Jürgen Schnitzmeier: „Mir fehlen die übervollen Säle der APO-Zeit“

Bochum. Bedächtig und in Gedanken versunken schlurft Leo Kofler jeden Mittwoch, pünktlich um 10 Uhr, durch die langen Betonflure der Bochumer Ruhr-Universität. Den Mantel hat er sorgfältig über den Arm gelegt, seine Hand hält den Hut. Die andere trägt die Aktentasche, voll mit Büchern, die er auch diesmal wieder nicht brauchen wird, weil er bereits alles im Kopf hat, was er den Studentinnen und Studenten heute über des Neue Denken in der Sowjetunion und den „Gorbatschowismus“ erläutern will. Krawatte und Hemd stammen dem Schnitt nach noch aus den siebziger Jahren. Aus jener bewegenden Zeit der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition, als die Hörsäle zu klein waren, wenn Kofler seine dialektische Anthropologie über den „proletarisierten Bürger“ oder den „asketischen Eros“ entwickelte.

Heute [1987] ist der Hörsaal noch zur Hälfte gefüllt – immer noch ein überdurchschnittlicher Schnitt. Der 80jährige Kofler, einer der ältesten und profiliertesten marxistischen Theoretiker des alten Schlages, der Lenin und Stalin nicht nur aus Büchern kennt, sondern noch selbst erlebt hat, ist dennoch ein wenig wehmütig: „Mir fehlen die übervollen Säle, die mich in der APO-Zeit gedanklich inspiriert und animiert haben.“

Seit einigen Monaten jedoch ist Kofler wie in einem zweiten Frühling wieder aufgewacht. Der Grund: Sein alter Traum hat sich erfüllt: „Ich wollte immer so alt werden, dass ich den Umbruch in der Sowjetunion noch erlebe“, beginnt Kofler seine Vorlesung und gerät ins Schwärmen. Über das Neue Denken im Ursprungsland der Revolution, über Michail Gorbatschow und den von ihm praktizierten Gorbatschowismus. „Ein Glücksfall für den Sozialismus“, eine charismatische Führerpersönlichkeit im Sinne von Max Weber, so Kofler. Gorbatschow werde die bürokratische und verkrustete Ideologie „entdogmatisieren“, die „dialektische Demokratie“ verwirklichen und die sowjetische Wirtschaft revolutionieren, prophezeit der aufrechte alte Marxist den meist 60 Jahre jüngeren Studenten. […]

Die Studentinnen und Studenten klatschen am Ende der Vorlesung, nur in der gesamten bundesdeutschen Wissenschaftler-Zunft kümmert sich kaum einer um Koflers Analysen und Interpretationen. Seitdem der heute in einem alten Kölner Reihen-Mietshaus zurückgezogen lebende Theoretiker 1947 zusammen mit Ernst Bloch und vielen anderen linken Wissenschaftlern versuchte, mit der Neugründung der DDR einen deutschen Weg zum Sozialismus aufzubauen, dabei scheiterte und in die Bundesrepublik flüchtete, wird er in Politik und Wissenschaft geächtet: Orthodox-marxistische Theoretiker kreiden ihm seine Kritik am Stalinismus und am „bürokratischen Wiederaufbau der DDR“ an, bürgerlichen Soziologen ist er zu links, weil er nicht von der dialektischen Geschichtsauffassung und von einer sozialistischen Grundüberzeugung abschwor, der Frankfurter Schule um Theodor Adorno und Jürgen Habermas, weil Kofler mit Recht von sich behauptet, in der Bundesrepublik die marxistische Gegenposition zur kritischen Theorie zu vertreten.

Aber auch wissenschaftliche Ächtung kann den 80jährigen humanistischen Sozialphilosophen und Anthropologen Kofler nicht in seinem historischen Optimismus, seiner Lebensfreude und Vitalität brechen. Kofler ist ein aufrechter, unbequemer, konsequent-kritischer marxistischer Einzelgänger und Autodidakt. Persönlich erlebter und gelebter Marxismus ist es, aus dem Kofler seinen Optimismus und seine Vitalität schöpft. […]

Erst durch studentische Initiativen der APO und im Zuge des Reformeifers der sozialdemokratischen Hochschul- und Bildungspolitik erhielt Kofler 1973 eine Lehrstuhlvertretung an der Ruhr-Universität in Bochum. Dort lehrt er heute noch als Honorarprofessor. Mit achtzig Jahren, jeden Mittwoch. Wie lange noch? „Ich will noch erleben, dass Gorbatschow mit seinem Kurs Erfolg hat.“

Erstveröffentlichung in: Frankfurter Rundschau, 23.4.1987. [Vollständiger Nachdruck in Uwe Jakomeit u.a. (Hrsg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011]

Nach oben scrollen