Straßenbau. Der Alltag prägte ihn, grub seine Schwielen wie Spuren in den Arbeitsdienstler, aber auch seine Bedrohung. Die Wissenschaft von der Gesellschaft, geschrieben, nicht aber veröffentlicht unter dem Namen seines Autors, erschien. Stattdessen stand da als Pseudonym der Name des polnischen Widerstandskämpfers Stanislaw Warynski auf dem Rücken eines Buches, welches bis heute in vierter Auflage erscheint, berücksichtigt man einmal nicht die Zahl der Raubdrucke.
Eines Buches auch, für das der vierzigjährige Kofler – immer noch Autodidakt – 1947 im anderen Deutschland die Doktorwürde der Universität Halle in Philosophie erhält. Heute schmeichelt es ihm, dass er sein Rigorosum vor versammelter, „damals noch bürgerlicher“ Fakultät ablegte. Ein Novum fast in der Geschichte der Promotionen, dass einem Autodidakten eine solche Auszeichnung zuteil wurde. Jedenfalls hielt es die Fakultät für würdig, seine Leistungen in die Doktorurkunde aufzunehmen. Erst hinterher, nachdem der so geehrte Doktor der Philosophie den nächstbesten Studenten nach der Bedeutung der latinisierten Benotung summa cum laude fragte, wusste er, dass er „mit höchstem Lob“ examiniert worden war. Das Akademische gerät in den Blick. Nicht, dass Kofler selbst darauf drang. Er versichert: „Das Ministerium drängte mich. Sie brauchten offensichtlich vertrauenswürdige sozialistische Professoren, als der ich erschien.“ Kurz, schon nach der Hälfte der akademischen Wartezeit von damals zwei Jahren zwischen Promotion und Habilitation legte der promovierte Philosoph seine schon während des Schweizer Arbeitsdienstes begonnene Habilitationsschrift auf den Tisch des Dekans: Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Im gleichen Jahr, 1948, erhielt Kofler in Halle eine Professur für Geschichtsphilosophie – bei bestem studentischem Zulauf seiner Vorlesungen, und wenig später das Direktorat des [Seminars für mittlere und neuere Geschichte].
So unaufhaltsam der Aufstieg des Autodidakten zum Professor und Institutsleiter auch war, so schwindelnd war sein Fall. Die Kontroversen mit der ostdeutschen Bürokratie häuften sich. Koflers Habilitationsschrift wurde auf Idealismen hin untersucht, seine Vorlesungen verboten, er selbst als Trotzkist verdächtigt. Zu jener Zeit der Hochblüte des Spätstalinismus ein fürwahr lebensgefährlicher Vorwurf. 1950 kam er seiner Relegierung aus der SED zuvor, kündigte die Mitgliedschaft unüblicherweise selbst und verließ seine Wahlheimat, viel früher noch als Hans Mayer oder Ernst Bloch. Seine Frau Ursula, die er 1948 in Halle kennengelernt hatte, folgte nach wahrhaft mönchischer Arbeit. Die gesamten 230 Seiten seines inkriminierten dritten Buches Geschichte und Dialektik schrieb die Lehrerin mit der Hand ab, um die Arbeit vor Archiv und Versenkung zu bewahren. Möglich, dass der Sozialismus des Sozialismus größter Feind ist oder dass der DDR-Bürokratismus das Leben seiner Bewohner kafkaesk verbürokratisiert. Kofler hat ein eigenes Buch über Stalinismus und Bürokratie geschrieben, auch über Marxistischen oder stalinistischen Marxismus, allerdings, wie es die Zeit gebot, wieder unter Pseudonym als Jules Dévérité, zu deutsch: von der Wahrheit. Trotzdem hält er, Biermann ähnlich, die DDR für den besseren, weil zukunftsoffeneren Teil Deutschlands, wenn er selbst auch dort zur Persona non grata erklärt wurde.
Dem Westen jedenfalls war Kofler nicht weniger suspekt. In Berlin, seiner ersten Station, wollte man ihn nicht einmal am Aufbau teilnehmen lassen. Ein sozialistischer Doktor, den Professortitel verschwieg er, mit Hammer und Kelle? Undenkbar! Alles, was er erreichte, war, dass man ihn Nachtwache schieben ließ; bis beide sich elf Jahre lang in der Renaissance des Kalten Krieges im Herzen Kölns am Brüsseler Platz in einer 20-Quadratmeter-Wohnung einquartierten – mittellos, unterbeschäftigt, seine Frau in einer Schilderwerkstatt, Kofler Heimschriftsteller und immer noch gemieden. Allein an der Kölner Volkshochschule, an der er jetzt seit 25 Jahren kontinuierlich Vorlesungen hält, fand er offene Ohren und bei seinen vielzitierten Gesprächen mit dem Mann auf der Straße.
Immer noch die halbe Wahrheit. Da gibt es das professorale, überheblich Anmutende, wenn er, inzwischen (seit 1972) Professor der Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum, davon spricht, er sei der Arzt, der einfache Mann der Patient, der Mann kann allein gar nichts, nur der Intellektuelle vermag es, dem proletarischen Elend, der gesellschaftlichen Entfremdung aller arbeitenden Schichten zur Hoffnung ein Ziel hinzugeben. Darin unterscheidet sich Kofler von Herbert Marcuse, dem Theoretiker des Subproletariats. Marcuse abstrahierte in der Rede von der gesellschaftsverändernden Kraft durch die Ärmsten der Armen von der Notwendigkeit, den Arbeiter in seiner Ganzheit anzusprechen. Der Irrtum Marcuses bestehe darin zu glauben, wo die Entrechtung am größten ist, da entsteht auch die gewaltigste Empörung. „Als wenn nicht gerade die Tendenz zur Kopie gutbürgerlicher Lebensweise durch alle sozialen Schichten geht und Spontaneität total unterdrückt, gerade in den untersten.“ Nein, Kofler setzt auf das „Hyperproletariat“, auf die gebildeten Revolutionäre aus Kleinbürgertum und Bürgertum. Im Grunde glaubt er an die Macht radikaler Aufklärung. Denn wenn auch die technologischen Bedingungen unserer hochentwickelten Industriegesellschaft durchaus Wohlstand für alle Menschen hervorbringen könnten – darin stimmen Kofler und Marcuse überein –, die bewusstseinsmäßige, ideologische Befangenheit seiner Produzenten selbst ist es, die dies verhindert.
Die Existenz einer sogenannten nivellierten Mittelstandsgesellschaft, wie sie sich in der Literatur konservativer Soziologie der sechziger Jahre breitmachte, ist für den Soziologieprofessor Kofler also ein wissenschaftlicher Mythos. „Schauen Sie sich doch den Arbeiter in seiner Erbärmlichkeit an. Wie proletarisiert er ist, welchen spezifischen Sprachduktus er spricht. Seine Abgeschnittenheit von der Kultur, die ganze armselige Atmosphäre und Bedrücktheit seines Wohnens, die von übermäßiger Arbeit gekennzeichnete Physiognomie des Leibes. Während Bürger eine Kunstfertigkeit des ganzen Lebens kultivieren, einer Frau anders begegnen, Mätressen für sich anwerben, misslingt dem Arbeiter die Nachahmung total. Nur, dass das Misslingen beim Arbeiter Minderwertigkeitsgefühle kollektiver Art schafft, während es beim betroffenen Kleinbürger aus persönlichem Versagen begründet wird.“ Aber trotz aller Beschränktheit seiner Lebens- und Arbeitsweise sieht Kofler des Arbeiters eigenartigen Hang zum Utopischen. Wo sich Kleinbürgers Utopie losgelöst vom Technischen bewegt, antizipiert der Arbeiter tagträumerisch die Aneignung technologischer Möglichkeiten. Die Sehnsucht nach weitläufiger, totaler Freiheit steht dabei unter Voraussetzung einer hochentwickelten Technik. In diesem Sinne gewinne der „Prolet“ objektive Erkenntnis des unmittelbar Gegebenen. Wenn er auch selbst über Tagesziele nicht hinauskommt.
Gewiss, Antizipation, die aufs Ganze geht, bedarf auch bei Kofler einer avantgardistischen Parteiorganisation. Selbst die mögliche Bedrohung durch neue Elitenbildungen oder Etablierung einer rigiden Parteiorganisation sind ihm nicht das eigentliche Problem – Bürokratie sterbe im Sozialismus mit fortschreitender Entwicklung ohnehin ab –, sondern die „Ersetzung der Aufklärung der Bevölkerung durch ihre Liquidierung: die vollkommen überflüssigen Massentötungen im stalinistischen Russland der dreißiger Jahre“. Ja, er gesteht sogar zu, dass der Sozialismus Ost mit der ČSSR-Intervention statt „zwei Schritte vor, ein Schritt zurück“, wie es Altdialektiker Lenin prophezeite, gerade umgekehrt verlief, auch die demoralisierende Wirkung der bürokratischen Barbarei der DDR auf Biermanns Auftritt in Köln. „Oder glauben Sie etwa“, werden wir zurückgefragt, „dass ich in dieser Sache im nächsten halben Jahr die DDR öffentlich verteidigen kann?“
Aber wenn ihn auch Linke in Ost und West „das ganze Leben enttäuscht haben“, Leo Kofler ist Sozialist geblieben – ein Sozialist allerdings auch, der die „Kinderkrankheiten des Kommunismus“ (Lenin) in eigentümlicher Weise verleugnet, glaubt er doch immer noch, dass der Sozialismus seinem Ziel einer wahren demokratischen Gesellschaft näher käme über Fraktionierung innerhalb einer Einheitspartei statt über die Einführung eines parlamentarischen Mehrparteiensystems, dass „bürgerliche“ Redefreiheit jetzt im Osten eingeführt, die Zukunft des von ihm erhofften Sozialismus gefährde und dass in der Tat dem einzelnen drüben die Möglichkeit politischer und individueller Selbstverwirklichung „auf lange Sicht“ gegeben ist. Und hier nicht. Kein Zweifel, die Zukunft des Ostens ist die des Westens, östlicher Humanisierung wird westliche Humanisierung folgen, also ex oriente lux und nicht umgekehrt. Vielleicht glaubt es der siebzig Jahre alt gewordene Mann aber auch nur, weil er die Macht der Hoffnung und Bedürftigkeit für stärker hält als die normative Kraft des Faktischen.
Erstveröffentlichung unter dem Titel „Der bürgerliche Bürgerschreck. Zum 70.Geburtstag Leo Koflers“ in: Arbeiterzeitung (Wien), April 1977. [Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011]
